Dieser Berliner KPMG-Mitarbeiter wohnt in einem Wohnwagen

© Kerstin Musl

Wer hatte nicht schon mal den Wunsch, seine sieben Sachen zu packen und einfach wegzufahren – weit weg und auf unbestimmte Zeit? Ich hatte diesen Drang schon öfter und es kam wiederholt vor, dass ich mehrere Wochen bis Monate mit meinem Backpack verschwand. Auf der Suche nach Abenteuer und Freiheit. Doch spätestens als das Geld alle war, musste ich wieder zurück. Denn reisen und gleichzeitig Geld verdienen klappte bei mir bisher noch nicht. Bei Mathias funktionierte dies jedoch wunderbar und er ist jetzt nur durch einen Zufall wieder in seiner Heimat Berlin gelandet. Das Abenteuer lebt er immer noch – in seinem Wohnmobil.

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Mathias kommt ursprünglich aus der Nähe von Heidelberg und hat im Herbst 2016 seinen Master in Wirtschaftsinformatik in Berlin erfolgreich abgeschlossen. Zu dieser Zeit ging auch seine Beziehung zu Bruch. Er zog daraufhin aus der gemeinsamen Wohnung aus, verkaufte all seine Möbel und reiste erst mal mit dem Backpack herum. Schnell wurde ihm klar, dass er mehr reisen wollte und am besten in Verbindung mit arbeiten. Da er selbstständig ist und von unterwegs seine Kunden betreuen konnte, war dies kein Problem. Die große Frage war nur: Wie? Er hat lange gesucht und recherchiert, bis er schließlich die perfekte Lösung für sich fand: einen Ford Nugget.

Das war zu Ostern und seitdem ist er viel mit seiner neuen Wohnung gereist. Er startete an der Ostsee und fuhr bis Skandinavien, arbeitete maximal 4 bis 5 Stunden pro Tag und genoss ansonsten das Leben und die neu gewonnene Freiheit und Flexibilität mit seinem Wohnmobil. Vor einem Monat jedoch bekam er ein reizvolles Angebot, welches er nicht ausschlagen konnte und wollte und so kam er zurück nach Berlin. Seit gut zwei Wochen arbeitet er nun als Datenanalyst bei dem Wirtschaftsprüfungsinstitut und denkt gar nicht dran, sein Vagabunden-Leben im Wohnmobil aufzugeben. Davon wollte ich mir selbst ein Bild machen und hab ihn in seinen 10 Quadratmetern besucht.

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Der silberne Bus steht unscheinbar an der Straße und Mathias steht strahlend in seinem grauen Anzug davor. Jeden Morgen verlässt er so seinen Bus. Viele Fragen schwirren mir durch den Kopf. Wo gehst du duschen? Hast du ein Klo im Bus? Hast du Angst in der Stadt mit dem Bus? Hast du schon mal Strafe gezahlt? Wo wäscht du deine Wäsche und bügelst deine Anzüge? Mathias lacht und zeigt mir anschliessend seinen Bus mit all seinen Facetten und Extras.

Duschen im Sportstudio und die Toilette verrichten im Café

Als erstes zeigt er mir die Dusche. Simples Design, hält wunderbar mit einem Saugnapf an der Außenseite des Wagens. Verwirrt suche ich einen Sichtschutz, er klärt mich auf: "In Berlin brauche ich diese Dusche nicht. Es hat immer irgendwo ein Fitnessstudio oder Schwimmbad auf, wo ich mich duschen gehen kann. Und sonst gibt es auch noch Duschen in den Kellerräumen meiner neuen Firma." Puh, okay, ich hab ihn mir schon duschend mitten auf der Hermannstraße vorgestellt. Seine Anzüge bewahrt er in dem kleinen Schrank im Bus auf und wenn sie schmutzig sind, bringt er sie zur Reinigung.

Auch gut, aber was ist mit dem Klo? Auch das, meinte er, ist kein Problem, vor allem nicht als Mann. "In Berlin hat doch rund um die Uhr eine Bar oder ein Späti geöffnet, die lassen dich meist aufs Klo gehen. Und für den Notfall hab ich das hier." Er holt einen Klappstuhl hervor mit einer Klobrille zum einrasten. Ich bin sprachlos. Mit so einem mobilen, simplen Klodesign hätte ich jetzt nicht gerechnet.

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Strom und Licht bekommt er mit Hilfe einer Batterie, die sich beim Fahren immer wieder auflädt, die versorgt auch den Kühlschrank. "Die Batterie ist ein wenig zu klein, die wird schnell leer, vor allem wenn ich viel Strom für den Laptop brauche und nur kurze Strecken mit dem Wohnmobil zurücklege. Aber da will ich mir bald so ein Solarpanel holen.", erzählt mir Mathias weiter. Was mich auf die nächste Frage bringt: Wie lange er denn noch hier wohnen bleiben will, wenn er jetzt doch wieder einen festen Bürojob hat? "Bis zum Winter auf alle Fälle und wenn es dann nicht zu kalt wird in der Nacht vielleicht auch noch länger."

Solange ich jeden Tag woanders parke, kriege ich keine Probleme.

Eine eigene, neue Wohnung kann er sich momentan überhaupt nicht vorstellen. Er liebt es, jeden Tag unterwegs zu sein und so minimalistisch zu wohnen. "Ich hab hier alles, was ich brauche, ich bin total zufrieden.", sagt er mit einem Lächeln und seine Augen funkeln durch die Brille. Auch das tägliche Hochklettern ins Bett stört ihn nicht, die Aussicht vom Dachfenster macht es wieder wett. Die Post wird ihm von einem Start-up eingescannt und per Mail geschickt, die Arbeitskollegen wissen von seiner außergewöhnlichen Wohnsituation und finden es toll. Auch Angst hatte er noch nie. Nicht vor der Polizei und nicht vor Einbrecher. "Solange ich jeden Tag woanders parke, kriege ich keine Probleme.", verrät er mir. Ich bin irgendwie fasziniert über seine Gelassenheit aber auch über seine Zufriedenheit.

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Als ich mich von Mathias verabschiede, bin ich fast ein wenig wehmütig und neidisch. Irgendwie hätte ich auch gern so ein Wohnmobil und diesen kleinen verrückten Handstaubsauger. Mehr Luxus geht auf Reisen wahrscheinlich nicht.

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