Wer die Corona-Regeln befolgt, sollte wenigstens Drogen nehmen dürfen

© Hella Wittenberg

Autor Clint nutzt die Monate im Lockdown eifrig dafür, ein besserer Mensch zu werden. Und natürlich behält er seine Geheimnisse nicht für sich, sondern teilt sie mit euch: Die besten Lifehacks zur Selbstoptimierung in Zeiten des Lockdown.

Meine Tochter und ich sind mal wieder erwischt worden. Das ist uns schon ein paarmal passiert, aber diesmal gab es sogar eine Verwarnung. Seit Monaten haben wir bei der Freizeitgestaltung nur die Wahl gehabt zwischen Rumhocken in der Wohnung und Rumhocken auf nasskalten Spielplätzen. Deshalb ließ ich mir ein neues Hobby einfallen, eine Corona-Maßnahme, wenn man so will, und zwar: E-Scooter fahren.

Mein Kind stellt sich mit Fahrradhelm ganz eng an die Lenkstange, dann passt mein rechter Fuß gerade noch auf das Trittbrett. Den Linken lasse ich frei in der Luft hängen. Und so fahren wir dann, von A nach B, oder einfach im Kreis um den Humboldthain, je nach Straßenbelag und Verkehr auf dem Gehsteig oder der Fahrbahn. Sie liebt es, ihr Jauchzen hört immer erst auf, wenn wir anhalten.

Kriminell geht auch mit Kind

Nun ist das natürlich verboten. Das Fahren auf dem Gehsteig und erst recht das Fahren zu zweit. Ich habe dem Kind deshalb eingeschärft, dass sie mit mir nach Polizeiwagen Ausschau halten soll, damit wir rechtzeitig absteigen können. Dabei kommt es zu prekären Situationen. Erst neulich auf der Kastanienallee ruft meine Tochter gut hörbar für alle Passant*innen:

„Achtung, Papa, die Bullen!“

„Du sollst nicht Bullen sagen.“

„Aber du sagst doch auch Bullen.“

„Ja, aber nur, wenn's die Bullen nicht hören können!“

Selbstverständlich wurden wir trotzdem schon oft überrascht. Bisher haben die Streifen uns aber entweder ignoriert, oder mir nur einen Blick zugeworfen nach dem Motto: Merkste selbst, oder? Was ich für angebracht halte. Wir steigen dann ab und schieben den Roller. Und steigen erst wieder auf, wenn der Streifenwagen außer Sichtweite ist.

Ein Hoch auf die kulanten Berliner Cops

Bisher ging also alles gut. Bis wir am Wochenende auf eine besonders motivierte Streife gestoßen sind. Ich sah schon aus der Entfernung, wie die Polizistin auf dem Beifahrersitz ihrem Kollegen das Zeichen zum Anhalten gab – wir waren längst abgestiegen und liefen nonchalant nebeneinander her, als würden wir mit dem Roller nur Gassi gehen.

„Können Sie Ihr Kind bitte anders transportieren?“

„Ja, klar, sorry.“

„Und Sie wissen schon, dass das Fahren auf dem Fußweg verboten ist?“

„Kommt nicht wieder vor.“

Soweit, so gut, dachte ich. Doch dann konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen, dass es schön wäre, wenn ich vor meinem Kind mehr Verantwortung übernehmen würde. Woraufhin ich mir nicht verkneifen konnte, ihr für diesen herzlichen Ratschlag zu danken:

„Vielleicht können Sie mir auch noch erklären, wie ich den Tag mit meinem Kind, 24/7, ohne Schulbetreuung, trotz Berufstätigkeit und trotz geschlossener Freizeitangebote besser nutzen könnte?“

Da sind sie dann ausgestiegen und wollten erstmal den Ausweis sehen. Und ich kam wieder mal in die Bedrängnis, meiner Tochter die Autorität unserer Polizei zu erklären. Die ich natürlich nicht grundsätzlich infrage stelle. Aber eben doch am besten finde, wenn sie verhältnismäßig eingesetzt wird.

All work and no play makes Jack a dull boy

Denn es ist doch so: Wir haben alle gelernt, in Psychologie für Dummies, dass man erstmal was Positives sagen soll, bevor man jemanden kritisiert. Damit der- oder diejenige sich motiviert fühlt, die Kritik auch anzunehmen. Und genau deshalb erwarte ich als Gegenleistung dafür, dass ich mich so brav an alle Corona-Regeln halte, ein paar Zugeständnisse vom Gesetz und seinen ausführenden Organen.

Vor allem, wenn es um solche Kavaliersdelikte wie wildes E-Scooter-Fahren geht. Oder betrunkenes E-Scooter-Fahren. Oder kleine Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Und natürlich sollte die BVG bei Schwarzfahrer*innen jetzt auch mal ein Auge zudrücken. Ich habe noch nie so viele Kontrollen gesehen wie in diesen Tagen. Und fast jedes mal erwischen die jemanden. Muss das sein? Braucht man sowas in einer Pandemie?

Wir sind alle dermaßen diszipliniert. Ich finde, da sollten wir als Belohnung auch ein bisschen im Dreck spielen dürfen. Und wo wir schon mal dabei sind, könnten auch all die genussfeindlichen Sticheleien der letzten Jahre zurückgenommen werden. Gerade in dieser Zeit müssen Spätis am Sonntag geöffnet haben. Vielleicht könnte auch das endlose Buddeln nach Drogen im Görli eingestellt werden. Hilft doch niemandem. Und zum Schluss bin ich dafür, dass das Rauchen in U- und S-Bahnen wieder erlaubt wird. Denn der Qualm desinfiziert und überdeckt unangenehme Gerüche.

Wir sind alle dermaßen diszipliniert. Ich finde, da sollten wir als Belohnung auch ein bisschen im Dreck spielen dürfen.
Sags deinen Freunden: