From Dispo to Disco: Warum es sich nicht lohnt, über seine Verhältnisse zu leben

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Mein Vater sagt immer, es gebe zwei Arten von Menschen auf der Welt: Die einen vom Stamme „Gib“, die anderen vom Stamme „Nimm“. War wohl seine Art zu sagen, dass ich zu Letzteren gehöre. Will direkt lospoltern und auf diese*n oder jene*n hinweisen, die oder der während des Studiums doppelt und dreifach so viel Unterstützung bekam. Oder eine Eigentumswohnung. Brüllen, dass ich seit meinem 18. Geburtstag immer gearbeitet habe und überhaupt: unfair, gemein, menno!

Okay, bin ich halt ein Nimm. Hab' mich immer schon gern ordentlich ausgegeben. Jetzt kam die Quittung.

Und der Mann von der Bank so: Feierabend.

From Dispo to Disco lautete seit meiner Ausbildung das Credo, das Credo wurde zur Lifestyle-Decision und rote Zahlen schocken mich schon seit Jahren nicht mehr. Paar Miese halt, total okay für mich. Bis heute – denn jetzt ist das Konto eingefroren.

Der Teufel scheißt immer auf den großen Haufen, höre ich meinen Vater noch sagen, dann rufe ich einen Mann von der Bank an und verschlucke mich fast an seiner Freundlichkeit, während ich absolut einsehe, dass der gute alte Dispo um 3.000 Euro gekürzt wurde, weil aktuell nicht genug Kohle reinkommt. Da stehe ich also nun, google  „Schuldnerberatung Berlin“ und schäme mich für all die Objekt gewordenen Wünsche, die mich umgeben.

Erst kontaktlos, dann ratlos

In dieser Situation mein Umfeld anzupumpen, erscheint mir unpassend. Noch mehr Schulden, no thanks. Kurzum: Shit has hit the fan big time.

„Ich bezahle jetzt mit priviligierter Armut für 10 Jahre des unbedarften Konsums“, zuletzt mit der fluffigen kontaktlosen Zahlung per Visa. Bio-Laden, let’s go. Mit der Freundin mal kurz 6 Stunden ins Premium-Spa. Samstags in Mitte jeden Trenchcoat anprobieren und bei szenigen deutschen Versandhäusern coolen Scheiß bestellen, yay! Doch aus Yay wurde Nay und nun stehe ich da und verblasse angesichts dieser ganz neuen Art von Krise, die mich an meiner eigenen Ratio zweifeln lässt. Ist insofern ein bisschen ätzender als Liebeskummer, weil ich keinem Gegenüber irgendwelche Fehler andichten kann. Bin Opfer und Täterin in Personalunion. Was also tun?

Ich nehm auch Spenden

Gut, morgen Vertrag mit der Bank aufsetzen, langsames Abstottern, irgendwie. Bei der Dame am Schalter (Randbezirk, Motorradtreffen, Plaste-Nägel) nicht zu hedonistisch wirken. Nicht in Groll verfallen, weil andere es irgendwie drauf haben, sich richtig zu gönnen und in ihren Zwanzigern trotzdem mindestens Zehntausend auf die Seite schaffen. In Berufsnetzwerken nicht all diejenigen verfluchen, die sich (und ihre Freundinnen) mit ihren Geschäftserfolgen brüsten.

Vielleicht stell ich einfach so einen Käfig in der Drogerie an der Kasse auf.

Die Leere des Chanels

Über die eigenen Verhältnisse zu leben, lohnt sich nicht. All die schönen Dinge hier sind plötzlich nichts mehr wert. Sie erinnern mich bloß daran, dass ich es ganz anders hätte machen sollen. Dass ich meine Ersparnisse nicht hätte anfassen sollen, als es mal ein bisschen eng wurde. Denn bei aller Großzügigkeit hätte ich mit so viel weniger Taxifahrten, Sommermänteln und perfekten Flat Whites leben können. Ich kann nicht mal sagen, wo die ganze Knete hin ist. Sie ist einfach nicht mehr da. Falsch: sie war es nie.

Atmen. Okay, das Ziel ist, Umsatz zu machen. Läuft. Kleinanzeigen: Läuft. Haushaltsbuch: Mit Akribie und Sorgfalt geführt. Schäme mich für einen Falafel-Kauf und habe das Gefühl, in meinem Kopf verändert sich gerade etwas. Den Hauch von Panik, der seit Tagen in der Luft liegt, vertreibe ich mit den letzten Tropfen Chanel.

Tut mir den Gefallen

Was will ich mit diesem Text? Ich will, dass ihr es besser macht und anders. Dass ihr ordentlich abspart! Richtig geil wirtschaftet. Für jetzt, für morgen, für immer! Schön 37% des Einkommens auf die Seite packen, Tagesgeldkonto, und weg mit der Kreditkarte. Nur mit Bargeld zahlen. