Können wir im digitalen Zeitalter noch echte Nähe ertragen?

Ich habe 7 Stunden meines Lebens mit Shia LaBeouf in einem Aufzug verbracht. Naja, ich war zwar nicht vor Ort dabei, aber habe zumindest 7 Stunden des Kunstprojektes, das der Schauspieler in Oxford mit der Student Union initiiert hat, im Livestream verfolgt. Dabei habe ich die meiste Zeit auf eine geschlossene Aufzugtürr gestarrt und den Gesprächen zwischen LaBoeuf und den Studenten der Oxford University gelauscht, die teilweise 9 Stunden auf ihren Moment gewartet haben.

In einem kleinen, geschlossenen Raum sind alle gleich

LaBoeuf hat sich diese 24-stündige Performance mit seinen Partnern Luke Turner und Nastja Sade Rönkkö ausgedacht, die auch schon die #ALLMYMOVIES Performance mit ihm gemacht haben. Bei #ELEVATE ging es dieses Mal darum, im Rahmen eines Vortrags von Shia LaBouef an der Oxford Student Union in einem geschlossenen Raum jegliche Form von universitärer Hierarchie auszusetzen und einen Ort zu schaffen, an dem alle gleich sind. Warum Shia LaBeouf jetzt eigentlich Kunstperformances macht, hat er ziemlich simpel so erklärt: "It started as an existential crisis and now it turned into an existential exploration."

Die Schönheit im Kleinen entdecken

Die 7 Stunden waren nicht immer spannend, aber sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Ich bin zu Shia (nach der gemeinsamen Zeit habe ich beschlossen, dass wir jetzt per Du sind) eingeschlafen, während im Aufzug morgens um halb drei Gitarre gespielt wurde, und aufgewacht zu einer philosophischen Diskussion über Gott und die existentialistische Bedeutung von Donut-Löchern. Die schönste Erkenntnis bei meiner Zeit im Aufzug war eigentlich die, dass die Welt plötzlich anders aussieht, wenn man sich entscheidet, sich auf die Performance einzulassen. Als ich Samstagmorgen mit dem Livestream im Ohr durch Berlin gelaufen bin, haben die Menschen in der U-Bahn plötzlich interessanter ausgesehen und die Realität hat sich plötzlich anders angefühlt. So, als ob man die Welt durch einen Filter betrachtet und plötzlich die Schönheit der Normalität sieht. Der Moment, in dem sich jemand eine Schleife in seine roten Turnschuhe mit gelben Streifen macht, eine Treppe hinaufspringt und einem oben ein heimliches Lächeln schenkt – darin liegt eine Schönheit, die man selten wahrnimmt.

Wir sollten uns wieder mehr aufeinander einlassen

“We’re important to each other and that’s it, right?”, sagt Shia zwischendurch auf die Frage, welche Bedeutung die einzelnen Begegnungen für ihn haben. Das ist auch eine der Erkenntnisse dieser Performance: Dass wir uns wieder mehr aufeinander einlassen sollten und wichtiger für einander zu werden. Den Blick vom Smartphone zu heben und, egal ob in Aufzügen oder draußen, einander in die Augen zu schauen und sich miteinander zu beschäftigen. Die große Frage ist allerdings, ob wir das überhaupt noch können. Können wir im Aufzug einfach ein Gespräch miteinander beginnen, weil wir noch neugierig und mutig genug sind?

Können wir im Aufzug einfach ein Gespräch miteinander beginnen, weil wir noch neugierig und mutig genug sind?

Die Sehnsucht nach echten Interaktionen im digitalen Zeitalter

Zu diesen Fragen hat auch Andrew Rickert, der mit Shia einen Moment im Aufzug verbracht hat, einen Essay geschrieben, in dem er sagt: “I left with a fire to find those spaces where the digital breaks down and the human begins.” Eigentlich haben wir wahrscheinlich alle mehr Sehnsucht nach echten Interaktionen, als wir uns das eingestehen wollen. Die digitale Distanz, in der wir uns aber so gut eingerichtet haben, ist vielleicht einfach zu bequem. Schließlich ist das Leben einfacher, wenn uns niemand nahe kommt, weil wir dann auch nicht verletzt werden können.

Die Realität reicht nicht aus, wir müssen sie mit einem Selfie bestätigen

Das spannende an #ELEVATE ist dann aber auch, wie gleich jedes Fahrstuhlgespräch zwischen Shia und seinen Mitfahrern endete. Egal, wie tief oder philosophisch die Aufzug-Gespräche auch waren, am Ende wurde sie immer gestellt, die “Können wir ein Selfie machen”-Frage. Die interessanteste Erkenntnis aus dieser Performance ist so auch, dass uns die Realität und der reine Moment nicht mehr auszureichen scheinen. Wir brauchen mehr: den Beweis, dass das, was wir da gerade erlebt haben, real gewesen ist. Das Foto, das bestätigt, das wir Teil von etwas gewesen sind. Es scheint fast so, als würden wir selbst nicht mehr glauben, dass eine Erfahrung wirklich stattgefunden hat, wenn wir sie nicht mit einem Selfie für die Welt dokumentieren.

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"Intimacy is fucking scary"

Mich haben einige Minuten und Gespräche im Aufzug auf jeden Fall berührt – und deshalb ist #ELEVATE für mich Kunst, egal ob sie von Shia LaBoeuf, dem Schauspieler, oder Shia, meinem neuen Aufzug-Freund, gemacht wurde. Diese sieben Stunden haben mich ein kleines bisschen verändert. Ja, “Intimacy is fucking scary”, wie Shia es Samstagmorgen um vier gesagt hat, aber vielleicht müssen wir einfach wieder lernen, mehr Intimität zu wagen – man weiß schließlich nie, mit wem man irgendwann im Aufzug steht.

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Foto und Gif: Elevate/Youtube
Titelfoto: © Babycakes Romeo

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