Zwischen Solidarität & Unwohlsein: So fühlen wir uns aktuell mit den Corona-Lockerungen

© Ryoji Iwata | Unsplash

Wir starten Montagmorgen immer mit einem (virtuellen) Check-in in die neue Woche. Diesen Montag waren die Corona-Lockerungen ein großes Thema. Seit dem 09. Mai dürfen sich in Berlin zwei komplette Haushalte treffen und die 800qm-Regel bei Geschäften wurde aufgehoben. Ab 15. Mai dürfen auch wieder Cafés, Restaurants und Gaststätten unter Auflagen in der Stadt öffnen. Die Lockerungen bringen wieder ein Stück Normalität in unser Leben, verleiten aber auch dazu, sich nicht mehr so streng an die Regeln und das Kontaktverbot zu halten.

Wir haben innerhalb des Teams über unsere Gefühle gesprochen und über ein Richtig und Falsch diskutiert. Was ist ok und wann ist es uns zu viel? Ist es ok, die Mama zu besuchen oder telefoniert man doch lieber mit ihr? Wie fühlen wir uns, wenn wir im Park große Gruppen von Menschen sehen, die sich nicht an die Regeln halten? Wir haben 11 Meinungen aus den Mit Vergnügen Teams und Redaktionen gesammelt, denn die eine Meinung gibt es aktuell nicht. Ich selbst bin manchmal hin und hergerissen. Was heute zu viel ist, scheint morgen eigentlich ok. Keiner weiß so recht mit der (Ausnahme)-Situation umzugehen. Vielleicht hilft euch dieser Beitrag ja etwas und zeigt euch, dass ihr mit eurer Unsicherheit nicht alleine seid.

Camila aus Berlin

Ich halte mich zu 90 Prozent an die geltenden Kontaktregeln, aber habe hier und da schon mal eine “Grauzonen-Ausnahme” gemacht. Mich frustriert es total, wenn ich Freund*innen absage, weil Treffen in größeren Gruppen vorgeschlagen werden. Es macht einfach keinen Spaß die Spaßbremse zu sein und sich ständig für seine Entscheidungen rechtfertigen zu müssen. Dass andere damit teilweise sehr locker umgehen und mein Freund recht strikt ist, verunsichert mich. Ich halte mich dann aber doch lieber an die Regeln, die wir vereinbart haben. Er ist meine engste Kontaktperson und ich möchte ihn nicht infizieren. Eigentlich möchte ich bei dem Thema aber auch super tolerant sein. Ich finde, jede*r sollte selbst entscheiden dürfen, wie er*sie mit dem Kontaktverbot umgeht – ähnlich wie beim Straße überqueren, wenn die Ampel rot ist. Und dann erwische ich mich doch dabei, dass es mich stört, wenn ich große Gruppen auf der Straße sehe…

Christin aus Köln

„Zu Hause ist’s am schönsten“ – das mag nach wochenlangem Lockdown nicht mehr so richtig gelten. Aber am sichersten, das ist es dort auf jeden Fall. Zumindest, wenn man beim Fensterputzen nicht von der Leiter segelt oder beim Bananenbrotbacken die Bude abfackelt. Das Coronavirus jedenfalls lässt sich in den eigenen vier Wänden ganz gut aussperren. Genau darum war das eigene Zuhause für viele wochenlang eine Art staatlich verordneter Safe Room. Diesen nun plötzlich wieder ganz unbeschwert zu verlassen, fühlt sich seltsam an. Auch für mich. Logisch. Der Mensch ist schließlich ein Gewohnheitstier. Und mal eben von "wirklich nur in dringenden Fällen raus" auf "na klar könnt ihr mit Freunden essen gehen – #supportyourlocals" umzuschalten, ist – irritierend. Ein bisschen ist es, als würde man einem stubenreinen Hund sagen, dass er jetzt doch wieder auf den teuren Flokati-Teppich kacken darf. Wobei der sich wahrscheinlich spätestens im Winter freut, wenn er nicht bei Minusgraden raus muss, um sein Geschäft zu verrichten. Und genauso freue ich mich natürlich über die zurückgewonnenen Möglichkeiten. Dass ich die aber wirklich wieder nutze, bleibt wohl: eine Sache des Trainings.

