6 Dinge über Sex, die wir von der Pornodoku "Hot Girls wanted" lernen können

© Netflix

In Zeiten, in denen wir von so viel Sex umgeben sind wie nie, wird genau das kaum thematisiert. Stattdessen wird über die Liebe gesprochen oder über neue Beziehungsmodelle. Die neue Doku-Reihe bei Netflix "Hot Girls wanted: Turned on" macht genau diesen Fehler nicht – und man kann eine Menge dabei lernen.

"Hot Girls wanted", die 2015 bei Netflix erschienene Doku über den Einstieg, Aufstieg und Ausstieg junger Frauen in und aus der Porno-Industrie wurde Millionenfach angeklickt und geschaut. Klar: Sex sells. Was die Zuschauer zu sehen bekamen, war aber kein billiger Voyeurismus, sondern das harte Geschäft der (amerikanischen) Porno-Industrie. Die Dokumentation wurde von Medien und Zuschauern gefeiert und gelobt – kein Wunder also, dass es nun den Nachfolger gibt: „Hot Girls wanted: Turned on“.

In 6 Folgen gehen die Macher jetzt noch einen Schritt weiter und beschäftigen sich nicht nur mit der Hardcore-Porno-Industrie, sondern mit einer Gesellschaft, die von Sex umgeben ist – und durch Pornos, Tinder und immer neuen, noch krasseren Reizen verändert wird. Dabei kann man eine Menge lernen:

1. Porno muss nicht frauenverachtend sein

Deep Throat bis zum Kotzen, Demütigung, Gewalt: Das alles ist normal geworden in den Pornos, die wir finden, wenn wir auf den Streaming-Seiten dieser Welt unterwegs sind. Es geht eben immer noch ein bisschen tiefer, härter, krasser. Gleich die erste Folge thematisiert diese Inhalte und stellt zwei Frauen vor, die versuchen, dem etwas entgegenzusetzen. Besonders interessant ist hier Erika Lust, die Filme produziert, die die Frau gleichstellen. Sie sagt: „Es geht in den herkömmlichen Filmen immer nur um die Lust des Mannes.“ Um das zu ändern, verfilmt sie zum Beispiel erotische Phantasien, die Leser*innen einsenden können – das Ganze ist ein Crowdsourcing-Projekt namens XConfessions, das man hier sehen kann. Dabei ist Sex gleichberechtigt. Die Frau (oder Frauen) stehen genau so im Mittelpunkt des Geschehens wie die Lust des Mannes oder der Männer. Dass das Ganze „feministischer Porno“ genannt wird (zum Beispiel bei Wikipedia) sagt schon eine Menge über Pornos aus: Dass Filme, in denen die Frau nicht ungefragt gedemütigt wird, in der Punishment und Deep Throat nicht selbstverständlich sind, als „feministisch“ bezeichnet werden, erzählt uns viel darüber, wie rückständig Pornos 2017 eigentlich sind.

Erika Lust. © Netflix
Dass Filme, in denen die Frau nicht ungefragt gedemütigt wird, als „feministisch“ bezeichnet werden, erzählt uns viel darüber, wie rückständig Pornos 2017 eigentlich sind.

2. Porno ist moderne Sexualerziehung

Tja, liebe Lehrer*innen: Die Wahrheit ist, dass ca. 40 % aller 14- bis 18-Jährigen sagen, dass sie mehr über Sex von Pornos als im Sexualkundeunterricht gelernt haben. Kennt man ja auch von sich selber: Nicht in Bio haben wir zum ersten Mal gesehen, wie man bläst, lutscht, leckt, fickt und ein Kondom so benutzt, dass es nicht komisch, sondern irgendwie natürlich oder sogar sexy ist – sondern in Gesprächen, Filmchen, Heften, in der Bravo (Entschuldigung, die Autorin dieses Artikels ist über 30) und später aus Pornos. Was aber lernt ein 14-Jähriger heute, wenn er sich auf YouPorn, PornHub & Co. Sex anschaut? Exakt: Alle Frauen sind willenlose Fickpuppen, die wie Dreck behandelt werden wollen. Und alle Männer sind Fickmaschinen, die immer können, gigantische Schwänze haben und Frauen am liebsten weh tun. Höchste Zeit also, dem etwas entgegenzusetzen. Das wird wenig ändern – aber gar keine andere Sicht auf diese Dinge wäre ein trauriges Urteil über uns und unsere Sicht auf Sex.

