Berliner*innen am Sonntag mit Frederick Lau: "Immer, wenn ich unter Stress gerate, gehe ich schwimmen."

© Wiebke Jann

Eigentlich wollte ich Frederick Lau in Steglitz treffen, gemeinsam mit ihm durch seinen Kiez schlendern und mit ihm über seinen Sonntag, über Sonntagsrituale und seinen neuen Film "Generation Beziehungsunfähig" sprechen. Statt in Steglitz, habe ich ihn dann aber mitten in Kreuzberg getroffen. Bei Kida Ramadan im Friseursalon. Mit dabei: seine siebenjährige Tochter und Kida Ramadan. Als ich ankomme, sitzen die drei gerade gemütlich vor dem Laden, trinken Tee und essen Burger mit Pommes. Die Tochter ist hungrig, sie und ihr Papa waren nämlich gerade schwimmen, erzählt sie mir.

Und so lerne ich erst mal nicht Frederick Lau, einen der erfolgreichsten deutschen Schauspieler kennen, der einen Blockbuster nach dem anderen abdreht, seit zwanzig Jahren vor der Kamera steht und der letzte Gast auf Premierenpartys ist. Sondern Papa. Freddy. Der seiner Tochter schwimmen beibringt und mit ihr seinen Freund Kida besuchen geht. Statt über seine Sonntage, unterhalten wir uns über Produktivität, zwischenmenschliche Beziehungen, Trinkgewohnheiten und das reinigende Gefühl des Schwimmens.

Du kommst gerade vom Schwimmen in der Krummen Lanke, machst du das häufig morgens?

Manchmal morgens, manchmal mittags, das kommt ganz darauf an. Ich fahre eigentlich immer zur Krummen Lanke raus, das sind von mir nur zehn Minuten, und dann spring ich rein, das tut mir gut, da kann man Endorphine sammeln. Ich merke, wenn ich unter Stress gerate, dann gehe ich einmal kurz schwimmen, kurz rein nur, und dann ist alles wieder cool. Das fühlt sich an wie eine Reinigung, als könnte man alles so von einem abwaschen. Als Kind habe ich schon in der Krummen Lanke schwimmen gelernt, jetzt bringe ich das meiner Tochter hier auch bei.

Schwimmen lernen im See, nicht schlecht. Ich war als Kind fast immer im Freibad, neulich wollte ich ins Columbiabad.

Ja, ich bin zwar kein riesiger Chlor-Fan, aber ich erinnere mich noch, dass wir früher, als wir noch Kinder waren, auch manchmal dort waren. Es gab auch ein paar Freibäder in Steglitz, in die man nachts zum Baden einbrechen konnte. Wenn ich jetzt manchmal ins Freibad gehe, treffe ich auch immer noch alte Kumpels, die mit ihren Familien oder Kindern da abhängen, das ist immer ganz lustig. Die Leute gehen immer dahin zurück, wo sie früher schon waren.

Du gehst ja auch mit deinen Kindern zurück an die Krumme Lanke, wo du schwimmen gelernt hast....

Ja, eben, ich will ihnen das ja auch zeigen. Früher war ich auch immer im Grunewald oder auf dem Teufelsberg, generell viel draußen – und jetzt fahr' ich da auch mit meiner Familie hin. Es würde mich freuen, wenn meine Tochter irgendwann zur Krummen Lanke geht und ihren Kindern das Schwimmen beibringt.

© Wiebke Jann

Könntest du dir vorstellen, aus Steglitz und von der Krummen Lanke wegzuziehen?

Ich gehör' da schon irgendwo hin und Steglitz ist ja groß, gehört ja viel dazu noch. Aber ich glaube auf jeden Fall, dass es der Süden bleibt in Berlin. Also ich möchte natürlich die Welt mal sehen, aber irgendwie fühl' ich mich da zu Hause. Ich merke es auch an Freunden, die weggezogen sind und jetzt alle zurückkommen – und viele Leute auch aus der Stadt. Hier in Kreuzberg, wo wir gerade sind, ist ja schon alles auch reizüberflutend. Mir ist das manchmal echt too much. Ich kenne das mein Leben lang und irgendwann ist halt auch gut.

