Wie sich meine Eltern vom Begrüßungsgeld einen Trabi kauften

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Ich hatte mich an den Westen gewöhnt. Für mich war er nichts besonderes, hatte nichts Verheißungsvolles. Auch für meine Eltern nicht. Das wusste ich, weil mein Vater vom Westen erzählte, ich mit ihm in den Intershop am S-Bahnhof in Lichtenberg ging, er mit mir die Regalreihen durchquerte und mir erklärte, dass viele Menschen das wollten, was sie nicht haben konnten. "Was sind das für Dinge?", wollte ich wissen. "Jeans", sagte mein Vater. "Und Coca Cola." Ich wurde still und fragte mich, warum Menschen das wollten. Was anders an Jeans und Coca Cola aus dem Westen war. "Sie kaufen sich Freiheit", erklärte mir mein Vater und ich verstand es nicht.

Ich komme aus dem Osten, habe aber nicht die Erfahrungen gemacht, die ich so zahlreich lese. Geschichten, von denen ich höre. Andere sind in faschistoiden Kindergärten aufgewachsen, kannten jemanden, der in den Knast musste, oder ihre Träume nicht leben konnten. Meine Eltern waren freundlich-renitente DDR-Bürger: mein Vater, eine Art sozialdemokratischer Sozialist, und meine Mutter, die einfach nur Buchhändlerin sein wollte. Ihr war es egal, in welchem System; mein Vater wollte mit seinen Künstlerfreunden aus dem Prenzlauer Berg den Sozialismus renovieren.

"Warum sind wir nie in den Westen abgehauen?", wollte ich einmal von meinem Vater wissen, der sogar die Möglichkeit gehabt hätte, drüben zu bleiben. Als Mitarbeiter des Akademie Verlags in Berlin hatte er die Chance, zu bleiben, wenn er andere Verlage in Westdeutschland besuchte. "Warum sollte ich dort bleiben", antwortete er. "Ihr wart doch in der DDR. Meine Familie, die lasse ich nicht alleine."

Die meisten kauften sich Mist von ihrem Begrüßungsgeld, weil sie den Kapitalismus nicht kannten

Ich erinnere mich noch genau an das, was sich meine Eltern vom Begrüßungsgeld gekauft haben. Es war ein eisiger Dezembermorgen, als wir unser Begrüßungsgeld ausgaben. Irgendwo Tierpark, in einem der großen Neubauten trafen sich meine Eltern mit meiner Grundschullehrerin. Sie waren befreundet, die Eltern und die Lehrerin. Die Hände in der Jackentasche, meine Eltern rauchend. Cabinet Würzig und Duett. Mein Vater hatte noch seinen Vollbart und ein kariertes Hemd unter der Jacke. Meine Mutter eng ondulierte Locken. Das hatte man damals so. Sie trug ein blaues Sweatshirt, auf dem "Vogue" stand. Würde ich heute auch anziehen, denke ich mir, wenn ich mich an dieses Sweatshirt erinnere. Ich hatte Stiefel mit Pelz an und eine Mütze, auf der die Piktogramme von Wintersportarten aufgedruckt waren. Fand ich ja sowas von gut, diese Mütze.

Es war grau in diesem Teil der Stadt. Die Fenster beschlagen, auf den Parkplätzen die ersten Westautos. Rumpelige Karren, kaputte Autos, händereibend an ahnungslose Ostdeutsche verkauft. Sie kannten Kapitalismus nicht. Deswegen kauften sich die meisten Mist von ihrem Begrüßungsgeld. Meine Eltern nicht. Meine Eltern kauften sich von ihrem Begrüßungsgeld einen hellblauen Trabant, den meiner Lehrerin. Ihr erstes Auto. Mein Vater, aufgeregt, meine Mutter, ebenso aufgeregt. Aber sie, die Stärkere, zeigte es nicht so. "Axel", ermahnte sie meinen Vater, "nun sei nicht so aufgeregt, wir müssen zeigen, dass wir eigentlich kein Interesse haben." Dann zog sie an ihrer Duett, machte die Wangen schmal und griff mit der freien Hand nach meinem Kopf, den sie streichelte. "Wer kauft denn einen Trabbi? Wir können den Preis drücken.", sagte meine Mutter. Sie verstand schneller, was es heißt, im Kapitalismus zu leben.

