So leben die Menschen in den Berliner Wagenburg-Siedlungen

Keine Elektrizität, kein Wasseranschluss, keine Heizung, weder Internetanschluss noch Trinkwasser. Ein ganzjähriges Leben wie auf dem Campingplatz, das führen die Bewohner der Berliner Wagenburgen. Nur, dass diese nicht Urlaub machen, sondern hier dauerhaft leben.

In Berlin gibt es nur noch wenige Wagenburgen – übrigens seit Jahrhunderten ein Schutz- und Verteidigungsraum für Nomaden, wadernde Völker und ziehende Armeen –, die bekanntesten stehen in Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow. Die Bewohner leben eher abgeschottet und lassen sich nicht gern fotografieren. Das kann daran liegen, dass sie gern als "Autonome" bezeichnet werden, was ja direkt radikallinkes Gedankengut unterstellt. Dabei leben die Menschen dort nur frei von materiellen Zwängen einen alternativen Lebensstil.

Noga Shtainer ist eine Fotografin aus Israel, die vor fünf Jahren mit ihrem Ehemann hierher gezogen ist, um als Fotografin zu arbeiten. Ihr ist das Unmögliche gelungen: Sie hat die Menschen überzeugt, für sie zu posieren. Wir haben Noga gefragt, wie es dazu gekommen ist.

Babet new boyfriend_2011_ 55x82 cm Untiteled winter_2012_55x82cm

Die Wagenburg-Bewohner leben sehr abgeschottet. Meistens kriegt man gar nicht mit, dass in den Wohnwagen überhaupt Menschen leben. Wann hast du sie (für dich) entdeckt?
Ich saß eines Tages im Bus auf dem Weg zur Arbeit, als ich eine Wagenburg aus dem Fenster sah. Der Anblick hat mich gefesselt, also bin ich ausgestiegen und hab mich umgesehen.

Warum hast du dich dafür entschieden, die Menschen zu porträtieren, was fasziniert dich an ihnen?
Meine Mutter ist in einem Nachtclub aufgewachsen. Es war der erste Nachtclub im Süden Israels. Jeden Abend, wenn die Kinder ins Bett gingen, wurde das Haus zu einem Club. Meine Großmutter hat eine Menge Künstler aus Paris nach Israel eingeladen, zum Beispiel hat Jacques Brel dort gesungen. Sie haben einen wundervolles, unabhängiges Hippie-Leben gelebt, dass auch mich prägte und mich noch immer sehr fasziniert.

Ich selbst bin im Kibbutz aufgewachsen. Das Leben im Kollektiv war schon immer ein Teil meines Lebens, so dass es mich sofort an mich und meine Kindheit erinnert hat. Weil ich nicht aus Deutschland komme, fühle ich mich den Menschen sehr nah, sie ver- und beurteilen mich nicht. Mit diesem Projekt wollte ich also das Leben Anderer in einer großen Stadt wie Berlin zeigen.

-Father and his daughters_2013_80x120 cm Babet and the fruits_2011_100x150 cm

Du konntest dich also mit ihren Lebensstil identifizieren. Wie hast du es trotz ihrer Schüchtern- und Abgeschottetheit geschafft, sie davon zu überzeugen, für dich vor der Kamera zu stehen?
Ich habe ihnen Bilder von meinen früheren Projekten "Twins – Duo Morality", "Near Conscious" and "Home for Special Children" gezeigt, damit sie einen Eindruck von meinem Stil bekommen. Ich habe ihnen vorgeschlagen, dass sie Teil eines neuen Kunstprojektes sein können, dass es Spaß machen würde und sie am Ende auch schöne Bilder von sich selbst hätten. Ich glaube, es hat auch geholfen, dass ich nicht Deutsch bin und wie sie nicht zum Mainstream gehöre.

Ich habe mich dann dazu entschieden, einzelne Personen der Gruppe abzulichten, weil sie mich als Individuen und nicht als Kollektiv interessiert haben. Ich wollte zeigen, wer diese einzelnen Menschen sind. Ich denke, das alles hat sie überzeugt.

Und wie sind die Leute so drauf?
Ich habe ja nicht mit allen gesprochen, also ist es schwierig eine pauschale Aussage zu treffen. Wir hatten auf jeden Fall eine gute Chemie und sind über die Zeit Freunde geworden. Einige waren weniger freundlich, mit anderen hatte ich interessante Konversationen. Sie sind aber auf jeden Fall alle intelligent und leben nach ihren Prinzipien.

Welche Wagenburgen hast du besucht?
Ich habe sechs verschiedene Siedlungen besucht, aber die besten Bilder sind in Kreuzberg und Friedrichshain entstanden.

Kannst du dir auch vorstellen, in einer Wagenburg zu leben?
Im Moment schätze ich noch die Privatsphäre meines Arbeitsplatzes und meiner Wohnung, die ich mir mit meinem Mann teile. Mit vier Menschen in einem Trailer zu wohnen, ist zu viel. Vielleicht, wenn ich pensioniert bin. (lacht)

Vielen Dank, Noga!

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Mehr über Nogas Projekt erfahrt ihr auf ihrer Website. Weitere Fotos von den Wagenburgen könnt ihr noch bis morgen, 13.02., in der Podbielski Contemporary Gallery am Koppenplatz 5 sehen.

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Fotos: © Noga Shtainer

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