Unsportlich: Land Berlin mahnt Metronaut wegen Olympia-Satire ab

Der gesellschaftskritische Blog Metronaut hatte letzte Woche in einem Anflug satirischen Ungestüms gefälschte Werbeplakate veröffentlicht, die das aktuelle Olympialogo auf Bildmotiven der Olympiade 1936 zeigen. Metronaut suggerierte in dem Artikel "Neue Motive der Berliner Olympia-Kampagne: Offener Umgang mit Vergangenheit", dass die Bilder aus der aktuellen "Wir wollen die Spiele"-Kampagne der Stadt stammen und zitiert einen Sprecher mit den Worten: "Berlin hat die Kraft, einen offenen Umgang mit der Vergangenheit zu pflegen." Ein Hinweis auf die satirischen (und kritischen) Absichten war unter dem Artikel in den Hashtags zu finden.

Die Stadt und die erwähnten Personen waren weniger erfreut über diese Aktion und schickten dem Blog gestern gleich zwei Unterlassungserklärungen. Seitdem sind die Kampagnenbilder zwar weiterhin online, aber Kampagnennamen und -personen sind mit dem Wort "zensiert" versehen. Mehr Symbolik geht eigentlich nicht:

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Auf ihrem Blog äußerte sich die Redaktion besorgt um das Vorgehen.

Die Metronaut-Redaktion sieht die anwaltlichen Schreiben des Landes Berlins und des Senats als Akt der Zensur, der auch zeigt, dass ein kritischer und offener Umgang mit der nationalsozialistischen Olympia-Vergangenheit Berlins nicht erwünscht ist. Die harsche Reaktion ist auch ein Vorgeschmack, was Berlin blüht, wenn die Olympiade wirklich hierher kommt.

Man kann die Bilder von Metronaut schlecht, übertrieben oder zu einseitig finden und argumentieren, dass der Hinweis auf "Satire" direkt zu Beginn des Artikels hätte vermerkt werden müssen (wie es viele der Metronaut-Leser in den Kommentaren tun) – eine gerichtliches Schreiben und eine damit einhergehende Zensur rechtfertigen sie nicht.

"Satire darf alles" hieß es noch vor Kurzem nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Frankreich. "Aber nur wenn es nicht uns betrifft" muss man jetzt wohl im Lichte dieser Ereignisse hinzufügen. Wir werden das Geschehen weiterhin verfolgen.


Nachtrag 11.02.: Metronaut hat sich entschlossen, die Unterlassungserklärungen nicht zu unterschreiben und hat die Bildmotive mit dem aktuellen Olympia-Logo wieder online gestellt. "Es handelt sich um eine zulässige Meinungsäußerung, die nicht untersagt werden kann.", schreibt die Redaktion. Die Redaktion habe ihrerseits Anwälte konsultiert, die in einem Schreiben an die Stadt formulieren:

Die Satire hat den Zweck, den Betrachter auf den historischen Zusammenhang der gegenwärtigen Olympia-Bewerbung hinzuweisen und die gegenwärtige Werbekampagne kritisch zu hinterfragen. Dabei handelt es sich zweifelsohne um eine zulässige Meinungsäußerung, die nicht untersagt werden kann.

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Fotos: © Metronaut
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