Camping hat nichts mit Naturverbundenheit zu tun, sondern ist einfach nur würdelos

© Toby Wong | unsplash

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Und wie vermutlich jeder andere Mensch auch, liebe ich Urlaub. Ich liebe es, zu verreisen, gemeinsam mit Freunden neue Ecken zu entdecken und einfach eine gute Zeit zu verbringen. Wenn wir im Laufe der Planung dann aber auf das Thema Übernachtung kommen und mein persönliches Triggerword "Camping" in den Raum geworfen wird, würde ich am liebsten sofort den Rückwärtsgang einlegen und fliehen.

Versteht mich nicht falsch, weder bin ich der Typ Pauschalurlauber, der sein kleines Reich einfach nur an einen Pool an der türkischen Riviera verlegt, noch bin ich wahnsinnig wohl betucht aufgewachsen und habe in fancy Hotels geschlafen. Aber ich verstehe bis heute nicht, aus welchem Grund ich mich als erwachsener, mündiger Mensch darüber freuen sollte, in einem stickigen, niedrigen Zelt auf einer miserablen Matratze in einem Schlafsack schlafen zu dürfen. Camping ist eine Beleidigung der Würde eines jeden Menschen.

Camping ist eine Beleidigung der Würde eines jeden Menschen

Natürlich ist die Vorstellung schön, mit meinen Freunden im Sommer draußen zu sein, die lauen Sommernächte zu genießen, ein kühles Bier zu trinken und unterm Sternenhimmel einzuschlafen. Die Realität sieht aber meistens anders aus. Denn wenn man nicht gerade irgendwo in der Wildnis campt, was abgesehen von den skandinavischen Ländern in den meisten Ländern in Europa ohnehin verboten ist, hat man ziemlich viele Nachbarn. Und Zeltwände sind ziemlich dünn, sprich: Man hört und sieht alles und wer das für einen Moment vergisst, liefert den Zeltnachbarn ein kleines erotisches Schattenspiel mit Originalton.

Aber es muss ja noch nicht einmal zur trauten Zweisamkeit kommen, in der man sich mitunter gestört fühlt. Es reicht ja schon der Gang zur Toilette. Denn während man in anderen Umgebungen die Zeitung unterm Arm als unmissverständliches und doch schon fast subtiles Zeichen für Nummer Zwei auf der Toilette deuten kann, bewegt man sich auf dem Campingplatz viel direkter: Wer auf Toilette muss, der trägt nämlich seine eigene Klopapierrolle unterm Arm, die unmissverständlich schreit: „Hallo Freunde, ich muss mal kacken!“ Das sind Infos, die ich nicht von jedem einzelnen Campingplatzbesucher wissen muss. Und sie auch nicht von mir.

Außerdem heißt es ja, dass man sich im Urlaub auch mal was gönnen soll, was man sich sonst nicht gönnt. Von Downgrades, wie warmem Dosenbier, weil die Kühltasche überraschenderweise doch nicht so lange kühl hält oder lauwarme Dosenravioli, weil einer vergessen hat, die alte Gaskartusche auszutauschen, war aber nie die Rede.

Natürlich gibt es den berechtigten Einwand, dass man seinen Urlaub ja nicht 24/7 auf dem Campingplatz oder gar im Zelt verbringt, tut man im Hotel oder der Ferienwohnung ja auch nicht. Und das stimmt auch. Wenn ich allerdings vom ein oder anderen Aperol Spritz gut angeheitert von einer wunderschönen Sommernacht zurückkomme, erwartet mich dort zumindest ein (mit Glück) bequemes Bett, samt Bettdecke und Kopfkissen, auf das ich mich rücklings fallen lassen und bei Bedarf ein wenig zudecken kann.

Schon mal betrunken probiert, elegant ins Zelt zu schlüpfen? Das Scheitern ist vorprogrammiert

Wer aber schon mal versucht hat, betrunken diese dämliche Reißverschlusstür des Zelts zu öffnen, die Schuhe auszuziehen – damit es innen im Zelt nicht dreckig wird – und gleichzeitig halbgebückt durch den viel zu niedrigen, kleinen Zelteingang auf seine Luftmatratze zu robben, weiß, wie unglaublich würdelos das nicht nur aussieht, sondern auch ist. Von lauen Sommernächten ist dann meistens auch keine Spur mehr, denn im Zelt is es so kalt, dass man zusätzlich zu seinem Mumien-Reinhold-Messner-Schlafsack, in dem man sich so gut bewegen kann, wie in einer überdimensionierten Zwangsjacke, auch noch Wollsocken, eine Jogginghose und zwei Pullover zum Schlafen anziehen muss, weil der Boden einem einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Ich will nicht in einer Zwangsjacke schlafen. Ich will bei heißen Temperaturen das weiße Leinenlaken über meinem Körper spüren.

Und zu allem Übel wird es ab spätestens fünf Uhr morgens in dem kleinen Zelt so stickig, heiß und hell, dass du mit schweißüberströmtem Gesicht und einem mordsmäßigen Schädel aufwachst und verzweifelt versucht, dich aus deinem eigenen Kokon zu schälen, um endlich aus diesem Treibhaus zu entkommen.

Vielleicht muss man zum Camper geboren werden. Die schönsten Kindheitserinnerungen auf Campingplätzen in Italien gesammelt, oder die ersten Knutschereien im Zelt erlebt haben, um ein nostalgisches Gefühl für Camping zu empfinden und bereit zu sein, seine Würde vorne beim Campingplatzwart abzugeben. Aber ich war als Kind nie campen und werde das in Zukunft auch nicht mehr tun. Sorry, Freunde.

Vielleicht muss man zum Camper geboren werden, um ein nostalgisches Gefühl für Camping zu empfinden und bereit zu sein, seine Würde vorne beim Campingplatzwart abzugeben.
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