Welttag des Buches: Welche Bücher wir gerade lesen

Der Welttag des Buches – ein Anlass, euch mal wieder zu verraten, was die Redaktionen in Berlin, München, Köln und Hamburg gerade lesen. Denn für viele von uns, ist so ziemlich jeden Tag Welttag des Buches. Der Lesestoff stapelt sich auf den Nachttischen und wir verbringen unsere Sonntage gerne mit einem dicken Schmöker vor der Nase. Falls euch gerade Inspiration fehlt, welches euer nächstes Lieblingsbuch werden könnte, dann haben wir eine breite Auswahl an Favoriten für euch. Dabei sind witzige Bücher, Klassiker der Weltliteratur, schlaue Sachbücher, eine Graphic Novel und poetische Erzählungen. Alle mit einer dicken Empfehlung von uns!

1. Nila liest "Ich denk, ich denk zu viel" von Nina Kunz

Es gibt Bücher, bei denen man sich wünscht, dass sie nicht enden. Eins davon ist „Ich denk, ich denk zu viel“ – das erste Buch der Schweizer Kolumnistin, Journalistin und Autorin Nina Kunz. Ihre Texte erschienen bereits in der Neuen Zürcher Zeitung, der ZEIT und dem ZEITmagazin. 2018 und 2020 wurde sie sogar zur „Kolumnistin des Jahres“ gewählt. In ihrem Buch tauchen wir in ihre Gedankenwelt ein, die sie unheimlich witzig und intelligent wiedergibt. Sie schreibt über den ganz normalen Irrsinn der Gegenwart wie Workism, Weltschmerz und das „Wursteln“ . Und das Beste: Ganz egal worüber sie schreibt, alles regt einen selbst zum Nachdenken an – eine absolute Win-Win-Situation! Also, liebe Nina, du denkst keineswegs zu viel!

2. Marit liest „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić

Ich lese fast immer mehrere Bücher parallel, und da die Uni gerade wieder angefangen hat, kommen nochmal ein paar mehr dazu. „Vor dem Fest“ ist tatsächlich für die Uni auf meinen Lesestapel gewandert, und schon seit ein paar Jahren gehört der Roman auch zur Schullektüre – klingt vielleicht erstmal nicht so nach Fun, sollte euch aber nicht davon abhalten, dieses Buch zu lesen! In „Vor dem Fest“ befinden wir uns in Fürstenfelde, einem fiktiven Dorf in der Uckermark. Ein Dorf, das zum Glück nur eineinhalb Neonazis hat (einen Neonazi plus seine Freundin, die das Ganze nur ihm zuliebe mitmacht) und in dem es keine Kneipen mehr gibt, weshalb das Sterni jetzt in der Garage von Ulli getrunken wird. Man könnte sagen: Fürstenfelde ist die Essenz der brandenburgischen Provinz, die Klischees sind natürlich alle da. Das Besondere an „Vor dem Fest“ ist aber vor allem Saša Stanišićs faszinierender Erzählstil, der uns durch eine unbestimmte, allumfassende „Wir“-Perspektive in das Dorf eintauchen lässt. Mit jeder Seite wird klarer, wer dieses „Wir“ eigentlich ist: Nämlich das Dorf selbst. Das „Wir“ ist wie ein stiller Beobachter, der die Bewohner*innen, die jahrhundertealten Gebäude, die Äcker und Felder und selbst die Füchse, die hier umherstreifen, tief durchdringt und versteht. Was dabei über das Dorf und seine Bewohner*innen zum Vorschein kommt, ist manchmal tragisch, es geht um Familiengeschichten und Schicksale, natürlich um die Wende und DDR-Vergangenheit – aber jeder Dialog fühlt sich an, als könnte er in diesem Moment in irgendeinem Dorf in der Uckermark genau so passieren, und das ist oft auch wahnsinnig komisch. Eine von Stanišićs Dorfbewohnerinnen ist besonders weise, von ihr stammt auch mein bisheriges Lieblingszitat aus dem Buch: „Ein Getränk zu trinken an einem Ort, der dazu geeignet ist, das zählt im Leben mehr, als woher man kommt.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, oder?

