Wie ich mal ein Sex-Date wie ein Mann haben wollte

© Valeria Boltneva | Pexels

von Sara Tiendorff

Ich lerne noch immer die Regeln des Online-Datings. In diesem merkwürdigen Mikrokosmos aus Likes, Crushes und ersten Dates gelten eigene Gesetze. Vor einiger Zeit habe ich gelernt, wie ein Online-Sex-Date funktioniert.

Wir haben nur ein paar Sätze geschrieben und dann fragte er mich, ob er vorbei kommen solle. Es war schon spät. Gegen 23 Uhr war er dann bei mir. Mir war klar, worum es hier geht. Ich war super aufgeregt und nervös. Mein Mitbewohner war zu Hause, sicher ist sicher. Er kam also die Treppe hoch und stand dann vor mir. Er war mir sofort sympathisch. Wir haben auf dem Balkon gechillt, ein bisschen Bier getrunken und uns unterhalten. Wir hatten auch gemeinsame Themen, aber es entwickelte sich dabei keine von diesen intensiven Unterhaltung, die man mit Menschen hat, mit denen die Chemie so richtig stimmt. Geflirtet haben wir irgendwie auch nicht. Trotzdem haben wir dann angefangen uns zu küssen. Seine Küsse waren intensiv und zärtlich und schön. Seine Haut war ganz hell und weich, er hat toll gerochen und es hat sich schön angefühlt, ihm nah zu sein. Nicht magisch. Aber schön. Körperlich schien unsere Chemie wirklich gut zu passen. Die Kommunikation zwischen uns funktionierte auch. Und irgendwie war ich froh, dass es offenbar doch noch Menschen gibt, die Sex genau wie ich zu einem gemeinsamen Erlebnis machen wollen. Für Magie fehlte mir wahrscheinlich die gemeinsame geistige Ebene mit ihm. Aber es war einfach schön. Und gut.

Unendlich sexy und begehrenswert

Wir konnten uns aufeinander einlassen und taten uns gut. Ich bekam einfach nicht genug von seiner zarten Haut. Er gab mir das Gefühl, unendlich sexy und begehrenswert zu sein. Schon als er mich auszog, drückte er seine Entzückung über meinen Körper aus und machte mir Komplimente. Ich hatte das Gefühl, ich müsse ihm nicht zeigen, was ich mag oder auch nicht mag. Er wusste es einfach. Oder war es Zufall, dass er genau das zu mögen schien, was ich auch mag? Ich fühlte mich umhüllt von seiner Zärtlichkeit und Leidenschaft und seinem Begehren. Zarte Berührungen, die trotzdem leidenschaftlich und auch ein bisschen fordernd waren. Während ich auf ihm saß, ließ er sich in meine Bewegungen fallen. Er versuchte nicht, seinen Rhythmus durchzusetzen und so konnten wir alles andere vergessen und tatsächlich miteinander sein. Auf dem Bauch liegend brachte er mich durch seine Bewegungen in mir, die Küsse in meinem Nacken und das zarten Streicheln zum Höhepunkt.

Obwohl er noch nicht gekommen war, zog er sich zurück und erklärte mir, dass er mit Kondomen oft sehr lange brauchen würde, um kommen zu können. Er wirkte aber auch ohne Orgasmus nicht unzufrieden oder fordernd. Ich fragte nur, ob ich ihm einen Handjob geben solle und er freute sich sehr über das Angebot.

Gibt es Regeln für Sex-Dates?

Wir lagen so zusammen im Bett herum und stellten gemeinsam fest, dass das wirklich guter Sex war. Insbesondere für ein erstes Mal. Anschließend fragte er mich, ob das ein One-Night-Stand war oder ob wir uns wieder sehen wollten. Wir einigten uns darauf, dass es schön wäre, das zu wiederholen. Dann stand er auf, um sich anzuziehen. Ich meinte, er könne natürlich auch bleiben, doch er wollte lieber nach Hause, weil er am nächsten Tag früh raus musste. Das war dann wohl mein erstes Sex-Date. Ich war zufrieden und müde und schlief entspannt ein.

Wir trafen uns noch ein weiteres mal und wieder war es gut. Als ich begann, jemand anderen zu daten, fragte ich mich, ob ich ihm das mitteilen sollte. Ich fragte in einer Freundesrunde nach Meinungen. Meine Freundin antwortete prompt: “Nö, halt ihn dir warm für später, so machen die Männer es auch.” Vermutlich lässt sich das nicht verallgemeinern, aber doch hatte ich das Gefühl, dass sie recht hat. Mir fiel auf, dass mein Online-Sex-Date immer die Regeln für unsere Treffen gemacht hatte. Ich hatte nur auf ihn reagiert. Das war für mich in diesem Moment vollkommen in Ordnung.

Aber funktionieren solche Begegnungen für Hetero-Männer tatsächlich nur auf diese Weise? Man(n) fragt sehr spät abends, ob man zu ihr nach Hause kommen könne, schläft mit ihr und geht anschließend nach Hause. Danach meldet man sich sporadisch und fragt, was sie so treibt und hält sie sich warm, für alle Fälle. Und wenn es wirklich gerade passt, sieht man sie wieder. Ich will mich überhaupt nicht beschweren, für mich hat es in diesem Fall auch wunderbar funktioniert. Er hat mir nichts vorgespielt, war sehr ehrlich und ich fühlte mich wohl mit ihm.

