Der Fotograf Martin U Waltz porträtiert eine seltene Seite von Berlin

Berlin: jung, schlecht gelaunt, pubertär, arm, reich, sexy, fett, dreist, hip, wütend, laut, bunt, frei, ungekämmt. Wir kennen viele Gesichter einer vielfotografierten Stadt.

Der Fotograf Martin U Waltz schafft in seinen Arbeiten etwas Ungewöhnliches: Er fängt die Poesie urbaner Einsamkeit ein. Die Menschen, die er in seinen schwarz-weißen Straßenszenen porträtiert, vereint alle eine gewisse Art des Alleinseins. Sie schwimmen im Strom oder beobachten ihn, sie verharren im Moment oder eilen zügig durch ihn hindurch, mit der Stadt als scharfkantige Kulisse aus Licht und Beton. Die Bilder strahlen eine ungewohnte Ruhe und Erhabenheit aus – so still und schwerelos sieht man Berlin selten.

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Der Künstler fotografiert schon seit Teenager-Zeiten und kam 1984 als Student aus Heidelberg nach Berlin-Kreuzberg. Vor einigen Jahren fing er an, die Straßen der Hauptstadt als Motiv zu entdecken und seine Fotografien davon im Netz zu veröffentlichen. Mit großen Erfolg – allein auf Instagram, wo er eine kuratierte Auswahl seiner Bilder teilt, folgen ihm mittlerweile über 60.000 Menschen. Seine aktuelle Ausstellung in der Ori-Galerie in Neukölln ist noch bis einschließlich 26.02. zu sehen.

Was macht Berlin als Kulisse für dich interessant?
Berlin ist extrem heterogen, das gilt für die Architektur wie für die Menschen, die hier leben. Berlin ist sehr krass, oft extrem hässlich, sehr vital, immer unfertig, immer anders, ultra provinziell und sehr weltoffen. Diese Gegensätze machen Berlin für einen Fotografen extrem spannend.

Was hat sich seit deinen Anfängen am deutlichsten im Stadtbild verändert?
Berlin verändert sich unglaublich schnell, der Breitscheidplatz,  Ostkreuz, der Potsdamer/Leipziger Platz sehen mit den vielen Neubauten heute ganz anders aus als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig verschwindet vieles wie die Cuvry-Brache, da haben vor nicht allzu langer Zeit Menschen in Hütten gewohnt und an den Brandschutzmauern waren die Murals von Blu. Das ist heute alles weg.

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Wie wählst du deine Motive aus? Intuitiv oder ganz gezielt?
Das ist Intuition, ich fotografiere ja das, was in dem Moment da ist, das ist nicht planbar. Natürlich wähle ich den Ort und der beeinflusst die Motive. An der Warschauer Straße passieren eben andere Dinge als als am Potsdamer Platz während der Eröffnung der Berlinale.

Gibt es einen Ort in der Stadt, den du besonders gern fotografierst?
Ich mag die Gegend zwischen Schlesischem Tor in Kreuzberg und Revaler Straße in Friedrichshain. Da ist Tag und Nacht immer was los. Warschauer Straße und Oberbaumbrücke verlaufen von Nord nach Süd und sind in Richtung Ost und West frei, also gibt es morgen wie abends gutes Licht.

Wenn ich eine weniger bekannte Seite von Berlin sehen will, wo sollte ich hingehen? Gibt es geheime oder ungewöhnliche Ecken und Orte, die du im Laufe der Zeit entdeckt hast?
Berlin ist so voller ungewöhnlicher Orte, einfach in einen beliebigen Bus, eine U-Bahn oder Straßenbahn steigen, an einer Station aussteigen, an der man noch nie ausgestiegen ist, und ein 30 Minuten planlos laufen. Ich staune jedes mal, wenn ich das mache. Aber um zwei Orte zu nennen, das sowjetische Ehrenmal in Treptow in seinem gigantischen Ausmaß oder der Flakturm im Humboldthain mit dem grandiosen Ausblick und dem nahegelegenen Rosengarten. Wer erwartet einen Rosengarten im Wedding?

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Wie nutzt du soziale Medien wie z.B. Instagram? Hat sich etwas in deiner Wahrnehmung oder Arbeitsweise dadurch verändert?
Im Wesentlichen teile ich meine Bilder über verschiedene soziale Kanäle wie Instagram, tumblr, Twitter, ello, Facebook, Google+ etc. Und dann passiert verschiedenes: Ich sehe was andere machen. Ich sehe, wie meine Sachen ankommen. Ich tausche mich mit anderen aus. Und ich komme so zu Aufträgen und Kunden. Ich versuche, der Neigung zu widerstehen, die soziale Medien-Maschine  mit Hochgeschwindigkeit zu füttern. Ich wähle ziemlich sorgfältig aus, was ich poste, und frage mich auch, ob das Bild in den jeweiligen Feed passt. Das Feedback hilft mir, zu verstehen, welche Bilder bei wem funktionieren, oder eben auch nicht funktionieren.

Danke, Martin!

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Alle Bilder: © Martin U Waltz

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