Gegen Nervenkrieg und Liebeskummer – Mein Kind ist ein Antidepressivum

© Rike Schäfer

Die Kolumne „Cool trotz Kind“ ist für alle Eltern da draußen. Und für die, die es werden wollen. Autor Clint erklärt, wie ihr auch mit Kind euer Gesicht wahren könnt. Vor euch und der Welt. In dieser Folge dankt er seiner Tochter. Für alles.

Kann man cool bleiben, auch wenn man ein Kind hat? Aber natürlich, wie oft soll ich’s denn noch sagen? Aber bitte, BITTE redet normal mit euren Kindern. Bei der Verständigung mit einer Person, die nur gebrochen Deutsch spricht, ist es auch nicht förderlich, wenn ihr in das gleiche Kauderwelsch verfallt („Du verstehen? Hier nix Bahnhof“). Und genauso müsst ihr mit eurer Schlappe auch kein Kinderstimmchen imitieren, wenn ihr mit dem werten Nachwuchs kommuniziert.

Wirklich ein unmögliches Verhalten. Ganz besonders, wenn Erzieherinnen es an den Tag legen. Neulich ist eine Kindergärtnerin mit ihrer Schar zu mir in den Bus gestiegen. Da durfte ich mal wieder dezidiert zuhören. Was gar nicht so leicht war, weil sie andauernd PSCHSCHT gemacht hat. Das kann ich ja leiden. Selbst wenn alle Kinder gleichzeitig in voller Lautstärke gebrüllt hätten, wären sie nicht annähernd so laut gewesen wie dieses hirnstromzerreißende PSCHSCHT.

Wenn Erwachsene reden wie Chucky, die Mörderpuppe...

„Morgen gehen wir in die Schule“, sagt eines der Kinder zu ihr.
„Ich weiß“, antwortet sie mit ihrer künstlichen Babystimme. „Das hast du mir jetzt schon fünfmal erzählt. Mhm, fünfmal. Warum erzählst du mir das fünfmal hintereinander? Was soll ich denn jetzt dazu sagen? Hast du Angst? HMMM? Hast du ANGST, weil du in die Schule gehen musst?“

„Ich freu mich“, wispert das Mädchen.

„ACH DU FREUST DICH! Das ist aber schön. Deshalb hast du mir das fünfmal erzählt, hm? Oh, schaut mal, da drüben gab’s einen Unfall.“

Und sie zeigt den Kindern ernsthaft die Stelle auf der Brunnenstraße, an der zwei Autos ineinander gerauscht sind. Okay, ein Extremfall, ich geb’s ja zu. Aber durch ihre bescheuert verstellte Stimme ist ihr passiv aggressiver Bullshit NOCH wahnsinniger rübergekommen. Der fiese Endgegner in einem fiesen Psychothriller. Denkt daran, wenn ihr das nächste mal wieder zu reden anfangt wie Chucky, die Mörderpuppe.

Eigentlich wollte ich ja was Schönes erzählen. Und damit sind wir genau beim Thema. Denn es gibt im Alltag andauernd Momente, die einen auf die Palme bringen. Dazu kommen dann noch die kleinen und großen Probleme des Lebens. Ich hab zum Beispiel gerade ziemlichen Liebeskummer. Aber wisst ihr, was mir da hilft? Ich muss nur mein Kind anschauen. Dadurch verschwinden die Widrigkeiten zwar nicht. Doch sie treten rücksichtsvoll in den Hintergrund.

Meine Tochter ist mein größter Trost. Egal wie verkorkst alles andere ist. Ob mein Beziehungsleben den Bach runtergeht und ich wieder mal in den rauchenden Trümmern von Ground Zero stehe und mich frage, ob ich mich dort der Einfachheit halber nicht gleich häuslich einrichten soll – dieses Kind, mein Kind, wird immer da sein. Und besser noch: Wenn ich mir ein klein wenig Mühe gebe, wird sie mich immer lieben.

Egal wie verkorkst alles ist - mein Kind wird immer da sein

Ganz abgesehen davon ist ihr Unterhaltungswert auch einfach sehr hoch. Mit ihren dreieinhalb Jahren ist sie bisweilen unfassbar witzig. Und letzten Sonntag hat sie zum ersten Mal wegen eines Filmes geweint. Wir waren zu Besuch bei meinem ungarischen Kumpel. Dem Einzigen in meinem Bekanntenkreis, der einen Fernseher besitzt. Und während wir die neue Lieferung Slivovic aus seiner Heimat verkosten mussten, hat meine Tochter sich einen Dinofilm reingezogen.

Es ist erstaunlich zu beobachten, wann die Bildsprache so ein Kleinkind erreicht und wann nicht. Als am Ende des ersten Aktes der Vater des Dinos in einem Fluss ertrinkt, dachte ich schon, ich muss den Film ausmachen. Aber meine Tochter hat das Drama gar nicht verstanden. Viel zu viel Bewegung, Lichter, Farben. Am Ende dagegen, als der Dino sich von dem Menschenkind trennen muss und ihm das nonverbal, nur mithilfe von Gesten begreiflich macht, hat die Message voll eingeschlagen.

Meine Tochter saß ganz bedröppelt da. Ich hab sie in den Arm genommen und gefragt, ob sie traurig ist. Und in dem Moment kamen die Tränen. Ich war so gerührt, dass ich direkt mitheulen musste. Meinem Macho-Kumpel ging es nicht anders. Minutenlang haben wir flennend vor diesem Pixar-Streifen gesessen.

Meine Tochter ist mein größter Trost

Von solchen Augenblicken kann ich noch lange zehren. Egal wie frustriert oder traurig ich bin, diese Erinnerungen heitern mich auf. Und wenn ich doch mal schwermütig am Klavier sitze, kommt das Kind und bereichert mein Chopin-Nocturne kurzerhand durch ein paar atonale Akkorde.

Meine Tochter ist ein Antidepressivum. Und das nicht nur für mich. Ihre leuchtende Seele erfreut jeden, der davon angestrahlt wird. Ich muss sie nur mitbringen, wenn jemand von meinen Freunden mal traurig ist, und schon wird alles besser. Im Gegenzug genießt sie es natürlich, derart im Mittelpunkt zu stehen. Sie ist jetzt schon ein ziemliches Früchtchen. Bin gespannt, was aus ihr noch wird.

Doch während ich in allen anderen Lebensbereichen nicht so recht weiß, was mich in Zukunft erwartet – sei es in der Liebe oder meinem Schriftstellerdasein – kann ich im Hinblick auf meine Tochter nur sagen: Das Leben ist schön.

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