Ist das schon Kunst oder noch Kuchen? – Zu Besuch bei CakesBerlin

© Nora Tabel

„Wie seid ihr auf mich aufmerksam geworden?“, fragt Stephanie neugierig, als wir in ihrer Backstube in Kreuzberg stehen und sie gerade Eykalyptuszweige und weiße Ranunkeln in eine mintgrüne Geburtstagstorte steckt. Die Antwort ist einfach und auch ziemlich typisch 2016: durch Instagram. Ein Bild einer ihrer Torten schwappte in den Feed, knallgelb, voll beladen mit Blumen, goldbestäubten Heidelbeeren und unzähligen Röschen aus Frosting – ein Kuchen schön wie ein Designerkleid.

Schnell war klar: Das müssen wir live sehen. Denn die Torten und Cupcakes, die die israelische Kuchendesignerin Stephanie Illouz erschafft, sehen eigentlich eher aus wie angewandte Kunst. Aus Fondant, Biskuit und Buttercreme zusammengefügte Kompositionen irgendwo zwischen Opulenz, Pop und Diabetes Typ II. 

Ein Kuchen schön wie ein Designerkleid

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Dass ihren Kuchenentwürfen etwas Künstlerisches anhaftet, kommt nicht von ungefähr. Stephanie hat Kunst studiert, in Israel und in Belgien. Zuletzt, bevor sie sich als Konditorin selbstständig machte, arbeitete sie in Berlin als Bühnenbildnerin. Dabei führte sie der Weg eher zufällig hierher, sagt sie. „Ich war zu einem Auslandssemester während des Kunststudiums in Brüssel, da war es bis nach Berlin nur ein Katzensprung. Jerusalem ist nicht immer unbedingt der beste Ort zum Leben, es schien einfach eine gute Idee zu sein, nach Berlin zu gehen."

Im Bergmannkiez teilt sie sich eine Art Co-Working-Kitchen mit einer anderen Bäckerin und einem Gin-Brauer. Ihre Entwürfe zeichnet sie in ein kleines schwarzes Notizbuch.

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Wie kommt man auf die Idee, in die Hauptstadt der Brotnation Deutschland zu ziehen und in Zeiten, in denen alle Ernährungstrends in die genau entgegengesetzte Richtung zeigen, bunte Torten zu backen, neben denen jede noch so bunte Bowl zwischen Ostkreuz und Mitte blass aussieht? „Ich weiß nicht, ich habe eigentlich schon immer gerne gebacken. Und ich mag Süßes. Wahrscheinlich ist es vor allem das“, lacht sie. Ihre französische Mutter hat außerdem zu Hause oft ambitioniert gebacken, vielleicht ein weiterer Grund für das frühe Interesse an feiner Pâtisserie.  Und ihre kulinarische Antithese zu allem, was derzeit bevorzugt auf unseren Tellern landet, ist damit vielleicht zeitgeistweisend: Bittere Zeiten erfordern süße Maßnahmen.

Kompositionen irgendwo zwischen Opulenz, Pop und Diabetes Typ II.

Stephanie mischt Lebensmittelfarbe in weißes Frosting – lila, türkis und rosa. Später setzt sie mit einer Spritztülle daraus die Dekoration für kleine Erdnuss-Bananen-Cupcakes, die in ihren metallisch schimmernden Förmchen ein bisschen an Eiskonfekt der 1980er erinnern. Ihr stilistisches Konzept geht auf: Mittlerweile kann sie von ihren Kreationen leben.

Ein Kunde kommt, um die bestellte kleine Geburtstagstorte abzuholen. Kostenpunkt: ca. 80 Euro. Andächtig wirft er einen Blick in den cremefarbenen Transportkarton und trägt ihn nach letzten Instruktionen von Stephanie behutsam wie ein Neugeborenes aus der warmen Küche nach draußen. „Zu schön zum Essen“ sagen die Leute immer und das ist nicht nur ein Kompliment, sondern manchmal sogar ein echtes Problem. „Ich hatte mal einen Marktstand und habe stundenlang gar nichts verkauft, weil die Leute nur bewundernd geschaut haben, aber sich nicht trauten, ein Stück von einer Torte zu kaufen.“

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Ihre Kunden kommen oft über Mundpropaganda zu ihr, aber sie besucht auch Hochzeitsmessen und Foodmärkte. Bestellen kann man ihre Torten online mit einem sympathischen Formular, das von minimalistisch bis "Marie Antoinette" alle Varianten zulässt. Vor einigen Monaten hatte sie in Mitte einen kleinen Pop-Up-Shop. Wäre das was für die Zukunft, ein eigener Laden? "Ja, unbedingt", sagt Stephanie und klingt entschlossen. In ihrem Kopf steht der Plan schon: Nur ein paar wenige Sitzplätze, kein WLAN, keine Businesstypen mit Laptop. Ein pastellbuntes Setting, um ihre Kreationen zu verkaufen, etwas, das ganz nach ihr aussieht. Bislang fehlen noch die passenden Leute und Unterstützer dafür, denn für ein eigenes Café braucht es nicht nur Geld, sondern auch passionierte Mitstreiter, die vorne den Laden schmeißen, während Stephanie hinten in der Küche Tortenböden stapelt, Kuvertüre schmilzt und Macarons mit Goldstaub bemalt. "Irgendwann", sagt sie und sieht dabei aus, als könne das schon morgen sein.

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