Warum darf das Lollapalooza Festival im Treptower Park feiern und andere nicht?

Keine Großveranstaltung, ohne einen ordentlichen Shitstorm und eine Petition auf change.org. Am Montag teilten die Veranstalter des Lollapaloozas Berlin mit, dass das Festival dieses Jahr im Treptower Park stattfinden wird, weil das Tempelhofer Feld aufgrund des Flüchtlingsstroms randbebaut werden soll und die Gebäude besetzt sind. Keine gute Voraussetzung für ein Festival mit 40.000 Besuchern.

An sich erstmal eine gute, tolle Nachricht: Das Festival findet statt und an einem so schönen Ort wie dem Treptower Park. Doch Kritiker und Hobbyempörte bemängeln nun diese Entscheidung – der Park würde durch das Festival zerstört, das ist der Tenor. Das Shitstormchen wendet sich zwar primär gegen die Entscheidung des Senats, das Festival dort stattfinden zu lassen, aber auch das Lolla bekommt schon jetzt schlechte Presse.

Aber warum ist das eigentlich so? Das habe ich unter anderem Tommy Nick, der die Presse für das Lollapalooza macht, gefragt. „Ich als Privatperson kann die Angst nachvollziehen. Ich wohne und komme aus der Nähe und bin hier geboren und aufgewachsen. Der Park liegt auch mir am Herzen. Für uns als Veranstalter ist es aber natürlich ein wichtiges Anliegen, dass wir den Park so verlassen, wie wir ihn vorfinden. Wir können da nicht machen, was wir wollen. Wenn man die Kritiken so liest, kriegt man das Gefühl, dass wir das Festival ohne Nachzudenken und ohne Genehmigung veranstalten, dass der Park danach total zerstört ist.“

Die Schäden am Treptower Park müssen so gering wie möglich gehalten werden

Und das ist natürlich Quatsch. Denn der Senat und das Bezirksamt von Treptow-Köpenick sind ebenso an dem Erhalt der Grünflächen interessiert und prüfen jede Vergabe und die Eignung einer Fläche als Veranstaltungsort. Das bestätigt mir das Bezirksamt auf Nachfrage. „Unbestritten ist, dass der Veranstalter zur Durchführung des Festivals verschiedene Auflagen zu erfüllen hat und Vorkehrungen treffen muss, um Schäden am Treptower Park so gering wie möglich zu halten. Dafür wird zunächst mit allen Beteiligten (Veranstalter, Ämter) in den kommenden Wochen ein Konzept zur Durchführung der Veranstaltung erstellt. Konkrete Maßnahmen können noch nicht benannt werden.“

Dazu kommt, dass das Lollapalooza vertraglich zur Wiederherstellung des Geländes verpflichtet sei und eine Sicherungssumme hinterlegen müsse, „die es dem Bezirk gegebenenfalls ermöglicht, die Parkfläche nach Beendigung der Veranstaltung wieder herzurichten."

Welche Maßnahmen muss das Lollapalooza ergreifen?

„Die Stadt und der Bezirk werden peinlichst genau beobachten, was wir da tun, und wie wir den Park zu erhalten gedenken. Ob wir da neuen Rasen ausrollen müssen oder bis dahin neue Lösungen wie Schutzrasen gefunden haben, das wird man dann sehen.“, sagt Tommy Nick und bemerkt weiter, dass es im Tretpower Park schon mal Großveranstaltungen wie das Public Viewing 2006 mit 200.000 Leuten oder vor der Wende ein Friedenskonzert von Bob Dylan gab. „In anderen Großstädten geht's ja auch. In Oslo feiern die Menschen beim Øya Festival, in London im Hyde Park.“

Die Stadt und der Bezirk werden peinlichst genau beobachten, was wir da tun, und wie wir den Park zu erhalten gedenken.

Wie sich eine Petition gegen den Treptower Park als Veranstaltungsort einsetzt

Aber all das überzeugt die Kritiker – zumindest bisher – nicht. Eine Petition setzt sich jetzt dafür ein, dass das Festival nicht im Treptower Park stattfindet. Die Berliner Clubcommission zum Beispiel, die sich für den Erhalt der Clubkultur einsetzt, hat sich in einem Facebook-Post negativ über den Standort geäußert und bemängelt, dass im Gegenzug kleine Open Airs nicht genehmigt würden.