3. Tom liest "Dead Poets Society" von N.H. Kleinbaum

Oh Captain! My Captain! Der Club der toten Dichter gehört sicherlich zu der Sorte Film, die man mal gesehen haben sollte. Völlig zu Recht: Der Clash zwischen einem stockkonservativen Schulsystem und einem Lehrer, der individuelle Entwicklung fördert, war nicht umsonst für mehrere OscarsBAFTAS und wie sie nicht noch alle heißen nominiert: Die Story ist einfach perfekt, die Charaktere sind gut durchdacht, die letzten Minuten gehören zu den besten, die Hollywood jemals hervorgebracht hat. Überraschenderweise ist das Buch dagegen relativ dünn und kann an 1-2 Nachmittagen locker durchgelesen werden. Und es ist nicht die Vorlage des Streifens, sondern der Roman zum Film.
Macht aber nix: Natürlich lohnt es sich, auch das Buch zu lesen. In meinem Fall war es sogar umsonst: Es lag ganz oben in der Bücherbox direkt bei mir um die Ecke.

4. Lisa liest "Pawlowa" von Brian Sewell

"Pawlowa – oder wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt" erzählt offensichtlich von einem Abenteuer mit einer Eselin. Der britische Journalist Mr. B (man erfährt tatsächlich nie seinen vollen Namen) lernt die Eselin in den stickigen und lauten Straßen von Pakistan kennen und irgendwie macht es zwischen den beiden Klick. Mr. B beschließt die Eselin auf dem Landweg mit nach England zu nehmen und naja, selbst wer keine besonders guten geografischen Kenntnisse hat, weiß: Pakistan und England? Das wird eine laaaange Reise. Die verschiedensten Länder des Nahen Ostens und dann Europas müssen die beiden durchqueren und dabei entsteht eine sehr tiefe Verbundenheit, denn man ist nunmal aufeinander angewiesen. Manchmal gefährlich, meistens anstrengenden, mit wunderschönen Landschaften und schmutzigen Gasthöfen – die Freundschaft der beiden wird dadurch jeden Tag enger. Das Buch macht nicht nur Fernweh nach kleinen, verborgenen Orten auf dieser Welt, sondern lässt einen irgendwie auch erkennen, was wirklich wichtig im Leben ist. Mr. B und die Eselin Pawlowa haben während der wochenlange Reise nichts außer sich selbst und besinnen sich daher auch auf das: Zusammenhalt. Ein absolut schönes, erzählerisches Buch, dass sich sicherlich auch zum Vorlesen für Kinder eignet, da sich ab und zu auf den Seiten auch kleine Illustrationen verstecken.

5. Marina liest "Viva La Vagina" von Ellen Støkken Dahl und Nina Brochmann

Jetzt mal alle die Hosen runter lassen (also bildlich gesprochen): Kannst du den weiblichen Zyklus erklären? Ich komme spätestens bei den zeitlichen Abständen irgendwie ins Straucheln. Deswegen lese ich „Viva la Vagina“ jetzt schon zum zweiten Mal, um nachzuholen und aufzufrischen, was der Bio-Unterricht, die Eltern oder Dr. Sommer versemmelt haben. Die zwei jungen Ärztinnen Ellen Støkken Dahl und Nina Brochmann erklären darin nicht nur den Zyklus, sondern liefern super viel Hintergrundwissen über den weiblichen Körper, Sex und Gesundheit. Das Sachbuch räumt gefährliches Halbwissen über das weibliche Geschlechtsorgan aus dem Weg. Unverkrampft, hübsch illustriert und leicht verständlich, beantwortet das Buch viele spannende Fragen. Was ist die Vulva und was die Vagina? Was hat die Vagina mit dem Penis gemeinsam? Ist hormonelle Verhütung gefährlich? Was hat es mit Chlamydien auf sich? Es liest sich nicht ganz so eloquent und gewitzt wie Darm mit Charme (riesen Empfehlung), aber liefert so viele überraschende und klärende Facts über das Wunderwerk Vagina, dass sich die Aha-Momente nah aneinanderreihen. Genial genital und lesenswert für Frauen und Männer gleichermaßen.