Laura aus Berlin

Ich bin da tatsächlich sehr strikt und halte mich (vielleicht auch etwas zu sehr) an die vorgegebenen Maßnahmen. Ein paar meiner Freund*innen machen das nicht und deshalb gab es auch schon Streit, weil sie sich dann in Gruppen aus mehreren Haushalten getroffen habe und ich das nicht verstehen kann und egoistisch finde. Letztlich muss das jede*r für sich selbst entscheiden, aber mein Gewissen ist rein.

Das Coronavirus jedenfalls lässt sich in den eigenen vier Wänden ganz gut aussperren. Genau darum war das eigene Zuhause für viele wochenlang eine Art staatlich verordneter Safe Room.
Christin Otto (Mit Vergnügen Köln)

Daliah aus Berlin

Ich war am Wochenende am Schlachtensee spazieren. Auf der überfüllten Liegewiese war keine Spur von Sicherheitsabstand und auch an den Badestellen um den See herum war es richtig voll. Vor allem Teenager und junge Erwachsene hockten hier in Gruppen von mehr als zehn aufeinander, tranken Bier aus der selben Flasche und fielen sich um den Hals. Ihr rücksichtsloses und fahrlässiges Verhalten hat mich sehr geärgert. 100 Prozent an die Regeln gehalten habe ich mich in den letzten Wochen aber auch nicht, das gebe ich zu. Ich habe meine Schwester während der letzten zwei Monate regelmäßig gesehen. Sie hat ihr Home Office zu mir verlegt, damit sie nicht wochenlang alleine ist. Ich habe mich mit Freund*innen zum Spazierengehen getroffen – natürlich mit ausreichend Sicherheitsabstand. Einmal waren wir durch Zufall zu fünft, dabei habe ich mich unwohl gefühlt und noch mehr Abstand gehalten. Ich treffe mich auch zu Hause mit Freund*innen. Dabei sind wir maximal zu viert bzw. zwei Haushalte. Umarmungen oder anderen Körperkontakt gibt es nicht. Es sind auch immer die gleichen Menschen, die ich sehe und treffe. Falls also etwas passiert, kann ich viel leichter eingrenzen, wen man oder von wem man sich angesteckt hat.

Franzi aus Hamburg

Ich treffe mich nur draußen mit Leuten und auch maximal aus einem anderen Haushalt. Wir versuchen trotzdem immer Abstand zu halten, teilen kein Essen, umarmen uns nicht und so weiter. Ich merke aber, dass ich zum Beispiel bei meinen Eltern, die ich jetzt schon öfter im Garten gesehen habe, nach und nach auch unvorsichtiger werde. Bin ich am Anfang in großen Bögen herumgetänzelt, sitzt man jetzt vielleicht auch mal näher auf der Terrasse beieinander. Trotzdem: Bei großen Gruppen, Bildern von riesigen Demos oder sowas wird mir ganz anders und ich denke mir dann – ich bleibe lieber weiter vorsichtig, als dass es in ein paar Wochen härtere Regeln geben muss, weil doch alles zu voreilig war. Ich habe aber auch Freund*innen, die das relaxter sehen. Es ist schwierig, da für sich den eigenen Weg zu finden.

Talika aus Hamburg

Bisher war ich sehr strikt, was die Einhaltung der geltenden Regeln angeht. Nur zum Einkaufen oder für einen Spaziergang habe ich das Haus verlassen und Besuch habe ich keinen gehabt. Ich hatte natürlich auch irgendwann keine Lust mehr, meine Freunde und Familie nur über Videocalls zu sehen. Trotzdem habe ich mich mit niemandem persönlich getroffen. Es ist schwierig, wenn Menschen im eigenen Freundeskreis anders mit der Situation umgehen, sich vielleicht nicht so strikt an die Regeln halten. Ich habe mich aber mit niemandem deshalb verstritten, denn in einem gewissen Rahmen muss jede*r selbst entscheiden, wie sie*er mit dieser Situation umgeht. Am vergangenen Wochenende habe ich mich zum ersten Mal mit Freunden getroffen – draußen und auf Abstand. Das hat mir so gut getan und hat meine gesamte Stimmung gehoben. Ich konnte dadurch neue Energie tanken. Trotzdem habe ich mich danach ein bisschen komisch gefühlt und gedacht: "Hoffentlich war das jetzt okay, was ich gemacht habe?!"