#Lollapalooza im #TreptowerParkWieso kann ein Festival mit 40.000 Besuchern im Park stattfinden, ein #FreeOpenair mit...

Posted by Clubcommission Berlin on Monday, 15 February 2016

 

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun hat, habe ich die Clubcommission gefragt. Pressesprecher Lutz Leichsenring sagt: „Auf Facebook haben wir uns nicht gegen ein bestimmtes Festival oder den Park ausgesprochen, sondern im Gegenteil: Die Clubcommission versteht sich als Sprachrohr von Leuten, die in Berlin Orte für Musik schaffen. Wir sind insofern absolut nicht dagegen, dass es gelungen ist, das Lollapalooza in Berlin zu halten und dafür mit Stadt und Bezirk einen Ort zu vereinbaren. Wir setzen uns aktuelle sehr dafür ein, mehr Freiflächen für Musikveranstaltungen dauerhaft nutzbar zu machen.“

Also geht es speziell der Clubcommission nicht darum, den Treptower Park gar nicht zu nutzen, sondern auch für andere Veranstalter zugänglich zu machen und Maßnahmen zu schaffen, die den Schutz von Natur und Anwohnern gewährleisteten. Kostenlose Open Airs mit 50 bis 300 Teilnehmern würden bisher noch immer nicht genehmigt.

Soll der Park auch für andere, kleinere Veranstaltungen geöffnet werden?

„Was wir auf Facebook kritisch eingefordert haben ist, dass Transparenz geschaffen werden muss. Offensichtliche Fragen sind bislang leider nicht beantwortet: Warum ist es möglich, 40.000 Menschen auf der Wiese tanzen zu lassen, aber nicht 50? Welche Maßnahmen werden umgesetzt und wie langfristig sind sie angelegt? Das Lollapalooza ist eigentlich eine Chance für Bezirk und Senat, die unterschiedlichen Interessen von UmweltschützerInnen und Kulturschaffenden nachhaltig zu berücksichtigen. Das sollte allen Verantwortlichen bewusst sein. Statt dessen gibt es nun genau das Gegenteil: Eine Petition gegen die Veranstaltung, eine 'Verbieten!'-Mentalität. Schade."

Schade ist auch, dass die Handlung der Clubcommission in dieser Sache so widersprüchlich ist. Warum weisen sie auf die reißerische Online-Petition hin, wenn sie doch eigentlich den Dialog suchen? An sich ist der Hinweis von Leichsenring ja nachvollziehbar; warum dürfen 40.000, aber nicht 50 Menschen auf der Wiese tanzen? Weil ein Park dann aussieht wie der vegetationslose Mauerpark, auf dem ständig diverse Veranstaltungen stattfinden.

Nun gibt es genau das Gegenteil: Eine Petition gegen die Veranstaltung, eine 'Verbieten!'-Mentalität. Schade.

Der BER und andere Veranstaltungsorte sind keine Option

Das Lollapalooza selbst sieht sich als städtisches Festival und hat deshalb Interesse an einem innerstädtischen Veranstaltungsort, sagt Tommy Nick. Der BER oder der Flugplatz Tegel, wie in der Petition gefordert,  seien somit nicht interessant. Und auch die Stadt Berlin hat Interesse an einer tragfähigen Lösung für alle. "Das Land Berlin ist vertraglich gebunden und daher gehalten, für die ursprünglich auf dem Tempelhofer Feld stattfindende Veranstaltung einen Ausweichort zu finden und gemeinsam mit dem Veranstalter eine tragfähige Lösung zu finden, um vom Land Berlin Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe sowie einen Imageschaden abzuwenden."

Soll heißen: Dem Land blieb eigentlich keine andere Lösung, als sich den Interessen der Veranstalter und dem Geld zumindest zum Teil zu beugen. Aber anstatt kollektiv schon vorher eine komplette Zerstörung des Parks herbei zu beschwören und sich in Petitionen und Posts zu beschweren, wäre es sinnvoller, den Dialog zu suchen und gemeinsam Vorschläge zu erarbeiten, wie Kultur, Stadt und Naturschutz vereinbar sind.


Titelfoto: © Matze Hielscher

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