ARTVERGNÜGEN #20 – Monat der Fotografie, Douglas Gordon in der Akademie der Künste und das Hansaviertel

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Die offizielle kuratorische Stellungnahme mag eine andere sein – mehr dazu später – aber der aktuelle European Month of Photography (EMOP) muss einfach so heißen, weil diese Jahreszeit in ihrer Schönheit fotografisch festzuhalten ist. Wenig Sonne führt zu Chlorophyllmangel, führt zu weniger Traubenzucker, führt zu weniger Sauerstoff, führt zu Wassermangel, resultiert in bunter Blätterfärbung. Erklärbar und trotzdem ein Wunder. Die Stadt leuchtet gelb, orange, braun vor strahlend blauem Himmel.

Das Kunstwerk Hansaviertel
Und so brach ich am Sonntag in mein eigenes Fotofestival auf, begann zwar am offiziellen EMOP-Headquarter, das ehemalige Kennedy Museum am Pariser Platz, übersprang aber wegen Indoors-Unlust die dortige Ausstellung Kairo.Offene Stadt. Die, so hört man, soll trotz fotodokumentarischer Flut in den vergangenen Jahren, doch noch neue Perspektiven auf das gesellschaftliche Aufbegehren in Ägypten bieten. Durch den Tierpark führt mich der Weg und mündet in einer mir fremden Stadtoase: die Akademie der Künste, Standort Hanseatenweg. Nichts anderes hatte ich erwartet: das Hansaviertel ist für mich eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Eyecatcher von Oscar Niemeyer, Walter Gropius, Max Taut, Alvar Aalto u.a. teilen sich seit der Bauausstellung “Interbau” in 1957 die Grundstücke am Spreeufer. In unweiter Entfernung, an gleichnamiger Adresse Tiergarten Eins, die gleichzeitig entstandene Ausstellungs-Wohnimmobilie.


Douglas Gordon in der Akademie der Künste 
Eben jene formvollendete Verbindung von Architektur, Naturwunder und Kunst macht die eigentlichen Ausstellungen in der Akademie, diese „klare, unpathetische Kiste“ (der eigene Architekt Düttmann), zweitrangig. Trotzdem: Douglas Gordon wollte ich sehen. Er, da Medienkünstler und nicht Fotograf, darf zwar nicht im Rahmen des Stadtweiten EMOP ausstellen, erhielt dieses Jahr aber als bescheidenes Trostpflaster den Käthe-Kollwitz-Preis. Die Juroren: Miroslaw Balka, Katharina Grosse und Hermann Pitz.
“Das Kino ist tot” rief der Schotte 1999 aus. Die einfache Dekonstruierbarkeit des Bildes und seiner Geschichten mache den klassischen Erzählstrang zunichte. Als monumentale Kunstwerke könnten sie, die Filme, aber eine neue Gültigkeit erlangen. In der Akademie zeigt der Preisträger “Pretty Much Every Film and Video Work From About 1992 Until Now”. Eine Reflektion über das Konzept der Zeit stößt er mit der Bearbeitung bekannten Filmmaterials der Popkultur an, der Film- und Filmmusikgeschichte (Vertigo), des Sports (Zidane) oder der antiken Mythologie (Plato’s Cave, 2006). In “24 Hour Psycho” (1993) dehnte er den Hitchcock Klassiker derartig in die Länge, dass er 24 h Spielzeit füllte. Einer Fliege sehe ich im Close-up beim Todeskampf zu, ein Elefant tut nur so als sei er tot, ein Mann rasiert sich den Unterarm bis Blut ließt. Die Flucht aus der Geräuschkulisse, verursacht durch die 96 Fernseher, die dort auf einer Insel aus Bierkisten demonstrativ improvisiert aufgebaut wurden, führt mich wieder in die Außenanlage, wo der Teich beruhigend plätschert.

Douglas Gordon Käthe-Kollwitz-Preis 2012 vom 15. September bis 04. November
Akademie der Künste: Hanseatenweg 10
Di-So 11-19 h / Eintritt frei

Heute Abend, am Dienstag 23.10., treffen sich Miroslaw Balka und Douglas Gordon zum Plausch mit Publikum. Beide lohnen sich gleichermaßen: Balka gehört zum elitären Kreis jener Künstler, welche, jährlich wechselnd, die Turbine Hall des Londoner TATE Modern für raumgreifende Skulpturen zur Verfügung gestellt bekommen. Bei Olafur Eliasson ging die Sonne auf (2003), Ai Wei Wei breitete ein Sonnenblumenkernbeet aus (2010), bei Carsten Höller rutschte ich mehrere Etagen tief in the Halle (2007) und tastete mich bei Balka durch eine stockdustere übergroße Dunkelkammer (2009).

