Warum haben wir alle "keine Zeit"?

© Hella Wittenberg

In ihrer Kolumne "Fragen an das seltsame Leben" stellt Autorin Ilona Fragen zu den großen, aber vor allem zu den kleinen, unscheinbaren Rätseln des Alltags. In dieser Folge fragt sie sich, wie man am besten mit seiner Zeit umgeht.

Zeit ist grausam. Entweder vergeht sie viel zu schnell oder gar nicht. Oder so unmerkbar, dass man regelmäßig erschrickt über die heimlich dahingeflossenen Minuten, Stunden, Tage, Jahre des eigenen Lebens. Dann zum Beispiel, wenn man mehrere Wochen tief im Instagram-Account einer völlig fremden Person drinsteckt. „Ain’t nobody got time for that“ ist das geflügelte Wort für den Stress unserer Generation, für den Druck, mit unserer Zeit etwas Sinnvolles anzufangen, Überflüssiges zu streichen und zum Beispiel stattdessen Handyhüllen mit diesem Spruch bei eBay zu bestellen. Die meiste Zeit (no pun intended) geht es um die Aufgaben, die wir uns geben, um am Ende nicht so durchschnittsglücklich wie unsere Eltern zu werden. Aber selten redet mal jemand von der Zeit an sich, die heute so ambivalent behandelt wird wie sonst kaum eine andere immaterielle Ressource.

Keine Zeit für uns, aber auch keine Zeit, um es zu merken

Denn Zeit ist unser Feind. Sie vergeht unerbittlich und unermüdlich und sorgt dafür, dass wir altern und vielleicht irgendwann sterben, dass wir Dinge verpassen, vertrödeln, versäumen. Vorsprung durch Hektik steht in chinesischen Zeichen da an meinem Handgelenk tätowiert, wo bei anderen eine Smartwatch sitzt und Schritte zählt. Wir kommen trotzdem immer wieder zu spät, wir zögern zu lange, wir warten auf den richtigen Moment und erkennen ihn erst, wenn er schon vorbei ist. Wir rennen der Uhr, einem Bus, einem Traum und unseren Terminen hinterher, wir lassen uns geißeln von Daten und Uhrzeiten und wenn wir alles geschafft haben, all unsere Zeit effizient genau dort hin geflossen ist, wie es uns der allmächtige Google-Kalender befohlen hat, dann, ja dann, klappen wir glücklich und erleuchtet zusammen und nennen es Feierabend, Burnout oder verschicken ein Weinglas-Emoji als geheimes Erkennungszeichen für anonyme Alkoholiker 2.0. Und haben dann zwar keine Zeit mehr für uns selbst, aber glücklicherweise auch keine Kraft mehr, um das zu merken.

Gutes Zeitmanagement ist nur die Fähigkeit, lange nicht zusammenzubrechen

Weil Zeit  – neben finanziellem Kapital und einem Y-Chromsom – in einer Leistungsgesellschaft wie unserer ein entscheidender Faktor für Erfolg ist und Erfolg wiederum in einer Leistungsgesellschaft wie unserer als eines der erstrebenswertesten Dinge im Leben gilt, lernen wir von klein auf, dass es Zeit nicht nur gibt, sondern der Umgang mit ihr eine wichtige Fähigkeit und Aufgabe ist. Bis zu einem bestimmten Punkt ist das richtig und eine notwendige Maßnahme, um am sozialen Leben teilzunehmen. Ab einem gewissen Punkt aber ist es auch eine immer größer werdende Bürde. Die Überforderung von zu erledigenden Aufgaben innerhalb einer vorgegebenen Zeit beginnt mit einem ersten „Wenn du in 20 Minuten nicht aufgeräumt hast, gibt es Ärger“ und endet dann erstmal nicht mehr. Das Einzige, was im Laufe des Lebens im Umgang mit Zeit noch schwankt, ist die Verzweiflung, denn gutes Zeitmanagement heißt nichts anderes, als den Zusammenbruch möglichst lange hinauszögern zu können. Irgendwann kommt er bei jedem.

Achtsamkeit heißt jetzt das, was auf der anderen Seite des Großraumbüros Zeitverschwendung genannt wird.

Aber dann ist die Zeit plötzlich wieder unser Freund. Die liebe, sanfte, streichelnde Zeit von der Sorte, die Wunden heilt und so erholsam ist wie eine Klangschalenmassage im warmen Licht einer Patchouli-Duftkerze. Diese Art von Zeit, egoistisch und zur Selbstpflege genutzte, wurde in den letzten Jahren immer wichtiger. Achtsamkeit heißt jetzt das, was auf der anderen Seite des Großraumbüros Zeitverschwendung genannt wird. Zeit ist dabei ein kostbares Gut, wichtiger als Geld und schöne Zähne, wobei es sicherlich auch eine Achtsamkeitsbewegung für Mundhygiene gibt. Man soll sich also wieder mehr Zeit nehmen und damit sich selbst etwas Gutes tun, und wenn es nur zehn Minuten mit der Meditations-App sind, weil ein bisschen im Stress sein gehört auch dabei immer noch zum guten Ton. Wer zu viel Zeit hat und sie einfach nur verschwendet, genießt keinen guten Ruf, also ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Sich von der tickenden Terminbombe zu befreien erfordert wiederum andernorts eine Menge Organisation, eine Erkenntnis, aus welcher heraus irgendwann das schöne Oxymoron Freizeitstress geboren wurde.

Die Zeit in Zeiten sich ändernder Zeiten

Was also jetzt? Wie verbringt man nun am besten seine Zeit in Zeiten, wo sie "sich" (siehe Bob Dylan) und gleichermaßen "dich" (siehe Bushido) ändert? Und hatte Mick Jagger Recht damit, dass die Zeit auf unserer Seite ist? Auf seiner ganz bestimmt, aber an dieser Stelle soll es nicht um lebende Fossilien gehen. Vielmehr um die Frage, wie man sich zwischen diesen beiden nicht so richtig funktionierenden Arten der Lebensführung nun entscheiden soll. Möglichst so, dass man es ein bisschen schön hat und trotzdem die Miete bezahlen kann. So, dass man morgens gleich wüsste, wohin man heute verreisen würde, wenn man so einfach wegkönnte und dann eben noch eine Weile aushält, bis es wirklich so weit ist. Und so, dass man sich manchmal wieder an früher erinnert, als man noch nicht wusste, wie ein Uhr funktioniert und man das einzige tat, was man später immer höchstens aus Versehen hinbekommen hat: die Zeit einfach mal vergessen.

Im Titelbild trägt Ilona einen Rock von Weekday und ein Oberteil von Monki.

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