3. Sei nicht wie James.

© Netflix

Besonders eindrucksvoll ist die 2. Folge der Staffel: Das Film-Team begleitet einen Mann namens James zu Dates. James ist so etwas wie ein Hardcore-Tinder-User. Er sieht recht gut aus, veranstaltet Partys und war mal bei Big Brother. Früher fanden ihn alle Frauen nur nett, heute fickt er sie alle kaputt. Das ist James' Leben: Partys machen und Frauen ficken. Dabei ist es ihm ziemlich egal, wie es den zahlreichen Damen geht, die er gleichzeitig datet – er postet, um Schluss zu machen, einfach ein paar Snaps mit einer neuen Dame und zack: Problem gelöst. Falls die anderen Girls immer noch so dämlich seien, sich zu melden, ignoriere er sie eben einfach, meldet sich nicht mehr. In seinem Gesicht: Verachtung und Argwohn.

Früher landete er nämlich immer in der „Friendzone“. Dann kam ein bisschen Fernsehruhm und Groupies und James' Metamorphose: die Auswahl an Frauen schier endlos, die „Girls“ alle willig und „charakterschwach“ (seine Aussagen) – endlich konnte der kleine „du bist so nett, wie ein Bruder“-James sterben und der „3 Dates höchstens, danach schieße ich die Bitch ab“-James aus der Asche auferstehen. Natürlich macht er das alles nur, weil er mal so verletzt war – das sollen zumindest seine traurigen Geschichten suggerieren, die er aus seinem „früheren Leben“ erzählt. Bis dann eine vor ihm sitzt und den einen Satz sagt, der auch bei einem wie James etwas auslöst: „Du kannst so nicht mit Menschen umgehen, das verletzt andere.“ Ja, so einfach ist das. Denn:

4. Akzeptiere nicht, dass jemand beschissen mit dir umgeht.

Etwas, das Menschen wie James (und ja, es gibt auch genug Frauen, die sich so verhalten) das Leben sehr leicht macht, sind andere, die so mit sich umgehen lassen. Nennen wir es das „James-System“. Das „James System“ funktioniert, weil Menschen wie er immerzu auf andere treffen, die von 3 Dingen ziemlich überzeugt sind, nämlich:

  • …, dass sie zwar 350 Matches und ständig Dates mit verschiedenen Menschen haben, aber der andere nur sie datet.
  • …., dass „Ich wurde mal sehr verletzt / hatte eine schwere Kindheit / kann mich nicht so gut einlassen“ eine super Entschuldigung für beschissenes Verhalten ist und….
  • …, dass Typen wie James eigentlich ganz liebevolle, empfindsame Menschen sind, die nur von der Richtigen / dem Richtigen gerettet werden wollen. Und der / die Richtige ist man natürlich selber. Immer.

Genau diese Überzeugungen bringen auch die Frauen, die James dauen, dazu, sich für alles, für die Welt, für James, für sich zu entschuldigen. Das James-System funktioniert so also immer weiter. Schließlich ist er nicht Schuld, wenn eine verletzt ist, sondern die Frauen. Die entschuldigen sich ja auch, also ist die Sache klar, er kann ja nichts dafür, wenn die glauben, dass es hier um mehr als Spaß geht. Und leider hat er auch ein bisschen Recht. Denn wer akzeptiert, dass er nicht gut behandelt wird, wer sich sogar noch für sich selber entschuldigt und glaubt, so ein Verhalten verdient zu haben, ist Teil eines Systems, das Männer und Frauen, die wie James sind, nur am Laufen halten, weil andere das mit sich machen lassen.

Hier die Wahrheit: Nein, du bist vermutlich nicht das einzige Match deines Dates und wenn genau dieses Date dich wie Dreck behandelt, sich nur sporadisch meldet, sich kaum Mühe gibt und dich beim ersten Anzeichen von Missstimmung abschießt, ist das nicht deine Schuld, sondern einfach nur, was es ist: schlechtes Benehmen. Und PS: Jemand, der dich wirklich mag, zeigt dir das. Indem er sich meldet, ehrlich über sich und mit dir spricht und lieb zu dir ist. So easy.