© Daliah Hoffmann

Maxi aus Berlin

Meine Familie ist in Berlin und ich möchte auch nicht darauf verzichten, sie zu sehen. Da meine Oma und mein Vater zur Risikogruppe gehören, versuche ich "für sie" vorsichtig zu sein und die Regeln einzuhalten. Ich habe die ersten acht Wochen keinen aus meiner Familie gesehen, um sie zu schützen. Als es mir damit irgendwann nicht mehr gut ging, hab ich einfach angefangen meine Mutter, Oma oder Freunde einzeln draußen auf Abstand zu sehen. Ich finde, das ist auch viel schöner als nur zu facetimen.
Ich merke auf jeden Fall, wie komisch es sich mittlerweile anfühlt, wenn Leute im Supermarkt zu nah kommen. Ich finde es auch vollkommen ok, sie darauf aufmerksam zu machen. Man sollte aktuell einfach noch rücksichtsvoller handeln. Ich merke auch, dass ich schnell genervt und wütend bin, wenn ich einen Haufen von 15 Leuten auf einer Wiese sehe. Ich frag mich dann, wo eigentlich das Problem liegt, die Gruppe kleiner zu halten?

Insa aus Berlin

Ich finde es krass, wie sehr man sich – nach fast neun Wochen – an die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen gewöhnt hat. Als Berlin im März die Schließung sämtlicher öffentlicher Orte beschlossen hat, erschien es mir erstmal unvorstellbar, wie das Leben ohne Gesellschaft aussehen soll. Und ich habe ehrlich gesagt nicht daran geglaubt, dass es so lange dauern wird. Naja, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ich habe mich in den ersten Wochen sehr strikt an die neuen Regelungen gehalten, das Haus wirklich nur zum Einkaufen verlassen. Ich bin keine S-Bahn mehr gefahren und habe nur zwei Freund*innen zum regelmäßigen Spazierengehen einmal die Woche getroffen. Wir sind jetzt sowas wie eine neue Kernfamilie.

In den letzten zwei Wochen habe ich aber zunehmend Lagerkoller bekommen. Ich kann mein Zimmer nicht mehr sehen und vermisse meine Freund*innen. Vor zwei Wochen haben wir uns Autos gemietet, damit wir jeweils nur zu zweit in einem sitzen, und sind nach Brandenburg an einen See gefahren. Wir haben lange Spaziergänge gemacht und angebadet. Auch wenn sich einige von uns mit dem Ausflug zunächst unsicher waren, haben wir am Ende festgestellt, dass wir uns draußen viel safer fühlen als in der Stadt, denn in der Natur kann man sich viel besser aus dem Weg gehen und Abstand halten. Ich denke also, dass man sich wieder mehr treffen kann, wenn man die richtigen Bedingungen dafür schafft. Sich draußen treffen, Abstand halten, Masken auf – dann ist fast alles machbar. Deshalb werde ich Ende des Monats auch meine Mutter besuchen. Wir waren uns beide bisher unsicher, aber da sie auf dem Land lebt, viel Platz und einen Garten hat, sehe ich da kein Problem.

Nina aus München

Ich habe bereits mehrere Phasen durch. Darunter fast drei Wochen strikte Quarantäne innerhalb meiner 4er WG, weil selbst infiziert – zum Glück mit mildem Verlauf und ohne Ansteckung der Mitbewohner, trotz engem Raum. Für mein eigenes Seelenwohl und weil ich ein Mensch bin, der eingeht wie eine Primel ohne reale soziale Kontakte, treffe ich mich mit Freunden – allerdings nicht in Gruppen. Meine Mama kann ich leider nicht besuchen, weil sie in Österreich lebt, das finde ich belastend und befremdlich.