Sex wie ein Mann

Einige Zeit später chattete ich mit einem Mann über eine Dating-App. Ich schlug ein Treffen am Wochenende vor und er willigte ein. Am Freitagabend sollte es soweit sein. Mein Vorschlag war, sich in einer Bar zu treffen. Er meinte daraufhin, dass er auch zu mir kommen könne und fragte auch, ob es okay sei, wenn wir uns erst später treffen würden. Dieses Muster kam mir bekannt vor und so entschied ich mich bei diesem Sex-Date (etwas anderes konnte es ja wohl kaum sein), die Entscheidungen zu treffen. Ich wollte gerne Sex haben wie ein Mann. Oder zumindest so, wie ich mir vorstellte bzw. erfahren hatte, wie Männer Sex-Dates haben. Also ließ ich mir Zeit, blieb länger bei meinen Freunden und schrieb ihm erst, als ich nach 21 Uhr auf dem Rückweg war. Ich meinte, er könne dann später zu mir kommen, ich hätte aber nicht aufgeräumt, um klar zu machen, dass alles ganz casual ist.

Er kam gegen halb elf zu mir. Er wirkte in echt ganz anders als auf seinen Bildern. Viel jünger und irgendwie unschuldiger. Trotzdem gefiel er mir optisch gut. Und ich fühlte mich auch zu ihm hingezogen. So richtig gut reden konnte ich aber nicht mit ihm. Es war schwer, etwas aus ihm heraus zu bekommen. Jedenfalls etwas wirklich Wichtiges. Er hielt sich mit Gefühlsäußerungen sehr stark zurück, was ich schade fand. Menschen, deren Blick und Körpersprache nicht dem zusammenpassen, was sie sagen, irritieren mich. Oft frage ich mich dann permanent, was diese Menschen wohl denken, ob ich ihre nonverbale Kommunikation falsch einschätze oder ob sie mehr zu sagen hätten. Kaum etwas finde ich anstrengender als die immer wiederkehrende “Was beschäftigt dich?”-“Nichts!”-Konversation. Aber um Unterhaltungen ging es bei diesem Treffen ja auch nicht. Ich erinnerte mich an meinen ursprünglichen Plan: ein Sex-Date durchziehen, wie ein Mann es machen würde.

Das hatte ich mir anders vorgestellt

Wir begannen uns zu küssen. Überraschenderweise konnte er das wirklich gut. Seine Verschlossenheit schien ihn hier nicht zu hindern. Er war ruhig, selbstsicher und leidenschaftlich. Der Sex war auch ganz gut. Nicht außergewöhnlich, aber auch nicht schlecht. Es irritierte mich, dass er mir offensichtlich auf keine Weise mitteilen konnte, was von dem, das ich tue, ihm gefällt. Oder ihm gefiel einfach nichts von dem, was ich tat. Ein merkwürdiges Gefühl. Nach dem Sex fragte ich ihn, ob er jetzt nach Hause gehen mag. Ich formulierte es tatsächlich als Frage. Es war keine Aufforderung. Ich ging schlichtweg davon aus, dass er nicht bleiben wollen würde. Und außerdem hatte ich ja auch diesen Plan.

Er schaute mich wie ein angefahrenes Reh an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Also ergänzte ich, dass er auch bleiben könnte. Also blieb er. Und auch am nächsten Morgen machte er lange keine Anstalten zu gehen. Bis ich tatsächlich zu ihm sagte, dass ich ihn jetzt rausschmeißen müsste. Bis er losging, verging noch einige Zeit. Irgendwie hatte das nicht so hingehauen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Er ließ mich irritiert zurück. Als er mir später schrieb, entschied ich mich, ihn ganz direkt zu fragen, was unser Date für ihn war und ob er mich wiedersehen wolle und warum. Meine Direktheit überforderte ihn offenbar und es fiel ihm schwer, etwas zu formulieren. Er schrieb etwas von Sex und kennenlernen. Als ich ihm mitteilte, dass es für mich ein Sex-Date war und ich mir auch nur vorstellen könne, ihn wenn dann für Sex zu treffen, überforderte ihn das erneut. Überrascht fragte er mich, wie genau das ablaufen solle und was das bedeuten würde. Er hätte noch nie eine solche Vereinbarung gehabt. Ich war sprachlos und auch abgeturnt.

Pfeif' auf Regeln!

Ich habe ihn nicht wieder gesehen. Sex zu haben wie ein Mann scheint keine meiner Stärken zu sein. Oder die Regeln, wie ich annahm, sind einfach großer Quatsch. Meinem ersten Online-Sex-Date habe ich bei der nächsten Gelegenheit dann doch geschrieben, dass ich jemand anderen treffe und ihn darum nicht mehr treffen möchte. Vermutlich ist es doch am besten, auf alle Regeln zu pfeifen und einfach das zu machen, was sich für mich gut anfühlt.

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