Dienstag, 23.10, 19.00 h, Hanseatenweg /
Studiofoyer

Monat der Fotografie 
Der Monat der Fotografie (mdf), die deutsche Station des EMOP, ist das größte deutsche Fotofestival, welches nun zum fünften Mal alle zwei Jahre in Berlin und weiteren europäischen Partnerstädten stattfindet. Unter dem Motto „Der Blick des Anderen“ nimmt es dieses Jahr wieder vielfältige Perspektiven ein. Themen sind Voyeurismus, Kulturelle und Nationale Identitäten, Urbane und Periphäre Räume, Zwischenräume, Strukturen, Berlin, Persönliche Identität.

Der nicht ganz barrierefreie Einstieg in den mdf–500 Fotografen, 10.000 Bilde –wird kulinarisch geebnet:

Weisheit 1: Es gibt nur eine Regel in der Fotografie: Entwickle niemals einen Film in Hühnchensuppe. (Freeman Patterson)
Weisheit 2: Folge dem kulinarischen Leckerbissen und du wirst den visuellen finden. In vorgeschlagenen Rundgängen leitete euch der mdf entlang der Karl-Marx-Allee, zu Galerien, Cafes und Museen oder “Kreuz und Quer durch Tiergarten und Kreuzberg”.

Neben unzähligen Ausstellungen unbekannter Künstler in mir unbekannten Kunsträumen, machen es sich auch Blockbuster wie die von einschlägigen Connaisseurs empfohlene Dennis Hopper- Ausstellung im Martin Gropius Bau im kuratorischen Deckmantel des Festivals bequem.

Und nachdem ich gerade “Middlesex” zugeklappt habe (tolles Buch!)– Kind wird mit männlichen sowie weiblichen Geschlechtsorganen geboren – brenne ich auf Bettina Rheims fotografische Studie von Männern und Frauen, die sich der eindeutigen geschlechtsspezifischen Kategorisierung entziehen.

“Gender Studies” bis 01. Dezember
Camera Work: Kantstraße 149
Di-Sa, 11 – 18 h

Darüber hinaus empfehle ich die Empfehlungen der Macher und picke, ungesehen, noch die folgenden Ausstellungen heraus:

Dialog der Blicke zwischen Ost und West – Fotomarathon Berlin
Eine Auswahl des Berliner Fotomarathons. Die Aufgabe: Bilder zu 24 Themen in 12h. Am 03. November findet ein Mini-Marathon statt.

Kopfkino F’hain: Modersohnstraße 63 | Supermarkt: Brunnenstraße 64
Mo-Fr 10-18 h ;  Sa 20.10., 18-21 h, Sa 3.11., 14-21 h (Preisverleihung 19 h)

Deutsche Börse Photography Price
c/o Berlin: Oranienburger Straße 35/36
Mo-So 11-20 h, 10 € / ermäßigt 5 €

Augenblicke. Stillstand und Bewegung. Berlin Kreuzberg in den 70ern und 80ern
The Browse Gallery: Marheinekeplatz 15
Mo-Fr 8-20, Sa 8-18 h

Jerry Berndt – Sacred / Profane
Fotodokumentarische Aufnahmen des Boston der 70er Jahre. Bilder aus der Halbwelt.
Haus am Kleistpark: Grunewaldstraße 6-7
Di-So, 10 – 19 h

 Echos – Abschlussklasse Ostkreuzschule für Fotografie bis 17. November
…weil es sich jedes Jahr lohnt.

Vernissage am 26.Oktober, 19 h
Ehemaliges Kaufhaus Maassen: Oranienplatz 17
Mo-Fr 14-21 h, Sa-So 12-21 h | Eintritt 3 €

Wem das noch zu wenig oder zu oberflächlich ist, dem ist die Serie „Zu Gast bei…“ an’s Herz gelegt. Jeden Samstag verschafft hier ein Berliner Sammler Zutritt zu seiner Sammlung. In „Unterwegs mit…“ führen Fotografen wie Claire Laude (29.10.), Jens Ullrich (4.11.), Andreas Mühe (11.11.), Björn Siebert (18.11.), Arwed Messmer und Annett Gröschner (25.11.) Interessierte durch Ausstellungen und ausgewählte Orte. Anmeldung über die Website.

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