Warum Impfscham und Impfneid überhaupt nicht angebracht sind!

© Marit Blossey

Seit vergangener Woche ist mein Körper um eine, gerade sehr gefragte, Impfung reicher. Gleichzeitig wurde auch mein Wortschatz um einen, mir bis dato unbekannten, Begriff erweitert. Über die Schutzimpfung brauchen wir nicht wirklich sprechen, laut den tagesaktuellen Zahlen des Robert Koch Instituts haben bereits knapp 30% aller Bürger*innen die Erstimpfung erhalten, weitere 8% sind sogar schon zweifach geimpft, bei denen der Immunisierungsprozess also abgeschlossen ist. Hoffentlich sind wir bald alle durch damit. Kommen wir also lieber direkt zu besagtem Begriff, dem "Impfscham".

Ebendiese Wortkreation habe ich letzte Woche von Freund*innen öfter gehört, als ich ihnen am Telefon (natürlich ein bisschen stolz) von meinem kleinen Stelldichein mit meinem Hausarzt erzählt habe. Nach der Frage, welcher Impfstoff mir in Zukunft das Leben erleichtern wird, kam ungelogen insgesamt dreimal die Antwort: "Ah ok – ich bin vor X Wochen mit XY geimpft worden!" Meine Antwort war jedes Mal dieselbe: "Du bist längst geimpft? Warum hast du davon nichts erzählt?" Jetzt aber ehrlich: Warum weiß ich davon nichts – und das bei einigen meiner allerbesten Freund*innen? Als ob ich ihnen es nicht gönnen würde!

© geralt | pixabay

Die Antworten fielen eigentlich immer ähnlich aus: Keine*r der Beteiligten wollte mit dieser Info hausieren gehen, während anderswo Menschen, denen es möglicherweise schlechter geht als einem selbst, verzweifelt auf einen Termin warten. Und nicht ein*e einzige*r meiner Freund*innen wollte damit Neid hervorrufen. Neid? Neid wegen einer lebensnotwendigen Impfung, die im Idealfall bald alle in Deutschland bekommen? So habe ich das noch nicht gesehen.

Ein kurzer Blick in die Tiefen des World Wide Webs verraten: Der Begriff "Impfscham" ist tatsächlich brandaktuell. Erst letzte Woche hat sich zum Beispiel die geschätzte Kollegin Margarete Stokowski in einem Essay der Thematik gewidmet. Hier gab, zumindest lässt der Inhalt des Artikels darauf schließen, die Rückmeldung anderer Leute, die noch nicht an der Reihe sind, sich aber über die Priorisierung anderer aufregen, den Ausschlag, sich dem Thema zu widmen. Auf einmal wird aus einer eigentlich erleichternden Angelegenheit also etwas, für das man sich rechtfertigen soll? Die einen haben "Impfneid", was bei anderen "Impfscham" auslöst. Eine verzwickte Situation.

Eine Unnötige noch dazu, bedenkt man, wie schnell das inzwischen durchgezogen wird: Letzte Woche wurden zum ersten Mal an einem Tag mehr als eine Million Menschen in Deutschland geimpft. Neuen Prognosen zufolge werden bis Ende des Monats über die Hälfte aller Bürger*innen ihre erste Impfung erhalten haben. Alleine bei diesen Zahlen sollten sich Impfneid wie auch Impfscham erledigt haben, oder?

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Ich habe nachgefragt: Dieser Rechtfertigungsdruck war es eben auch, der meine Freund*innen davon abgehalten hat, von ihrer Impfung zu erzählen. Dass die eine Freundin alleine ihren über 90-jährigen Vater versorgt, der andere Freund wiederum wegen Vorerkrankungen als Teil der Risikogruppe längst überfällig war; dass wir alle irgendwann dran sind und uns so ermöglicht wird, aus dem seit Monaten herrschenden tagtäglichen Allerlei auszubrechen; dass... ach, egal: Rationale Argumente, wenn auch naheliegend, sind bei diesem Thema offensichtlich nicht immer gefragt.

Wir wollen eben immer das haben, was uns einen Vorteil bringt und was andere bereits besitzen. Normalerweise sind es materielle Dinge, jetzt ist es eben eine schnöde Impfung. Sehen wir mal lieber die positiven Aspekte: Im Laufe des Jahres werden sich beide Begriffe von selbst erledigt haben, die Gesellschaft in Deutschland wird flächendeckend geimpft sein, Infektionszahlen wie auch die Bettenbelegung der Intensivstationen werden sinken. Nach knapp anderthalb Jahren besteht die Möglichkeit ein Stück der Normalität, auf die wir so lange gewartet haben, zurückzubekommen. Bedeutet: Wir stehen vor einem kleinen Neuanfang. Einem Neuanfang, auf den wir uns kaum mehr freuen könnten. Es wird wunderbar!

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