Ist doch scheißegal, wann das zweite Kind kommt

© Rike Schäfer

Die Kolumne „Cool trotz Kind“ ist für alle Eltern da draußen. Und für die, die es werden wollen. Autor Clint erklärt, wie ihr auch mit Kind euer Gesicht wahren könnt. Vor euch und der Welt. Aktuell ist er in der Trotzphase...

Kann man cool bleiben, auch wenn man ein Kind hat? Aber natürlich. Ihr dürft euch halt nicht immer so dusselig anstellen. Arbeitet einfach mit Tricks. Ich war zum Beispiel genervt, weil der Elternvertreter der Kita dauernd zu irgendwelchen Teekränzchen geladen hat. War seine große Initiative, diese Teekränzchen. Damit wir Eltern uns auch mal außerhalb der Kita kennen lernen.

Was hab ich also gemacht? Ich hab mich bei der nächsten Abstimmung selbst für den Posten vorgeschlagen. Die Wahl war ein Krimi. Nervenzerreißend. Nach zahllosen Durchgängen stieg endlich weißer Rauch aus dem Schornstein der Kita auf. Und als erste Amtshandlung hab ich feierlich die Teekränzchen abgeschafft. Ein Stoßseufzer der Erleichterung ging durch die Reihen der Eltern.

Arbeitet einfach mit Tricks

Anderes Beispiel: Euer Kind, sagen wir, euer Sohn, ist auf dem Spielplatz zugange. Ein Mädchen im gleichen Alter gesellt sich zu ihm. Die beiden spielen zusammen, mögen sich offensichtlich. Und alle so: „Oh, wie süß! Guckt euch das an. Ich hör schon die Hochzeitsglocken. Hihihi. Hey, ihr Turteltauben, schaut mal in die Kamera! Das zeigen wir euch dann in 20 Jahren nochmal!“

Mein Tipp: Einfach sein lassen. Muss nicht unbedingt sein. Diese Sexualisierung. Natürlich merken die Kinder, wie plötzlich alle wegen ihnen aus dem Häuschen geraten. Kinder lassen sich gern inszenieren. Rampensäue, der ganze Verein. Aber vielleicht wären sie auch zufrieden, wenn ihr sie einfach in Ruhe spielen lasst.

Kinder lassen sich gern inszenieren. Rampensäue, der ganze Verein.

So, jetzt bin ich warm für das eigentliche Thema. Alle Eltern lieben es. Man kann sich endlos darüber ereifern. Und jeder tut es auch ungefragt. Man sitzt da im Kreißsaal, wartet noch darauf, dass die Plazenta ausgestoßen wird und schon kommen die ersten: „Und? Habt ihr euch schon überlegt, wann ihr das zweite Kind macht? Der Abstand soll ja auch nicht zu groß sein.“

Was ist am besten? Ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre? Es gibt dazu unendlich viele Meinungen. Und jeder trägt sie auf der Zunge spazieren. Das 2. Kind. Weil das erste ja einen Spielgefährten braucht. Und überhaupt, die soziale Entwicklung. Aber was ist dann besser? Direkt hintereinander, damit die Kleinen immer die gleichen Interessen haben? Oder ein bisschen warten? Damit das zweite jemanden zum Aufblicken hat?

Klar wollen wir noch mehr Kinder. Eines Tages.

Zuerst war ich ein bisschen gestresst von diesen Diskussionen, die mir überall aufs Auge gedrückt wurden. Bei der Arbeit. Beim Blumenkaufen. Beim Warten, dass die Ampel grün wird. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich kann nicht mal in Ruhe kacken, ohne dass jemand den Kopf zum Fenster reinsteckt, um sich zu vergewissern, dass wir bei der Familienplanung auch wirklich umsichtig sind.

In mir regte sich leiser Protest. Ich wollte doch erstmal schauen, wie das überhaupt ist mit Kind – und meiner Tochter die volle Aufmerksamkeit schenken. Gönn dir, dachte ich. Klar war da auch irgendwo der diffuse Gedanke, dass wir noch mehr Kinder wollen. Eines Tages. Aber halt noch nicht jetzt. Ist doch okay. Ich war dann nur so dumm, das zu äußern.

Ich wollte doch erstmal schauen, wie das überhaupt ist mit Kind.

„Vielleicht warten wir einfach noch länger“, sagte ich. „Dann ist meine Tochter halt sechs, wenn das zweite kommt. Passt dann schon irgendwie.“

OMG. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich damit losgetreten habe.

„Das könnt ihr nicht machen, das ist doch total scheiße für eure Tochter. Und auch für euch! Da seid ihr doch schon längst raus aus dem gröbsten und dann fängt wieder alles von vorne an. Glaubt mir, damit tut ihr euch keinen Gefallen.“

Aus dem leichten Gestresstsein wurde nach und nach wilde Bockigkeit. Ich bin jetzt voll in der Trotzphase, wenn ihr so wollt. Gibt’s denn ein noch beschisseneres Luxusproblem als diese Frage? Und was geht die Leute das überhaupt an? Jeder ist plötzlich Experte. Selbst solche, die gar keine eigenen Kinder haben. Fangt ihr doch erstmal an, denk ich dann. Macht euch keine Sorgen um mich. Ich will das 2. Kind, wenn ich Lust darauf habe.

Gibt’s denn ein noch beschisseneres Luxusproblem als diese Frage?

Klar, das ist wieder total egoistisch. Deswegen setz ich der Unmoral hier noch die Krone auf und postuliere: Man kann die Sache mit dem 2. Kind sogar ganz bleiben lassen. Einfach keins machen! Einzelkinder sind gar nicht so schlimm. Ich hab im Laufe meines Lebens das ein oder andere kennengelernt. Vor denen muss man keine Angst haben. Klar, ein bisschen Vorsicht kann nie schaden. Man sollte ihnen nicht den Rücken zukehren. Die sind immer schnell mit dem Messer. Hatten halt keine Geschwister und haben deshalb nie gelernt, dass man niemanden abstechen soll. Aber wenn man das weiß, kann man ja damit umgehen.

Der beste Zeitpunkt für das 2. Kind ist der, in dem es kommt.

Wie gesagt, ich weiß es noch nicht. Ich lass es ganz locker flockig auf mich zukommen. Und das kann ich nur weiterempfehlen. Ist jetzt wieder reine Spekulation, aber wenn ich sehe, was manche Eltern für frustrierte Fressen ziehen, denk ich: Vielleicht hättet ihr auch erstmal entspannt machen sollen. Statt euch Hals über Kopf mit Plagen zu überhäufen. Jeder Kanal der Seele von Kinderkacke blockiert. Mein Mitgefühl habt ihr. Im Leben gibt’s kein Zurück. Das weiß ich selbst nur zu gut. Deshalb hört auf mit der Drängelei. Damit andere noch eine Chance haben. Der beste Zeitpunkt für das 2. Kind ist der, in dem es kommt.

TIPP DES TAGES: Ihr wollt es langsam angehen lassen? Einfach wieder die Kondome aus der Speisekammer holen.

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