Das Problem früher war ja, dass man mit der U-Bahn oder dem 148er zurück musste und ich hab' immer so lange gebraucht, dass ich ganz lange geblieben bin, weil ich keinen Bock hatte, zurückzufahren. Da dachte ich immer: „Fuck, 30 Minuten nach Hause, wie soll ich das jetzt hinkriegen?“ Und dann war man wahrscheinlich immer der letzte Gast, ist alles dem geschuldet.

© Wiebke Jann

Inzwischen bist du aber nicht mehr so oft der letzte Gast, oder?

Ne, ich bin während Corona ziemlich ruhig geworden. Ich hab' dem Alkohol abgeschworen, ich mach gar nichts mehr. Ich glaube, dass man, wenn man sich immer so betäubt, natürlich auch an Produktivität und Energie verliert, und die hab ich jetzt irgendwie wiedergefunden. Ich glaube, es braucht erst mal ein paar Wochen, dann merkt man das, wenn man nicht mehr trinkt und auch nicht mehr so viel unterwegs ist. Auch durch Corona, weil nicht so viel aufhatte, ist das sich-selbst-Verlieren ein bisschen weggeblieben. So ist man auch gesettelter.

Aber war es nur Corona, weswegen du ruhiger geworden bist?

Ne, es war auch einfach mal Zeit. Corona war eher 'ne Hilfe. Man merkt dann ja auch, dass man noch so viel vor hat und machen und ausprobieren möchte in seinem Leben und dann fehlt einem die Energie. Jetzt habe ich viel mehr Energie und viel mehr Lust, irgendwas zu machen. Ich stehe um sieben Uhr auf, meine Frau arbeitet ja wieder beim Frühstücksfernsehen und ist schon um drei Uhr morgens auf. Das heißt, ich hab' die Kinder und muss die versorgen, was aber auch voll Spaß macht.

Das ist doch aber auch schön, den Morgen mit den Kindern zu haben.

Ja, voll schön. Ist aber halt ganz anders jetzt. Und ich bin den ganzen Tag unterwegs und mache Sachen. Ich hab' ja jetzt ziemlich viele Projekte. Eine eigene Produktionsfirma mit Kida, ich will selber was drehen, selber was schreiben – und man bleibt jetzt nicht mehr so stehen wie sonst. Es passiert nicht mehr, dass man denkt: "Heute mach ich's doch nicht und verschieb' immer nur Sachen." Dadurch, dass man gesammelter ist, ist man auch angstfreier.

Das ist so das Ding, ich bin da immer rumgelaufen, ich weiß nicht, ob da Scham auch mitspielt, ne ich sag mal Schädigung, dass man eine Schädigung mit sich trägt. Man ist ja noch von den Tagen davor geschädigt, und wenn das wegfällt, dann hat man ein ganz anderes Auftreten. Also du bist halt wieder zu 100 Prozent da und nicht mehr zu 65, man kennt das ja. Und dann ist ja auch ein Teil, dass man in der Öffentlichkeit steht, dann kommst du irgendwo hin und denkst: "Mein Gott, warum hab ich das gemacht?", und man macht sich dann deswegen Gedanken. Diese Schädigung, die strahlt man aus.

Wie gehst du damit um, wenn Leute sagen, dass irgendetwas, das du gemacht hast, nicht gut war?

Ja, das ist halt so. Und das ist auch überhaupt nicht schlimm, wenn das jemand sagt. Ich glaube aber, ich kann das selbst ganz gut einschätzen. Ich habe einen ganz guten Blick auf mich und wenn’s scheiße ist, dann ist es halt scheiße. Ich hab jetzt auch nicht nur tolle Filme gedreht. Man täuscht sich ja selbst, man denkt dann: "Okay, dieses Gefühl, das war unglaublich, das hab ich richtig gespürt, dieses Gefühl, das hat sich bestimmt transportiert" und das ist halt manchmal nicht der Fall. Und dann schaust du dir den Film an und denkst dir so, ja, da hast du wohl bisschen zu viel gespürt und zu wenig gemacht.

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Mit deinem neuen Film "Generation Beziehungsunfähig" warst du ja gerade auf Freiluftkinotour, gab es auch eine Premierenfeier?

