Das Fusion-Festival ist in Gefahr – so könnt ihr helfen

© Charlott Tornow

Update: Aus einem Polizeipapier, das ZEIT ONLINE vorliegt, geht hervor, dass die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern anscheinend schon seit längerer Zeit einen größeren Polizeieinsatz bei der Fusion plant. Laut dem vorliegenden Konzept will die Polizei etwa 100 Beamte in Uniform und in zivil auf das Gelände zu schicken – zusätzlich zu einer außerhalb des Gelände stationierten Einheit sowie einer weiteren Hundertschaft, die bei Bedarf eingesetzt wird und mit Räumpanzern und Wasserwerfern ausgestattet sein soll, wie ZEIT ONLINE berichtet. Was die Pläne der Polizei nun konkret für die Fusion bedeuten, soll sich in den kommenden Tagen entscheiden.

Normalerweise sind die Veranstalter*innen der Fusion darauf bedacht, das Festival in den öffentlichen Medien so wenig wie möglich zu präsentieren. Es gibt keine Werbung für das Festival, keine Pressearbeit, keine offizielle Facebook-Seite. Doch nun gehen die Organisator*innen bewusst an die Öffentlichkeit und rufen dazu auf, das Festival auch medial zu unterstützen – und das hat einen triftigen Grund. Denn die Fusion könnte in diesem Jahr ganz anders werden – zumindest, wenn es nach dem Polizeipräsidenten von Neubrandenburg geht.

Die Fusion steht für Freiheit und Toleranz – fernab von Kontrollen und Zwängen

Wer die Fusion kennt, weiß, dass es sich bei der mehrtägigen Veranstaltung, die 1997 von dem Verein Kulturkosmos Müritz ins Leben gerufen wurde, nicht einfach bloß um ein Musikfestival handelt. Auf dem Gelände, in einem geschützten Mikrokosmos sozusagen, entsteht während des Festivals eine Art Parallelgesellschaft, in der statt Zwängen Toleranz gelebt wird und jeder Mensch* sich frei ausleben kann – "Ferienkommunismus", wie die Veranstalter selbst es nannten. Das Gelände, der ehemaliger Militärflugplatz Lärz, gehört dem Kulturkosmos; jahrelang gab es auf dem Gelände deshalb keine Kontrollen.

Dieses Jahr soll alles anders werden: Die Polizei will direkt auf das Gelände

Das soll sich nun ändern: Vor ein paar Tagen gab die Polizei von Neubrandenburg bekannt, dass es bei der Fusion "Lücken im Sicherheitskonzept" gebe und somit in Frage stünde, ob das Festival in diesem Jahr wie geplant stattfinden kann. Konkret geht es darum, dass die Polizei in diesem Jahr zum ersten Mal eine Station direkt auf dem Festivalgelände errichten will, anstatt wie bisher nur in entsprechenden Notfällen auf das Gelände gelassen zu werden. Dabei habe das bisherige Verfahren laut der Veranstalter immer gut funktioniert.

Direkte Polizeipräsenz auf dem Festivalgelände widerspricht hingegen allem, wofür die Fusion steht, denn es geht ja gerade darum, Freiräume zu schaffen, die für ein paar Tage abseits des Alltags und ohne Kontrolle funktionieren. Ohne die geforderte polizeiliche Überwachung direkt auf dem Gelände ist das Sicherheitskonzept für die diesjährige Fusion allerdings nicht genehmigt worden. Was nun?

Was bedeutet das für die Zukunft der Fusion? 

Heute morgen meldeten sich die Organisator*innen im Fusion-Newsletter selbst zu Wort und der Ton ist ernst. Man habe tatsächlich überlegt, das diesjährige Festival abzusagen. Die Fusion soll jedoch weiterhin (auch in diesem Jahr) stattfinden – aber man wolle mit allen politischen und juristischen Mitteln gegen die Auflagen der Polizei vorgehen. Denn sie sehen für die Forderung nach einer Polizeistation auf ihrem Gelände weder eine rechtliche Grundlage, noch eine Notwendigkeit:

Die ausgeprägte Eigenverantwortung und Achtsamkeit Anderen gegenüber, die die große Mehrheit der Fusionist:innen besitzt und die Teil der Festivalphilosophie sind, schaffen ein hohes Maß an Awareness und Sicherheit für alle. Dies ist einmalig für eine Veranstaltung dieser Größe, und die Schadensbilanzen auf dem Festival sprechen eine klare Sprache. In 22 Jahren gab es keinen schweren Unfall mit gesundheitlichen Folgeschäden. Es gab keine Schwerverletzten, keine Drogenopfer. Die Anzahl der Eigentumsdelikte ist verschwindend gering und konstant rückläufig. Die laut Polizeistatistik angezeigten Gewaltdelikte in den Jahren 2011 – 2016 lagen im Schnitt bei 2,5 Delikten pro Festival. [...] Wir sehen daher die von der Polizei behauptete „Gefahrenabwehr“ auf der Fusion als reinen Vorwand, um eine umfassende Kontrolle auf dem Festival zu etablieren. Es ist auch ein Frontalangriff auf die Philosophie des Festivals und das, was uns hier vereint, nämlich die Freiheit, sein zu können, wie wir sein wollen: zwanglos und unkontrolliert.
Kulturkosmos Müritz e.V.

Obwohl die Zahlen dagegen sprechen, geht die Polizei Neubrandenburgs von einem "hohen Gewaltpotenzial" auf dem Festival aus und will nicht von ihren Forderungen abrücken. Die Veranstalter*innen wollen deshalb nun nicht nur juristisch dagegen vorgehen, sondern auch für politische Aufmerksamkeit sorgen, denn am Ende geht es hier um mehr als den Fortbestand des Festivals: Es geht auch darum, ob es in unserer Gesellschaft in Zukunft überhaupt noch Räume für Kunst, Kultur und Selbstverwirklichung geben kann, die friedlich ohne Einschränkungen durch die Polizei existieren dürfen. Darum hat der Kulturkosmos eine Petition gestartet, die sich sowohl konkret auf den Polizeieinsatz bei der diesjährigen Fusion bezieht, als auch allgemein auf die zunehmenden Kontrollen von kulturellen Freiräumen.

Hier geht's zur Petition.

Die Veranstalter rufen explizit dazu auf, die Petition zu teilen und die Debatte weiterzutragen. Und schließen aus der Situation: "2019 wird es wohl eine besonders politische Fusion werden."

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