Insgesamt geht es mir aber gut. Ich vermisse weniger als ich dachte, sehe aber wie gesagt regelmäßig auch unterschiedliche Freund*innen, umarme die auch mal und verfalle nicht in Panik, wenn ich mehr als drei Leute auf einem Haufen sehe. Fast ein bisschen gruselig, wie schnell man sich an eine "neue Normalität" gewöhnt und gewisse Dinge, die vorher undenkbar waren ("Oh mein Gott, da sitzen fünf Leute auf einem Haufen!") für gegeben annimmt. Was mir unterschwellig Sorge bereitet, aber sich noch ein bisschen abstrakt anfühlt: Eine Stimmung, die nur ein Entweder-Oder zulässt, die Extreme in alle Richtungen fördert und zu eindimensionalen Diskussionen führt. Solidarität kann plötzlich Druckmittel sein, statt erstrebenswerter Tugend ("Wenn ihr euch nicht an die Regeln haltet, seid ihr asozial"). Wirre Verschwörungstheoretiker*innen diskreditieren mit ihrem Geschwafel konstruktive Kritiker*innen und am Ende haben wir 80 Millionen Virologen. Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass wir keine Ahnung haben, was hier abgeht, sondern uns darauf besinnen – sowohl für uns persönlich als auch im gesamtgesellschaftlichen Bild – ständig neu abzuwägen, welches Verhalten gerade das sinnvollste ist. Seid lieb!

Solidarität kann plötzlich Druckmittel sein, statt erstrebenswerter Tugend ("Wenn ihr euch nicht an die Regeln haltet, seid ihr asozial").
Nina Vogl (Mit Vergnügen München)

Caro aus Köln

Ich halte mich bisher noch ziemlich strikt an die Regeln. Ich habe in den letzten Wochen auch mal vereinzelt Freunde zu zweit und auf Abstand getroffen, meine Familie aber noch nicht besucht. Ich finde es gibt verschiedene, legitime Weisen mit der Situation umzugehen, wenn man nicht gerade in großen Gruppen abhängt. Ich finde es nur schade, dass die Diskussionen darüber oft so unangenehm und unsachlich sind. Man wird von manchen komisch angeguckt, wenn man sich sehr strikt an alle Vorschriften halten will, dann werden andere wiederum komisch angeguckt, wenn sie sich regelmäßig zum Spazieren treffen. Die Situation betrifft jeden so sehr, dass auch jeder eine Meinung dazu haben kann und sollte – ich wünschte nur, wir könnten über diese Meinungen und die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen einfach mal in Ruhe und mit Verstand reden. Die ganzen Protestierenden, die aus Prinzip gegen alle Regeln sind, ohne vorher mal drüber nachzudenken, ob Regeln vielleicht gerade ganz angebracht sind, nerven mich am meisten. Und nur weil wir jetzt ein paar Wochen durchgehalten haben, heißt das nicht, dass man auf einmal wieder so leben kann wie vorher… so funktioniert es leider nicht.

Marie Therese aus Berlin

Insgesamt geht es mir zu Hause erstaunlich gut. Dass wir relativ früh ins Homeoffice gegangen sind, fand ich beruhigend und vernünftig, nicht zuletzt, weil ich mich auf meiner 50-minütigen U-Bahnfahrt zum Büro sehr unwohl gefühlt habe. Die ÖPNV meide ich und fahr fast ausschließlich Fahrrad. Da ich dabei helfe, meine Mutter zu pflegen und mein Vater zur Risikogruppe gehört, möchte ich für sie sehr vorsichtig sein. Sie nicht zu sehen, ist für mich keine Option. Meiner Meinung nach sollte sich immer noch jeder so achtsam verhalten, als würde er*sie sich um eine nahestehende Person mit erhöhtem Risiko sorgen. Zwei engere Kontaktpersonen habe ich dennoch, die sich weitestgehenden strikt an die Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln halten. Allerdings führt es teilweise auch zu Frust und Diskussionen, wenn zu viele Ausnahmen gemacht werden. Denn die fehlende Vorsicht meiner Kontaktpersonen zwingt auch mich zu einem Mittelweg, d.h. sehr viel weniger Kontakt/ Pflege meiner Eltern, weil ich nicht zu 100 Prozent sicher sein kann, dass ich sie anstecken könnte. Am allermeisten fehlen mir Abendessen in großer Runde bei mir zu Hause. Die Lockerung der Ladenöffnungen hätte ich nicht gebraucht, außer Nahrungsmittel brauche ich gerade nicht viel.

Büro Arbeit Homeoffice Laptop
© Unsplash | Andrew Neel
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