Also es gab 'ne Premiere, eine kleine. Ich bin aber direkt aufs Hotelzimmer. Ich kann das jetzt noch nicht, ich muss mich da langsam ranlassen. Nicht so wie mit dem Alkohol, direkt volle Pulle, sondern man muss sich langsam wieder in der Normalität bewegen. Da hab ich mit Kida drüber geredet, ich war ja viel auch unterwegs, und Kida trinkt ja keinen Alkohol. Und ich sag so: "Dicker, wie hast du das ausgehalten? Wie hast du das geschafft? Also ich kann das keinem empfehlen, sich nüchtern das zu geben." Und er meinte so:“Dicker, so bist du halt, ich nehm dich halt, wie du bist“.

Das ist ein großer Liebesbeweis.

Ein großer Liebesbeweis, total!

Im Film spielst du Tim, einen Typen, der sich fröhlich durch Köln schläft und keinen Gedanken daran verschwendet, sich ernsthaft zu binden. Weiter entfernt könnte ein Lebensentwurf ja nicht von deinem entfernt sein.

Ja, das stimmt schon, aber es war trotzdem lustig. Ich kannte Michael Nast schon, als er das Buch geschrieben hat. Insofern fand ich es ganz lustig, es ist ja natürlich auch an ihn angelehnt, auch wenn wir einen Film daraus gemacht haben. Aber es war schon lustig, mit Luise Heyer war's Hammer. Ich halte auch sehr viel von Helena Hufnagel, die ist super, eine richtig tolle Regisseurin, es hat einfach nur Spaß gemacht, zu drehen.

Ich glaube aber, dass sich einfach viele Leute in unserem Alter damit identifizieren können. Ich glaube auch, dass jeder Spaß hat an dem Film, man kann lachen, man kann drüber nachdenken und ich glaube, es ist eine gute Unterhaltung. Und man kann auch grübeln darüber, wo man sich da selber befindet oder wie man sich darin selber sieht. Und gerade in Berlin ist ja eh alles ziemlich umtriebig und schnelllebig.

Als Tim mit dem Rennrad und dem hippen Outfit in die Social-Media-Agentur fährt, dachte ich erst, dass das aber alles ganzes schön Klischee und etwas überspitzt ist. Und dann schaue ich mich um, und merke, dass ich diese Typen auch sehe. 

Ja, eh. Ist ja schon auch Klischee hier. Es gibt diese Menschen auf jeden Fall. Und jeder hatte schon irgendwann mal diese Probleme oder kennt Freunde, die genau in dieser Misere irgendwo stecken. Und ich kenne auch viele, insofern ist das alles gar nicht so weit weg von der Realität.

Kannst du irgendwas mit diesem Drang des Ungebundenseins anfangen?

Ne, aber ganz ehrlich, ich glaube, dass das so ein Ding ist, dass Leute das manchmal auch verlernen. Ich kenn Freunde, die genau andersrum lange in einer Beziehung waren und jetzt wieder sagen: "Ich hab' ein Date, ich weiß gar nicht, was ich machen soll." Und auch andersrum gibt es sicher viele, die sagen: "Ich war jetzt die ganze Zeit nur am Daten und jetzt möchte ich in einer Beziehung leben, aber ich weiß gar nicht, wie ich das angehen soll." Ich glaube, dass das erst mal wieder erlernt werden muss, denn wenn man das ein paar Jahre macht, dann hat man das so drin und dann hat man Angst vor.

© Wiebke Jann

Als wir uns verabschieden, rekapituliere ich unsere Gespräch und stelle fest: Den erfolgreichen Schauspieler Frederick Lau habe ich immer noch nicht kennengelernt. Zumindest nicht so, wie man ihn sich vielleicht vorstellt. Stattdessen habe ich einen ziemlich selbstreflektierten 31-Jährigen getroffen, der aus 20 Jahren Filmwelt ziemlich kluge Schlüsse zieht und von dem wir uns sowohl vor als auch hinter der Kamera noch über viel freuen dürfen. Über seine Sonntage habe ich auch nichts erfahren, mir wurde aber zugeflüstert, dass er die ohnehin mit seiner Frau und seinen Kindern verbringt – und das wiederum klingt auch ohne große Worte wunderschön.

Seit Donnerstag könnt ihr euch den neuen Film "Generation Beziehungsunfähig" von Helene Hufnagel, in dem Frederick Lau und Luise Heyer die Hauptrollen spielen, im Kino ansehen.