Alles für mein Kind – Eltern sind solche Muschis

© Benjamin Hiller

Die Kolumne „Cool trotz Kind“ ist für alle Eltern da draußen. Und für die, die es werden wollen. Autor Clint erklärt, wie ihr auch mit Kind euer Gesicht wahren könnt. Vor euch und der Welt. In dieser Folge erfahrt ihr, wie viel Raum nach der Geburt für eure liebsten Laster bleibt...

Kann man cool bleiben, auch wenn man ein Kind hat? Ganz ehrlich: Ja. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und deklamiere: Ihr MÜSST cool bleiben, wenn ihr Eltern werdet. Das seid ihr euch und euren Kindern schuldig. Schließlich sollen sie später mal zu euch aufblicken können. Stellt euch doch einfach die Frage: Was werden eure Kinder sehen?

Werdet ihr Rudeltiere sein, die alles für den Nachwuchs aufgegeben haben? Ihre Hobbys, ihr Liebesleben, ihre Persönlichkeit? Werdet ihr Egomanen sein, für die selbst die eigenen Kinder nur eine Facette ihres zur Schau getragenen Profils sind? Oder werdet ihr gar nicht da sein, weil ihr einen polnischen Abgang gemacht habt, als die Leibesfrucht sechs Monate alt war?

Wie werden eure Kinder euch sehen?

Durch ein Kind ändert sich alles. Doch wie viel Veränderung darf man zulassen, ohne dabei zu einem amorphen Elternwesen zu mutieren? Ein Beispiel: Ich will mal beschreiben, wie der Arbeitsplatz aussieht, an dem ich gerade sitze. Links türmt sich ein Stapel von Manuskriptseiten. Davor, nicht weniger hoch, ein Haufen unbezahlter Rechnungen. Rechts stehen Lampe und Kaffeepott. Mittendrin thront der Laptop, das alte Schlachtschiff.

Auf den ersten Blick sah der Schreibtisch vor vier Jahren, vor der Schwangerschaft, genau gleich aus. Okay, es gab da noch ein paar Aschenbecher. Gläser, Flaschen, Bierdosen und einen Zieh-Spiegel. Der Tisch stand auch nicht am Fenster, sondern war umzingelt von Sofas, auf denen sich Menschen mit zweifelhaftem Leumund lümmelten. Ich will sie mal augenzwinkernd Freunde nennen.

Wenn ich morgens gegen acht oder neun mit dem Schreiben anfing, kamen die erst von ihrer Sauftour zurück. Im Schlepptau eine Clique Latinas aus dem Puff nebenan, die sich sehr gut als Models für Übergrößen gemacht hätten. Meistens lief es dann darauf hinaus, dass mein Zustand sich allmählich an den der Anderen anpasste. Während sie langsam runterkamen, drehte ich Stück für Stück auf. Und wenn die sich am liebsten ins Bett verdrückt hätten, war ich längst bereit für einen großangelegten Guerilla-Krieg.

Schluss mit Drogen, Sex und schlechten Manieren

Was wäre der angemessene Weg gewesen, diese Lebensweise mit einer kommenden Vaterschaft in Einklang zu bringen? Muss man aufhören mit den Exzessen, wenn man ein Kind kriegt? Nun, die Mutter muss das auf jeden Fall. Schwangerschaft und Stillzeit bedeuten schon mal zwei Jahre Abstinenz. Das ist natürlich gemein. Schluss mit dem Rauchen, Schluss mit dem Alkohol.

Und glaubt mir, es gibt zwar sehr viele Sorten von alkoholfreiem Wein und Sekt, aber die schmecken alle beschissen. Das weiß ich, weil ich aus Solidarität oft ebenfalls verzichtet habe. Aber eben nicht immer. Die Mutter meiner Tochter wollte das nicht. Wir fanden beide, dass es nichts Deprimierenderes gibt als einen werdenden Vater, der sich zur Abstinenz zwingen lässt. Dem die Frau verbietet auszugehen, einzig und allein aus dem Grund, weil sie es auch nicht kann.

Mütter haben immer die Arschkarte gezogen

Versteht mich nicht falsch. Natürlich halte ich es für absolut notwendig, dass alle Belastungen so gleichberechtigt wie möglich von beiden Elternteilen getragen werden. Wobei das ein frommer Wunsch ist, denn die Mutter hat IMMER die Arschkarte gezogen. Das kann man nur notdürftig kompensieren. Ich hab es versucht, indem ich wenigstens Nestbau, Geldbeschaffung und Behördenkram übernommen habe.

Wir fanden beide, dass es nichts Deprimierenderes gibt als einen werdenden Vater, der sich zur Abstinenz zwingen lässt.

Aber es gab eben auch während der Schwangerschaft Momente, in denen ich mich betrinken musste. So wie es diese Momente immer geben wird. Und es wäre doch krank, sich diese Befreiungsschläge per se zu verbieten, aus irgendeinem bescheuerten Ehrgefühl heraus. Das ist nämlich genau der Augenblick, in dem Eltern anfangen sich wegen des Kindes unnatürlich zu verhalten. Und wenn man das erstmal zulässt, gibt es kein Zurück. Dann steuert man unweigerlich auf den Punkt zu, an dem die eigene Persönlichkeit nur noch auf die Funktion als Elternteil beschränkt wird.

Schaut sie euch doch an auf dem Spielplatz: Schlipstragende Väter, die unter der Woche eine Abteilung befehligen, machen sich mit ihren Gören zum Affen, spielen Ball, reden wie Cartoon-Figuren, und tun auch noch so, als müsste das so sein. Mütter rotten sich vormittags vor schicken Cafés zusammen und quälen die Kellner, um sich von der bitteren Wahrheit abzulenken, dass ihr Leben ein Alptraum der Langeweile geworden ist.

Reißt euch bitte zusammen!

Wenn ich sowas sehe, denke ich jedes Mal: Eltern sind solche Muschis. Reißt euch bitte mal zusammen. Es muss doch nicht sein, dass ihr wegen eurer Kinder zum schlimmsten Spießer degeneriert. Ich hab auch aufgehört Drogen zu nehmen, als ich Vater wurde. Weil das ein Hasardspiel ist. Wenn ich auf LSD hängen bleibe, oder eines meiner Organe versagt, würde das nicht nur mich selbst betreffen, sondern auch meine Tochter. Auf der anderen Seite hab ich mir aber nicht gleich meine Cojones abgeschnitten und sie in Großmutters Blumengarten vergraben, wie all diese gutsituierten Daddys im Berliner Kernland.

Es muss doch nicht sein, dass ihr wegen eurer Kinder zum schlimmsten Spießer degeneriert.

Wenn man ein Kind hat, sollte dieses immer an erster Stelle stehen. Aber unmittelbar danach kommt ihr selbst. Und ich kann nur sagen: Bitte, bitte macht was aus euch. Seid nicht solche bürgerlichen Waschlappen, sondern Vorbilder – mit Demut vor der Schöpfung, aber Feuer im Arsch. Sonst werden eure Kinder auch solche trüben Tassen ohne Vision. Und das kann sich doch wirklich niemand wünschen.

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