6. Schelli liest "Vatermilch" von Uli Oesterle

Dass Comics nicht mehr nur Unterhaltung für Kinder und Jugendliche sind, das ist spätestens seit den Marvel-Verfilmungen klar. Wie sehr sich ein Marvelband allerdings von einer Graphic Novel unterscheidet, das wissen immer noch die wenigsten. Umso besser, dass es bei Vatermilch komplett egal ist. Die Geschichte ist so abgrundtief, ich hätte sie mit Strichmännchen auf Post-Its bebildern können, und sie wäre trotzdem spannend geblieben. Was natürlich nicht heißen soll, dass Uli Oesterle, einer der feinsten Comic-Zeichner (“Hector Umbra”) unseres Landes, nicht auch visuell abliefert. Semiautobiografisch beschreibt er sowohl sein Leben, als auch das seines verstorbenen Vaters, der im München der 70er vom Lebemann und Frauenheld zum Verstoßenen und Obdachlosen wird. Freie Liebe, Kokain und Freddie Mercury, der das Taxi zahlen will. Ich kann Buch 2 kaum erwarten!

7. Franzi liest "Such a Fun Age" von Kiley Reid

Meine Regel für 2021: Immer ein sinnvolles Buch und ein spaßiges im Wechsel. "Such a Fun Age" von Kiley Reid fällt in die erste Kategorie. Denn es geht in dem Debütroman der Schwarzen Schriftstellerin aus den USA um die Themen Rassismus, Klassenunterschiede und White Privilege: Emira ist 25, gerade mit dem Studium fertig und verdient sich als Babysitterin einer reichen weißen Familie etwas dazu. Eines Abends wird sie im Supermarkt beschuldigt, ihr Babysitter-Kind entführt zu haben: Weil sie Schwarz ist und das Kind weiß. Die Geschichte der Schwarzen Nanny wurde schon oft in Büchern behandelt, sehr bekannt in "The Help". Kiley Reid gibt dem Ganzen einen modernen Anstrich. Denn die weißen Protagonist*innen fallen ganz klar in die Kategorie "White Savior". Sie wissen angeblich stets, was das Beste für Emira ist – ohne je mit ihr auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ein unangenehmes, wie wichtiges Buch, das mit dem luftig-leichten Schreibstil trotzdem irgendwie Spaß macht. Es hat mir mal wieder gezeigt, dass wir alle besser zuhören und weiter lernen müssen.

8. Insa liest "Die Zukunft nach Corona" von Matthias Horx

Letztes Jahr haben wir einen Artikel über 11 Dinge geschrieben, die uns gerade Hoffnung geben. Mein Beitrag damals war der Verweis auf einen spannenden Beitrag des Zukunftsforschers Matthias Horx, in dem es um die Zukunft nach Corona ging. Ich habe mir danach das gleichnamige Buch von ihm gekauft. Vor ein paar Tagen habe ich wieder angefangen, darin zu blättern. Denn guess what: Die Krise ist noch nicht vorbei und deshalb hat das Buch auch nichts an Relevanz und Aktualität verloren. Horx stellt darin mehrere Thesen auf, wie eine Krise uns als Gesellschaft verändert und übt mit den Leser*innen, wie man es trotz Pandemiemüdigkeit schaffen kann, einer positiven Zukunft im Post-Corona-Zeitalter entgegenzublicken. Nicht mittels irgendwelcher Prognosen, die von zig äußeren Faktoren abhängig sind, sondern ganz allein aus uns selbst heraus. Das Werkzeug dafür nennt er Re-Gnose. Was das heißt? Im Prinzip geht es um eine Selbstveränderung, die jede*r von uns durch eine rückblickende Vorschau erlangen kann. Klingt euch zu abstrakt? Was mich an diesem Buch so begeistert, ist, dass Horx es schafft mit ganzen einfachen Worten, Theorien und Gedankengängen eine ziemlich komplexe Welt zu beschreiben, in deren Systemen wir leben und die wir für uns nutzen können . Und es geht um die große Frage: Wie entsteht Zukunft? Ich glaube, das wird meine neue Bibel. 