5. Der Wert eines Menschen definiert sich nicht über seine Fuckability

© Netflix

Wie freiwillig Frauen zu Cam-Sex-Girls, Porno-Darstellerinnen und Prostituierten werden – diese Frage stellt „Hot Girls wanted“ schon in der ersten Dokumentation. Und auch im Nachfolger „Turned on“ werden junge Mädchen begleitet, die raus aus dem Kaff und rein in die vermeintlich so schillernde Porno-Welt wollen. Rücksicht genommen wird hier nicht: Wer abstürzt, krank wird oder Zweifel hat, wird eben aussortiert. Bis dahin nimmt die Branche, was sie leicht kriegen kann: Mädchen, die sich zu fast allem bringen oder eben zwingen lassen. Das liegt zum einen natürlich an der Armut, aus der die Frauen kommen (aber nicht nur, schließlich entscheiden sich auch genug Mädchen aus weniger oder gar nicht ärmlichen Umständen für diesen Weg), zum anderen aber auch am Alter und daran, was schon im ersten und zweiten Punkt Thema war: Hardcore-Sex ist nichts Außergewöhnliches. Viele der Interviewten berichten, dass sie schon als Kinder und Jugendliche mit Pornos konfrontiert waren – in der Schule, Zuhause, im Internet eben. Das Bild, das sie von sich haben, ist ein Resultat dieses Konsums: Die Frau an sich ist am Ende nur die Muschi, das Arschloch, der Mund, in das die Schwänze von brutalen, immer potenten, immer geilen Typen gesteckt werden. Dieses Bild mag sie scheinbar amüsieren (wenn sie zum Beispiel für viel Geld ihre Unterwäsche verhökern), im Grunde ist es aber ein zutiefst zynisches Menschenbild, das hier gezeichnet wird: Das Ich als Konsumobjekt, als Fickmaschine, als gieriges, geistloses Stück Fleisch. Nur so lange etwas wert, wie es fuckable ist. Spätestens, wenn die Frauen und Männer aussortiert werden (weil sie zu alt, zu krank, zu traurig werden), wird ihnen klar, dass Muschis, Schwänze und Brüste nicht das sind, was sie am Ende als Mensch wertvoll macht.

Spätestens, wenn die Frauen und Männer aussortiert werden, wird ihnen klar, dass Muschis, Schwänze und Brüste nicht das sind, was sie am Ende als Mensch wertvoll macht.

6. Was geklickt wird, entscheidet, wie gefickt wird

Die Porno-Industrie ist eine Branche, wie jede andere auch. Sie sorgt sich um Geld, Klickzahlen und Torrent-Seiten. Und sie kann Statistiken lesen. Wenn eben genau diese Statistiken sagen, dass Filme am besten verkauft werden, wenn die Praktiken darin immer brutaler und absurder werden – dann richtet sie sich danach. Das kann man falsch und furchtbar finden oder aber dafür sorgen, dass das eigene Konsumverhalten etwas bewirkt. Wenn wir uns also das nächste Mal den Finger in die Muschi schieben oder abspritzen zu Streams, in deren Titel schon Punishment, „Force“ oder „Bukkake“ steht, wäre es eventuell eine Überlegung wert, welches System wir damit unterstützen.

Und jetzt?

Zu behaupten, dass alle Frauen in der Pornoindustrie gezwungen werden, wäre zu einfach. Zu behaupten, dass Gewalt und Demütigung nicht auch spielerische Elemente eines Sexlebens sein können, auch. „Hot Girls wanted: Turned on“ zeigt zudem nur eine Seite der Industrie: nämlich hauptsächlich eine westlich geprägte, zumeist amerikanische.

Sexualität und die Darstellung von Erotik waren aber schon immer ein guter Spiegel der Gesellschaft. Tabus erzählen uns nämlich auch immer eine Menge darüber, welche Werte wir leben wollen – und was wir nur heimlich und ausnahmsweise geil finden. Es ist gut, dass Sex in westlichen Ländern enttabuisiert wurde und wird – die Porno- und Erotik-Industrie hat dabei geholfen. Und jeder sollte sich darüber bewusst sein, dass das Konsumieren von gewalttätigen Sex-Szenen und Erniedrigung nicht bedeutet, dass wir alle verkommen, kaputt und derangiert sind.

Trotzdem helfen Dokumentationen wie diese dabei, ein Bewusstsein zu schaffen für einen gedankenlosen und verrohten Konsum. Sie helfen dabei zu erkennen, welche Industrie wir mit jedem Klick unterstützen – und was die Menschen dahinter erleben, welchen Preis sie bezahlen. Es liegt also an uns, ob wir wollen, dass DAS der Spiegel ist, in dem wir uns selber sehen – wichsend und gleichgültig vor dem x-ten Gangbang. Oder ob wir mit unserem Konsum dazu beitragen, dass Sex, Porno und Erotik etwas sind, das Darsteller*innen, Sexarbeiter*innen und Kosnument*innen nur auf die eine und einzig akzeptable Weise praktizieren: mit Vergnügen.

Wir sollten mit unserem Konsum dazu beitragen, dass Sex, Porno und Erotik etwas sind, das Darsteller*innen, Sexarbeiter*innen und Kosnument*innen nur auf die eine und einzig akzeptable Weise praktizieren: mit Vergnügen.
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