Erst das Koks, dann die Moral – Unterwegs mit Kokskurier Ronny

© Benjamin Hiller

„Aber Koks ist doch eigentlich scheiße, oder?“, frag ich.
„Wieso ist Koks scheiße?“
„Naja, wegen der Herkunft. Weil so viele Leute dafür draufgehen, dass wir uns hier zuballern können.“
„Boah, echt jetzt?“
Ronny schaut mich an, als würde ich ihn verarschen. „Willst du mir jetzt auf die Fairtrade-Bio-Schiene kommen, oder was? Heul doch.“

Ich will gerade etwas erwidern, da sehe ich den Polizeiwagen vor uns an der Ampel. Adrenalin. Herzrasen. Mein Skrotum zieht sich unangenehm kribbelnd zusammen. Wie bin ich nur auf die Idee gekommen, zu einem Drogenkurier ins Auto zu steigen? Wenn wir jetzt kontrolliert werden, hab ich es wirklich nicht anders verdient.

Als ich früher noch mit beiden Beinen im Leben stand, hab ich oft Drogen genommen. Alles, was gerade verfügbar war, in jeder Situation. Aus der Zeit kenne ich noch ein paar Leute, manche von ihnen nicht sehr sympathisch. Aber interessant. Ronny (Name geändert) ist einer von ihnen. Er tut immer sehr genervt und geschäftig. Lässt sich dabei aber leicht zum Lachen bringen. Als ich ihn kennengelernt hab, war er Ende 30. Tat nichts anderes, als feiern und arbeiten. Er sah damals schon älter aus.

„Ey, wenn du soviel Scheiß wie ich durch hättest, würdest du auch alt aussehen“, sagt er dazu. Ich würde ihn nicht als Dealer bezeichnen, weil das so bescheuert klingt. Sagen wir, er ist ein Kurier. Ein Kokskurier.
„Hab gesehen, was du da immer für Mit Vergnügen schreibst“, sagt er, als wir uns zufällig auf der Straße begegnen.

Sei nicht so 'ne Pussy.

„Du meinst, du hast dir die Bilder angeschaut?“
„Leck mich. Du musst mal bei mir mitfahren. Da kannste zehn Bücher drüber schreiben.“
„Alle Egomanen denken, dass ihr Leben so interessant ist.“
„Jaja, ballerste eene mit mir?“
„Ich mach sowas nicht mehr.“
„Sei nicht so 'ne Pussy.“

Ich kriege von mehreren Seiten zu hören, dass es Wahnsinn ist, ihn zu begleiten. Und für einen Artikel zu riskieren, dass ich von den Bullen hops genommen werde. Keine Ahnung, wie das dann ist. Genieße ich als Journalist Immunität? Oder mach ich mich der Beihilfe zu einer Straftat schuldig?

Ronny ist Kellner in einem relativ noblen Restaurant in Charlottenburg. Dort treffe ich ihn kurz vor Feierabend. An einigen Tischen wird noch gespeist. Ich fühle mich etwas unwohl am Tresen, aber als Ronny mir ein Glas Burgunder einschenkt, wird es gleich besser.

„Kommen deine Kunden auch hierher?“, frag ich leise.
„Nö. Aber mein Lieferant kommt manchmal zum Essen. Dann regeln wir das andere auch gleich.“

Die männliche Hälfte eines Candlelight-Dinners winkt Ronny zu sich, doch der ist gerade mit Whatsapp beschäftigt. Ich mache ihn darauf aufmerksam.

„Ja, und?“, sagt er. „Die Spasten haben sich zu ’nem 5-Gang-Menü nur ’ne Flasche Wasser geteilt. Die können schön warten.“
„Ich sehe, du machst deinen Job gern.“
„Hauptsache, die zahlen bald. Wir haben heute bestimmt viel zu tun.“

40 Minuten später steigen wir in seinen Golf. Ronny hat seinen Service-Dress abgelegt und trägt jetzt Jeans und eine schwarze Trekking-Jacke. Während er losfährt, schiebe ich die Redbull-Dosen und CD-Hüllen in meinem Fußraum beiseite.

„Warum fährst du eigentlich so ’ne Keksdose?“, frag ich. „Zur Tarnung?“
„Ey, sag nix Schlechtes über mein Auto.“

Angst? Ich bin doch nicht schwul.

Wir gondeln Richtung Wedding. Ronny wirkt völlig entspannt. „Und wie oft machst du solche Touren?“
„Dreimal pro Woche, wenn alles klappt.“
„So oft? Da bleibt doch total viel hängen, oder?“
„Um die zweitausend im Monat.“
„Warum kellnerst du dann überhaupt?“
„Ist nicht so auffällig“, sagt er. „Ich bin versichert und zahle in die Rente ein. Außerdem weiß ich eh nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll.“

Als wir an der ersten Adresse ankommen, schickt Ronny mich aus dem Auto. Ich drehe zwei Runden um den Block, dann funkt er mich an und sammelt mich wieder ein. Dieses Spiel wiederholen wir in den nächsten Stunden ein paar mal.
„Hast du keine Angst, von den Bullen erwischt zu werden?“, frage ich zwischen durch. „Angst? Ich bin doch nicht schwul.“
„Naja, bist du gar nicht besorgt?“
„Nö, ich hab immer nur 'n paar Röhrchen dabei. Da können die mir nicht viel.“

