Und worauf verzichtest du so?

© Daliah Hoffmann

In ihrer Kolumne "Fragen an das seltsame Leben" stellt Autorin Ilona Fragen zu den großen, aber vor allem zu den kleinen, unscheinbaren Rätseln des Alltags. In dieser Episode fragt sie sich, was demonstratives Verzichten mit unserem Selbstbild macht.

Eine ganze Zeit lang im Leben der Menschen, vielleicht so 50 000 Jahre, war Verzicht nichts Selbstgewähltes. Man hatte nix und wenn man was hatte, musste man es gleich wieder hergeben. An den Stammesführer, den Gutsherren, Gott, die unüberschaubare Anzahl von Kindern, die man sich halten musste oder an andere tagesaktuelle Despoten. Bewusster Verzicht war wenn, dann religiös motiviert: kein Fleisch am Freitag, nur einen Ehepartner, nur einen Gott, den Depp von nebenan nicht mit der Mistgabel erschlagen etc. Dass der Mensch genug von allem besitzt, um nun freiwillig auszusortieren und sich für oder gegen etwas zu entscheiden, ohne damit Komfort, Leben oder Gesundheit zu riskieren, ist ein sehr junger und moderner Luxus.

Wir generieren unser Selbstbild mittlerweile nicht mehr nur durch das, was wir mögen, sondern auch immer mehr durch das, worauf wir verzichten.

Denn heute verzichten wir angesichts des allgegewärtigen Überflusses ausgesprochen viel und gerne. Etwas nicht zu tun, zu essen, zu besitzen oder zu mögen ist vielleicht sogar wichtiger geworden als das, was wir gerne tun, essen, besitzen oder mögen. Wir generieren unser Selbstbild mittlerweile nicht mehr nur durch das, was wir mögen, sondern auch immer mehr durch das, worauf wir verzichten. Das bedeutet, um einen Menschen einzuschätzen, kennenzulernen und zu verstehen, reicht es nicht mehr, nur zu wissen, was die Person mag, sondern auch, was sie ganz bewusst aus ihrem Leben streicht.

Dabei gibt es bestimmte Bereiche, innerhalb derer unsere charakterbildende Abneigung besonders gut sichtbar wird: Essen, Kultur, Kleidung und Formen der Lebensführung zum Beispiel. Durch diese symbolische Abgrenzung entstehen Subkulturen und Zugehörigkeiten – und dementsprechend zwischenmenschliche Anziehungsfelder. Gemeinsam das Gleiche zu meiden, macht das Zusammenleben auf einem einfachen Level sehr harmonisch. Mittlerweile gibt es sogar eine Dating-App namens Hater Dater, die Menschen danach zuordnet, was sie gemeinsam nicht mögen.

"Sag mir, worauf du verzichtest und ich sag dir, wer du (nicht) bist"

Und oh, diese Liste ist lang. Man verzichtet auf Fleisch, tierische Produkte, Zucker, Alkohol, Autofahren, Sex, Internet, Religion, Kinder oder Plastik; im Straßenbild sieht man viele, die auf guten Geschmack oder die passende Jeansgröße verzichten und jeder hat mindestens schon mal neben einer Person im Bus gesessen, die offenbar Mund- und Körperhygiene ablehnt. Im Netz finden sich noch mehr, sehr spezifische Antihaltungen dazu, was Menschen nicht mögen oder aus Protest nicht mitmachen: Montage, Gefühle, Weinproben, Small Talk oder, wie ich im Morast einer amerikanischen Meme-Seite lesen musste, „Fernbeziehnugen, sofern die Distanz länger ist als mein Penis“. Uff.

Jedenfalls: Sag mir, worauf du verzichtest und ich sag dir, wer du (nicht) bist. Auf diese Art kommt man dem Kern einer Person sehr viel schneller nahe als über liebliches Vorliebengeplauder. Deshalb sollte man bei ersten Dates statt des langweiligen Geplänkels um Lieblingsfarbe, Lieblingsjoghurtsorte und Lieblingsdiktator („Ich fand ja den jungen Mussolini ganz sexy“) direkt bei den bewussten Auslassungen einsteigen. So ist das Tinder-Date unter Umständen sehr viel schneller vorbei, aber man erspart sich jahrelanges Beziehungsleid inklusive Verlegenheitshochzeit, weil sich keiner traut, nach 11 Jahren Aushalten plötzlich doch noch Schluss zu machen. Das Gespräch bei so einem Date würde vermutlich so ablaufen:

"Und worauf verzichtest du so?"

A: Hi, interessantes Hemd. Warum hast du kein schönes angezogen?
B: Meine Mutter kauft für mich ein, seit ich ins Dachgeschoss gezogen bin.
A: Das heißt, du wohnst noch zu Hause?
B: Genau. Ich weigere mich, auf dem Berliner Wohnungsmarkt den Immobilienhaien zum Fraß vorzuwerfen.
A: Verstehe. Der Abnabelungsprozess von der Mutter dauert ja auch.
B: Ja, das Abstillen war hart, aber wir wussten beide, dass sie zur mündlichen Verteidigung meiner Master-Arbeit nicht hätte mitkommen dürfen.

(A schluckt)

A: Trinken ist übrigens ein gutes Stichwort. Was möchtest du trinken?
B: Ein Glas Milch, bitte. Am besten etwas angewärmt auf 37 Grad, wenn es geht.

(A schließt gequält die Augen)

A: Ich nehme ein stilles Wasser.
B: Verzichtest du generell auch auf Alkohol?
A: Nur, wenn ich später noch den Fluchtwagen fahren muss.

(B blickt sich unsicher um)

A: Naja, und sonst so? Was sind die drei Dinge, auf die du bewusst verzichtest?
B: Small Talk zum Beispiel. Vielleicht können wir einfach gleich über was Richtiges reden.
A: Gerne. Wie viele Beziehungen hattest du bisher?
B: Oh, so einige. Das Problem ist meistens, dass niemand zu mir und meiner Mutter ins Dachgeschoss ziehen will, aber ich halte nichts von Fernbeziehungen.
A: Aber nur, weil jemand nicht bei dir wohnt, ist es doch noch lange keine Fernbeziehung?
(zwinkert lasziv): Weißt du, für mich ist alles eine Fernbeziehung, bei dem die Distanz länger ist als mein Penis.

(A flieht durch einen Lüftungsschacht an der Wand und wirft dabei mehrere Stühle sowie Bs Milchglas um. Beide sterben einsam)

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