Keine Pandemie ist auch keine Lösung

© Hella Wittenberg

Es ist nicht zum Aushalten. Immer bin ich unzufrieden. Dabei gibt es gar keinen richtigen Grund dafür. Und anderen geht es viel schlechter. Eine liebe Freundin von mir wurde zum Beispiel gerade eine Woche lang von irren Nazi-Islamisten mit Raketen beschossen. Nacht für Nacht hat sie komplett angezogen im Bett gelegen, stets bereit, in den Schutzraum zu eilen. Und die ist über achtzig. Was beschwere ich mich also? In Berlin ist doch außer ein bisschen Pandemie alles bestens.

Schlechtes Wetter vs. Schlechtes Gewissen

Na, gut. Das miese Wetter ist schon ziemlich nervig. So gut wie jeden Tag Regen. Und über den scheinen sich nicht mal diejenigen zu freuen, die in den letzten beiden Jahren rumgenölt haben. Von wegen Dürre, Bedrohung unserer Wälder, Absenken des Grundwasserspiegels. An jedem schönen Tag, den ich in der Sonne saß, hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen der Trockenheit. Jetzt regnet es ununterbrochen. Ich finde, da könnte sich wenigstens aus dem ökologischen Lager mal eine Stimme melden, die sagt: „Ja, unerfreulich, aber auch eine GROOOSSE Entlastung für unsere heimischen Wälder, puuh!“

Und während ich noch versuche, mit diesen Widrigkeiten klar zu kommen, gibt es plötzlich Lockerungen. Das soll mal jemand verkraften! Ich meine, klar habe ich das Ende des Lockdowns herbeigesehnt, seit Monaten schon. Ich wollte wieder in Kneipen und Restaurants gehen können, ins Kino und ins Museum, meine Reisefreiheit genießen. Aber nun merke ich: Damit kann ich überhaupt nicht mehr umgehen.

Der Sprung ins kalte Wasser

Neulich war ich mit einem guten Bekannten am Landwehrkanal verabredet. An dem Tag war auch Maybachufer-Wochenmarkt. So viele Menschen habe ich seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen. Und alle hatten es darauf abgesehen, sich in meinen 1,5-Meter-Schutzradius zu drängeln. Wie die Gestörten! Als ich mich endlich auf ein winziges Fleckchen am Wasser zurückziehen konnte, stand mir der kalte Schweiß bis in den Schlüpfer.

Ich meine, ich war der Menschheit gegenüber ja schon immer misstrauisch, besonders wenn sie geballt auftritt. Aber nach gefühlten hundert Jahren Einsamkeit sind mir sämtliche Abwehrkräfte verloren gegangen. Inzwischen reicht es, wenn ich in eine U-Bahn steige und mehr als die Hälfte der Plätze belegt sind – schon kriege ich Schnappatmung unter meinem Gesichtspariser.

Inzwischen reicht es, wenn ich in eine U-Bahn steige und mehr als die Hälfte der Plätze belegt sind – schon kriege ich Schnappatmung unter meinem Gesichtspariser.

Und dass nun mit den Freiheiten auch alle Pflichten wiederzukommen drohen, gibt mir wirklich den Rest. Allein schon die bevorstehenden Wahlen! Wie kann ich in Ruhe darüber nachdenken, ob ich mein Kreuz bei der schwarzen oder der grünen CDU machen soll, wenn ich gleichzeitig von allen Seiten bestürmt werde?

Und dann die Klimakrise! Es war so schön zu sehen, dass sie in den letzten eineinhalb Jahren bewältigt zu sein schien. Wie wir in der Pandemie mit Einweggeschirr um uns geschmissen haben. Die reinste Lust! Und die tausend, diese abertausend Tonnen von Sondermüll, die wir mit den Test-Kits erzeugt haben: alles kein Problem für die Umwelt.

Schluss mit den Ausreden

Wirklich schade, dass diese Zeit bald vorbei ist. Bestimmt muss ich mich in zwei Monaten wieder anschreien lassen, wenn ich den Kaffee im To-Go-Becher bestelle. How dare you! Und vor allem ist dann Schluss mit den schönen Ausreden. Wenn meine unternehmungslustigen Freundinnen und Freunde mich zu einem Clubbesuch überreden wollen, oder einem Abend in der Kneipe. Dann kann ich mich nicht aufs Kontaktverbot berufen, kann nicht sagen, dass der Club noch geschlossen ist. Wenn ich dann kneife, werden alle wieder wissen, dass ich einfach nur faul und langweilig bin.

© Mit Vergnügen | Foto: Hella Wittenberg
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