Aus diesem Grund müssen wir auch kurz danach Nachschub holen. Zehn Phiolen, gefüllt mit je 0,7 Gramm, 30 Euro pro Ding. Ronny verkauft sie für 50. Als er zurück kommt, will ich wissen, von wem er das Zeug kriegt.
„Nächste Frage“, sagt er.
„Okay. Was sind deine Kunden für Leute?“
„Na, Druffis.“
„Geht’s nicht ein bisschen konkreter?“
„Was willst’n jetzt wissen? Gastro-Volk halt. Ein Anwalt, ’ne Schauspielerin.“
„Und wie kommen die an deine Nummer?“
„Gar nicht. Läuft nur über Empfehlung. Ich mach das ja nicht schon immer. Hat sich so aus dem Freundeskreis raus entwickelt.“

Wir fahren gerade auf der Frankfurter Allee Richtung Osten, als ich auf die blutige Herkunft seines Produktes zu sprechen komme. Drogenkriege, Ausbeutung, 100.000 Tote in Mittel- und Südamerika. Ronny findet, ich soll mich nicht anscheißen.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, sagt er.
„Liest du etwa Adorno?“
„Wen?“

Ich weiß nicht, ob die Polizisten zu uns schauen, weil ich mich nicht traue, den Kopf zu drehen

In dem Moment sehe ich das Polizeiauto vor uns an der Ampel. Ronny wird langsamer und kommt rechts neben ihm zum stehen. Unsere Gesichter befinden sich jetzt auf gleicher Höhe mit denen der Beamten. Ich muss daran denken, dass wir gerade erst Nachschub geholt haben. Ronny kurbelt sein Fenster runter und steckt sich eine Kippe an. Ich weiß nicht, ob die Polizisten zu uns schauen, weil ich mich nicht traue, den Kopf zu drehen.

„Uff, das war knapp“, sag ich, nachdem wir unbehelligt weitergefahren sind.
„Na, mit dir kann man Pferde stehlen.“
„Ey, ich hab ’ne zwei Jahre alte Tochter zuhause.“
„Ich hab auch einen Sohn.“
„Ja, also. Wäre es nicht bescheuert, wenn du ihn wegen so ’nem Schwachsinn nicht mehr sehen kannst?“
„Wieso Schwachsinn? Ist doch gar nix passiert.“

Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Ronny betrachtet mich von der Seite und lacht.

„Ey, Kollege“, sagt er. „Du wolltest doch unbedingt bei mir mitfahren.“
„Kokst du eigentlich viel selbst?“
„Was’n das für ’ne bescheuerte Frage?“
„Naja. Jetzt zum Beispiel.“
„Nein. Nicht wenn ich arbeite.“

Wieder beliefern wir einige für mich unsichtbar bleibende Kunden. Es ist inzwischen halb zwei, doch Ronnys Handy piept unverdrossen.

„Ey, na?“, meldet er sich. „Was geht? Ja, lässt sich machen. Halbe Stunde. Ich klingel' dich an.“ Also nochmal nach Friedrichshain. „Wenn wir Glück haben, nimmt der mir alles ab.“ Obwohl ich vermute, wie die Antwort ausfallen wird, frag ich: „Hast du nicht irgendwie manchmal Skrupel? Weil die Leute sich mit deinem Zeug kaputt machen?“

Ich bin ein kleiner Fisch und will es auch bleiben.

„Die machen sich doch eh kaputt. Wenn nicht mit meinem Zeug, dann mit irgendwas anderem. Ist nicht meine Schuld, dass die Welt so beschissen ist.“

Es ist eine Weile ruhig, dann fängt er wieder an: „Weeßte, die Regierung könnte das Zeug auch einfach ma’ legalisieren. Dann wäre die Herkunft kontrollierter und der Konsum bestimmt auch sicherer.“
„Aber dann wärst du deinen Job los.“
„Deshalb bin ich immer noch Kellner.“
„Rechnest du denn in naher Zukunft damit?“
„Klar, warum nich? Irgendwann müssen die doch mal zur Vernunft kommen.“

In Friedrichshain wird er tatsächlich alles los. Laut Ronny ist der Kunde ein DJ, der eine Privatparty schmeißt. Ich frage, ob wir jetzt nochmal Nachschub holen.

„Nö, nicht zu gierig werden. Ich bin ein kleiner Fisch und will es auch bleiben. Aber wenn du willst, fahr ich dich noch nach Hause.“
„Legst du dir eigentlich Geld beiseite?“
„Klar. Ich will irgendwann nach Thailand auswandern.“
„Ach, Gott.“
„Was? Geiles Essen. Geile Frauen. Was ist denn?“
„Ich kenn dich zu gut, als dass ich das cool finden könnte“, sag ich.
„Ey, du warst auch schon in Thailand und hattest was mit ’ner Frau.“
„Ich hatte in jedem Urlaub was mit ’ner Frau.“
„Na, also. Dann kack mich nich an!“

Nachdenklich fahren wir zurück in den Wedding. Als Ronny vor meiner Haustür parkt, zieht er eine letzte Ampulle aus seiner Hose.

„Noch ’ne kleine Line zum Einschlafen?“, fragt er.
„Du bist irre. Ich dachte, du ziehst nix auf Arbeit.“
„Ist doch Feierabend. Außerdem hab ich ’n langen Heimweg vor mir.“

Ich beobachte, wie er sich mit routinierten Bewegungen was zurecht macht. Eine Dose Redbull aus dem Handschuhfach holt und das Radio lauter dreht.

„Ich schreib dann mal die zehn Bücher“, sag ich.
„Alles klar. Grüß deine Tochter von mir. Und sag Bescheid, wenn du mal wieder was brauchst.“

Dann fährt er davon. Noch so eine von Gottes missratenen Kreaturen. Von denen ich mich selbst auch nicht ausschließe.

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