Sexuelle oder emotionale Affäre: Was ist eigentlich schlimmer?

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Wir müssen reden. Über Affären. Darüber, was eine Affäre ist, wann sie anfängt und wo sie aufhört. Ob eine Affäre eigentlich nur Sex bedeutet oder auch emotionaler Natur sein kann – und wenn ja, welche dann am Ende schlimmer ist? Mir schwant nämlich, dass es ganz unterschiedliche Auffassungen darüber gibt. Und mit Sicherheit wird euch dieser Text auch keine zufrieden stellende Definition liefern, vielleicht ein paar Denkanstöße. Gemeinhin versteht man unter einer Affäre ja erstens oft ein rein sexuelles, zweitens geheimes und drittens regelmäßiges stattfindendes Liebesabenteuer ohne tiefere emotionale Bindung zwischen zwei Personen. Abweichungen von diesen Bedingungen sind natürlich möglich.

Jetzt wird es noch ein bisschen komplizierter: Jeder, der in eine heiße Liebesaffäre verstrickt ist, kann parallel durchaus mit einer anderen Person in einer eigentlich monogamen Liebesbeziehung leben. Manchmal ist auch nur einer von beiden fest vergeben – oder gar verheiratet. Oder aber beide sind Single, aber wollen trotzdem nur eine lockere sexuelle Beziehung haben. Alles ist möglich!

Liebesabenteuer Affäre: So prickelnd wie verpönt

Interessant ist Punkt eins: Affären werden meist sehr einseitig auf die sexuelle und erotische Ebene reduziert. Dabei sind sie mehr als ein Seitensprung, aber weniger als eine innige Liebesbeziehung, die auf Vertrauen und einer festen Bindung basiert. Eher irgendetwas dazwischen.

Punkt zwei besagt, dass eine Affäre meist geheim gehalten wird. Das impliziert von vornherein, dass zwei Menschen etwas Verbotenes, Unerlaubtes tun – es sei denn, beide sind alleinstehend. Gesellschaftlich gesehen steht die Affäre deshalb nicht unbedingt hoch im Kurs. Wer fremdgeht, der betrügt. Für Betrug gibt es kein Applaus. Und dann gibt es noch Punkt drei, der einer Affäre zwar eine gewisse Bedeutung zumisst, weil es zu wiederholten sexuellen Begegnungen kommt, aber ihr im Grunde genommen unterstellt, nicht für die Dauer gemacht zu sein.

Ist eine rein emotionale Affäre legitim, nur weil kein Sex im Spiel ist?

Nun gibt es aber auch noch andere Formen der Affäre, die der oben erläuterten (zugegeben etwas herunter gebrochenen) Definition nicht oder nur in Teilen entsprechen. Zum Beispiel eine emotionale Affäre, die nicht zwangsläufig auf Sex hinaus laufen muss, aber durchaus kann. Ein Beispiel: Zwei Menschen führen zunächst eine rein platonische Beziehung. Plötzlich liegt aber eine gewisse Spannung in der Luft. Zuerst flirten sie nur, bemerken, dass sie sich gut unterhalten können. Dann folgen eindeutige Nachrichten, irgendwann jeden Tag. Es ist ein bisschen wie das verbotene Spiel mit dem Feuer. Beide kriegen einfach nicht genug voneinander, genießen die Aufmerksamkeit und erzählen sich gegenseitig inzwischen mehr und ganz andere Dinge als ihren Partnern. Es hört einfach nicht mehr auf – obwohl einer oder beide vergeben sind.

Das alles passiert wie bei einer „richtigen Affäre“ heimlich und sehr regelmäßig, wird immer eindeutiger und heikler, mit dem einzigen Unterschied, dass es keinen Sex gibt. Vielleicht aus Angst vor Konsequenzen. Vielleicht, weil 500 km Entfernung zwischen ihnen liegen. Vielleicht, weil sie denken, solange kein Sex im Spiel ist, sei es streng genommen kein Betrügen und deshalb auch nicht so schlimm.

Der Moment, wenn eine andere Person verheimlicht wird, ist gefährlich

Zugegeben: Dating-Apps wie Tinder, Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Video-Chats wie Skype tragen sicherlich dazu bei, dass die Bereitschaft, sich neuen Menschen emotional schneller zu öffnen, gestiegen ist. Niemals war es leichter heimlich zu flirten, sich sexy Nachrichten zu schicken, Hemmungen abzulegen. Und trotzdem kann man sich einreden, die Grenze des Fremdgehens nicht überschritten zu haben. Im realen Leben sieht das schon etwas anders aus. Laut einer Studie hatten weitaus mehr Menschen, als man zunächst annehmen würde, schon mindestens einmal eine emotionale Affäre in ihrem Leben. Mich überrascht das, ehrlich gesagt, nicht. Nur begleitet mich das ungute Gefühl, dass dafür weitaus mehr Verständnis als für ein explizites sexuelles Abenteuer aufgebracht wird, das immer noch als No-Go gilt.

Emotionale Affären werden offenbar harmloser als sexuelle Affären wahrgenommen. Woran das liegt, ist mir unklar. Denn es ist doch so: Wenn man sich heimlich auf einen anderen Menschen einlässt, egal ob emotional oder sexuell, ist das entweder ein Zeichen für unerfüllte Bedürfnisse oder eine vernachlässigte Bindung zu seinem festen Partner. Ich kann nur für mich sprechen und möchte überhaupt nichts bewerten, aber ich stelle immer wieder fest, dass Menschen in diesem Punkt in aller erster Linie nicht ehrlich zu sich selbst, geschweige denn zu ihrem Partner sind. Und genau hier liegt die Gefahr. Emotionale Distanz und Geheimnisse gegenüber seinem festen Partner sind über einen längeren Zeitraum Gift für eine (monogame) Beziehung. Eine emotionale Affäre und damit die emotionale Bindung an einer anderen Menschen kann Nährboden für noch viel mehr als Sex sein und ist deshalb vielleicht sogar die gefährlichere Variante von beiden.

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