Frau Fliegenschmidt, so hieß meine Grundschullehrerin, erwartete uns. Sie war fröhlich und laut. So war sie immer. In der Schule, bei meinen Eltern auf der Couch, wenn Cognac getrunken und gelacht wurde. Und modern war sie. Wollte mit uns nie sozialistische Lieder in der Schule singen. Brachte uns neumodische Sachen bei und nicht eine Liedzeile von "Wir sind die Moorsoldaten". Sie stand im Türrahmen, ich erinnere mich nicht mehr, was sie gesagt hat. Sondern nur, dass sie stark geschminkt war. Und gut roch, nach viel Parfüm. Sie zog sich eine Jacke an; ihr Mann, Herr Fliegenschmidt, begleitete uns. Er hatte die gleiche Frisur wie meine Mutter, kleine Löckchen, und rauchte.

Das Begrüßungsgeld, das Geschenk des Westens, wurde ausgegeben für eine Reliquie des Ostens

Dann standen wir vor dem Auto, ein Trabant, schon hunderte Male gesehen. Und meine Eltern verhandelten. Ich sprang mit meinen Schuhen in Pfützen, lies das Eis krachen. Ich mag bis heute das Geräusch krachender Eispfützen. Und ich beobachtete meine Eltern, wie sie um das Auto liefen und hineinsahen, als würden sie ein Pferd kaufen. Ins Maul geschaut, haben sie dem Auto.
"Mutter", rief ich. Und meine Eltern kam zu mir. "Seht, was ich gefunden habe", sagte ich, zeigte auf eine der gefrorenen Pfützen. Tief, zwischen glitzernden, eisigen Zweitaktöllachen war ein Fünfzig-Mark-Schein verborgen. Es war genau der Betrag, den meine Eltern für ihr erstes Auto bezahlen sollten. 50 Mark. Für ein Auto, das noch kurz zuvor 15 Jahre Wartezeit und 20.000 Ostmark erforderte.

Und plötzlich machten alle bei meinem Spiel mit. Mit den Hacken unserer Schuhe bearbeiteten wir die Pfütze, bis wir den Schein freilegten. Allen wurde warm, alle lachten, niemand rauchte mehr. Sechs Menschen mit roten Wangen, weil sie einen Geldschein wollten – das Begrüßungsgeld eines armen Tropfes, der sein Geld verloren hatte. Und weil das Auto damit fast umsonst war, weil ich das Geld dafür gefunden hatte, wurde auch nicht weiter verhandelt. Sondern einfach gekauft.

Es dauert lange, bis ein Trabant warm wird, daran erinnere ich mich noch. An die Eisblumen, auf der Innenseite der Scheiben, die ich mit meinem Atem schmelzen lassen konnte. Auf die Schmerzen in der Stirn, wenn ich meinen Kopf gegen die kalte Scheibe lehnte. Und weil ich meinen Eltern das Geld für ihr Auto gesparrt habe, sind wir zum Ku'Damm gefahren und haben Eis gegessen. Und Coca Cola getrunken. Eine Jeans wollte ich nicht. Dafür hatte ich keine Verwendung. Das Begrüßungsgeld, das Geschenk des Westens, wurde ausgegeben für eine Reliquie des Ostens.

Meine Familie hatte jetzt ein Auto, mit dem wir überall hinfahren konnten, mein Bruder, mein Vater, meine Mutter und ich. 50 Mark hat diese Freiheit gekostet. Gehalten hat sie ein Jahr. Dann war das Auto kaputt. Was nicht schlimm war, denn ein Jahr später waren wir im Westen angekommen, im Kapitalismus, haben ihn verstanden. Denn meine Eltern haben den Trabant für 300 Mark weiterverkauft.


Titelfoto: © Christoph Boecken, flickrCC
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