9. Lilli liest “Nach der Sonne” von Jonas Eika

Dass der dänische Autor für sein Debüt den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen bekommen hat, wundert einen nicht, sobald man sich in die ersten Seiten von “Nach der Sonne” stürzt. Fünf sinnliche, geheimnisvolle Erzählungen über dunkles Begehren und kapitalistische Ausbeutung. Über Liebe, Hoffnung und Solidarität. Sicherlich kein Buch, das man mal so eben nebenbei liest –vor allem weil die einzelnen Kapitel durch keinen einzigen Absatz strukturiert sind. Also alle Synapsen anschalten und rein in diesen literarischen Fiebertraum!

10. Charlott liest "Kurze Antworten auf großen Fragen" von Stephen Hawking

Wenn einem das irdische alltägliche Leben mal zu viel wird, hilft es, den Blick schweifen zu lassen – also wirklich weit und zwar ins Weltall. Ich lese unglaublich gern (populär)wissenschaftliche Bücher über die Entstehung unserer Galaxie, schwarze Löcher, mögliche Zeitreisen und die Zukunft der Erde. Oftmals verstehe ich gerade in den eher mathematischen und physikalischen Kapiteln nur die Hälfte, aber die Bücher vermitteln mir wieder, wie besonders das Leben auf unserem Planeten ist. Zuletzt hat das „Kurze Antworten auf große Fragen“ geschafft, das letzte Buch des berühmten Astrophysikers Stephen Hawking, das erst nach seinem Tod 2018 veröffentlicht wurde. Durch seine Krankheit an einen Rollenstuhl gebunden und unfähig sich durch Sprache zu artikulieren, ist Hawkings in intellektuelle Sphären vorgestoßen, die den meisten von uns verborgen bleiben. Ein Glück war Hawkings Zeit seines Lebens nicht nur dazu fähig, sich über einen Computer mitzuteilen, sondern seine Erkenntnisse über die Beschaffenheit des Universums auch für interessierte Laien wie mich verständlich mitzuteilen.

11. Milena liest "Der Junge, der vom Frieden träumte" von Michelle Cohen Corasanti

Ein neuer Monat, ein neues Buch, ein neues Land – weil Reisen immer noch ziemlich out ist, lese ich mich eben durch die Welt. Gerade liegt „Der Junge, der vom Frieden träumte“ von Michelle Cohen Corasanti neben meinem Bett. Die Autorin schreibt über den Nahostkonflikt und erzählt die Geschichte von Ahmed und seiner Familie, denen einst eine üppige Orangenplantage in einem nun vom israelischen Militär unterdrückten palästinensischen Dorf gehörte. Als sein Vater zu Unrecht verhaftet wird, muss Ahmed alleine für die Familie sorgen, deren Alltag immer wieder von harten Rückschlägen zermürbt wird. Dank seines unglaublichen Mathematikwissens und mit der Hilfe seines Lehrers und der moralischen Unterstützung seines Vaters schafft er es als einziger Palästinenser an die Uni in Tel Aviv. Die Kraft, der Mut und die positive Einstellung, mit der er und seine Geschwister immer wieder Neuanfänge wagen, bewegt mich sehr. Ein wunderschönes Zitat möchte ich euch aus diesem Buch mitgeben: „Die Menschen hassen aus Angst und Unwissenheit. Wenn sie diejenigen, die sie hassen, kennenlernen…, dann überwinden sie ihren Hass“.