Andere Eltern machen mir Angst

© Wiebke Jann

„Cool trotz Kind“ ist für alle Eltern dort draußen. Autor Clint durchläuft dafür sämtliche Lebensentwürfe. Auf drei Jahre Kleinfamilie folgten vier Jahre Wechselmodell. Nun sieht er seine Tochter Wanda* nur noch am Wochenende. Ein Alltag zwischen Sehnsucht und Großstadt-Exzessen.

Letzte Woche konnte ich mich endlich mal wieder wie ein guter Vater fühlen. Das kommt nicht so oft vor, deshalb gestatte ich mir, diese Momente zu genießen. Ich war mit Wanda auf dem Spielplatz am Teutoburger Platz. Das heißt natürlich, Wanda war auf dem Spielplatz. Ich saß daneben auf einer Bank und habe ihr beim Spielen zugeschaut. Eltern, die aktiv mit ihren Kleinen im Sand herumtollen, sind mir suspekt.

Keine fünf Meter von meiner Bank entfernt hielt sich ein anderer Vater mit seinem Kind auf. Während das Kind ein Croissant verzehrte, telefonierte der Vater mit einem Arbeitskollegen, vielleicht seinem Chef. Ich weiß das, weil er es sehr laut und anhaltend tat. Gute zehn Minuten sprach er so in sein Headset und würdigte sein Kind in dieser Zeit keines einzigen Blickes. Als es irgendwann eine Frage stellte, bellte er nur ein knappes „Iss jetzt mal.“

Wenn das Kind beim Conference Call stört

Ich selbst bin nun wirklich kein Heiliger. Nach meiner Kolumne vor zwei Wochen wurde in Kommentaren und Leserbriefen wieder gefordert, dass mir das Sorgerecht für meine Tochter entzogen wird. Gut möglich, dass meine Erziehungsmethoden in manchen Augen kontrovers erscheinen. Doch wenn ich so einen Prenzlberg-Clown in seiner wichtigen Telefonkonferenz sehe, kann ich mich im wohligen Bewusstsein zurücklehnen, dass es weit schlimmere Väter gibt als mich.

Die meisten Eltern sind Deppen. Weil die meisten Menschen nun einmal Deppen sind. Stell sie vor die Wahl, etwas richtig zu machen oder sich blöde anzustellen, und sie werden sich blöde anstellen. Deshalb finden sie auch, dass nichts dabei ist, wenn sie mit ihren Kindern wie mit Idioten sprechen:

„Soll der Papa dem Ysgramor eine Banane schälen? Nein, Annelie, nicht in den Fahrradschlauch beißen, der ist bäh bäh!“

Die meisten Eltern sind Deppen

An solche Aussetzer habe ich mich nach sieben Jahren als Vater längst gewöhnt. Wenn ich andere Eltern so reden höre, zuckt an meiner Schläfe keine einzige Ader mehr. Ich klopfe mir höchstens noch auf den Schenkel und lache wie über einen guten Witz.
Was mich jedoch vollkommen fertig macht, sind coole Eltern. Eltern, die keinen an der Waffel haben. Und mit denen man ganz normal reden kann.

Wanda ist inzwischen in einem Alter, in dem sie immer mehr socialised. Egal ob im Tropical Islands oder auf dem Kollwitzplatz: Es dauert keine drei Minuten, da hat sie sich mit einem anderen Mädchen angefreundet. Was wiederum oft dazu führt, dass ich mit dessen Eltern interagieren muss. Als kontaktscheue Pflanze, die ich bin, stellt mich das aber vor ein ernsthaftes Problem.

Die Angst vor neuen Bekannten

Früher hat es das nicht gegeben. Wanda spielte am liebsten allein und ich habe diese Vorliebe gefördert, wo ich nur konnte. Aus ganz egoistischen Gründen. Weil ich dann meinen Gedanken nachhängen konnte, statt mich austauschen zu müssen.
Doch natürlich kann ich es nicht unterbinden, wenn mein Kind nun kontaktfreudig wird. Sie freundet sich mit Mädchen aus ihrer Klasse an, möchte sich in ihrer Freizeit mit ihnen treffen, womöglich sogar dort übernachten.

Ein Kind zu haben, bedeutet Fremdbestimmung. Das habe ich schnell gemerkt. Doch dass die Intensität der Fremdbestimmung immer weiter zunimmt, trifft mich oft unvorbereitet. Tag für Tag werde ich ins kalte Wasser geschubst.

Ein Kind zu haben, bedeutet Fremdbestimmung

Und so sitze ich immer öfter mit wildfremden Menschen beim Kaffee oder Tee. Das einzige, was uns verbindet, ist die Freundschaft unserer Kinder. Und das Schockierende: Diese Menschen sind meistens total in Ordnung. Entspannt und klug. Oftmals scheinen sie sogar selbst mit dem Kopf ganz woanders zu sein.

Ich komme mit sowas nicht klar. Die Einsicht, dass viele Menschen in dieser Stadt gar nicht sooo blöd sind, bedroht meine Vorurteile. Da sind mir die Prenzlberger Rabenväter viel lieber. Über die kann ich spotten und mich erheben. Wenn sie dann mal kurz aufschauen von ihren Telefonaten, diese HR-Manager und Personal Branding Coaches, können sie ein dankbares Blitzen in meinen Augen sehen. Weil ihre öde Aura meist dafür sorgt, dass meine Tochter sich nicht mit ihrem Kind anfreunden wird.

© Mit Vergnügen

*  Name geändert