Skurril, maßlos, neureich und irgendwie abstoßend – In Charlottenburg und Wilmersdorf wohnt das wahre Berlin

© Matze Hielscher

Wenn ich nach stundenlangen, den Horizont erweiternden Spaziergängen durch Kreuzkölln und Mitte mal wieder vom Zeitgeist gefickt werde, dann lautet mein Safety Word: Stutti. Ich renne zur nächsten U-Bahn, fahre zwei Stationen, nehme dann den Bus, drei Stationen, erreiche hechelnd die S-Bahn, springe kurz vor dem zischenden Schließen der schweren Türen rein, lasse mich in einen Sitz fallen und denke: Jetzt wird alles gut. Jetzt ist es vorbei. Gleich bist du zu Hause. Keine Thigh-Gaps, keine Uniformierung, keine essbaren Samen, keine urbanen Narrative. Und wenn ich von „zu Hause“ spreche, dann meine ich Wilmersdorf. Diese Kolonie stoischer Westberliner, die sich vom Hokuspokus des etwa acht Kilometer östlich stattfindenden Jugendtheaters nicht aus der Ruhe, ach was, gar nicht erst beeindrucken lassen. Hier geht es zu wie dort, wo die, die im Osten wohnen, eigentlich herkommen. Und genau deswegen wohne ich in Wilmersdorf.

Olfaktorische Reize bestehen hier nicht aus unbezahlbarem Moschusparfüm aus einer neu entdeckten finnischen Parfümmanufaktur. Hier, zwischen Ku’damm, Wilmersdorfer Straße und Halensee riecht es nach Braten um 12, an einigen Ecken nach Kittelschürze und da hinten, am Savignyplatz, nach alten Buchseiten und, je nach Windstand, nach Pisse vom Bahnhof Zoo. Im Sommer, wenn sie alle aus ihren Palästen kriechen, wird die Knesebeckstraße in eine Wolke russischen Buketts getaucht: Decadence, by Philipp Plein. Oder so. Aber auch das ist okay. Es ist skurril, ja. Es ist völlig maßlos, es ist neureich und irgendwie abstoßend, aber es ist okay. In Wilmersdorf lässt man sich machen.

Die Berliner Ost-West-Side-Story existiert nach wie vor. Normal ist es zwischen uns noch lange nicht.

Hier schließen die Spätis um acht. Vorausgesetzt es gibt überhaupt einen in der Nachbarschaft. Hier fahren die Busse vorsichtiger. Eine Fahrt mit dem Taxi nach Hause, wenn man in Mitte teuer essen war, kostet ein Vermögen. Man sieht hier schrumpelige Alte, glattgezogene Mittelalte und überschminkte Junge. Die Coolness, die liegt hinterm Tiergarten, das wissen die, die hier leben. Wir könnten den Machern in Mitte erzählen, dass wir sonntagmorgens gerne koksend, mit fünf Männern im Bett und Strapon um die Hüfte aufwachen. Keiner würde eine Miene verziehen. Wenn man jedoch sagt, dass man in einer Ku'damm-Seitenstraße wohnt, schauen sie dich an, als seist du Benjamin Button. Ich sage: Die Berliner Ost-West-Side-Story existiert nach wie vor. Egal, was die Blogs sagen. Im Westen rümpfen sie die Nase über die hysterischen Mütter in der Hufelandstraße, im Osten sind sie jedes Mal schockiert, wenn sie Babyrobben-Pelz am Kranzler-Eck sichten. Normal ist es zwischen uns noch lange nicht. Und das ist auch gut so.

Eine Hommage an die Maler, Schreiner und Lackierer neben Ärzten, Grafen und Mafiabossen

Dies ist eine Hommage an die Müßigkeit, an die Krumme Straße. Eine Hommage an die Altbauten, in denen Maler, Schreiner und Lackierer neben Ärzten, Grafen und Mafiabossen wohnen. An Berlin, wie man es aus Kästner kennt und den alten Chansons entnimmt. An den Prunk, den Protz und die Hoffnung, dass der junge, hippe Typ, den man schockiert morgens an der Bleibtreustraße sichtet, doch nur ein verlaufenes Tinder-Date ist. Wir haben Angst, wenn sie, die Blogger, schreiben, dass die Kantstraße jetzt die neue Torstraße und die Paris Bar wieder cool ist. Hat doch keiner nach gefragt. Es hat doch niemand damit gerechnet, dass nun blasse, dürre Neuköllner plötzlich den Thaipark bevölkern und dem ganzen Spektakel ein neues Outfit geben.

Hier riecht es nach Braten um 12, an einigen Ecken nach Kittelschürze und da hinten, am Savignyplatz, nach alten Buchseiten und, je nach Windstand, nach Pisse vom Bahnhof Zoo.

Während ich dies schreibe, steht die Maisonne genau auf zwölf Uhr und taucht den Savignyplatz in gleißendes Licht. Mit zusammengekniffenen Augen nehme ich die Konturen der S-Bahnbögen wahr, die vier Straßenspuren weiter südlich am Horizont hervorstechen. Verfolge meditativ die an- und abfahrenden Züge. Noch tattert nichts im Tattersall, noch brüllt niemand im Brel, noch ruhen unwissende Austern in der Küche der Paris Bar, noch sind Glutamat und Glasndudeln auf der Kantstraße voneinander getrennt. Noch geht hier alles seinen gewohnten, zeitlosen Gang.

Ich sitze auf einer Parkbank unter einem Rankenbogen mit verzierten, schmiedeeisernen Stählen. Artdéco, Jugendstil, architektonisches Gestern. Wie so vieles hier in Charlottenburg, Berlins ewigem Gewissen. Stolpersteine, erinnernde Plaketten an prächtigen Altbaufassaden. Dort lebte jener, hier wohnte jene. Da drüben, da wirkte eine andere, um die Ecke, dort, wo sie heute Antiquitäten verkaufen, malte einer, der plötzlich weg musste. Berlin, 1932, bis dahin lebte man im Jetzt. Heute ist so einiges im Gestern, in Wilmersdorf und Charlottenburg.

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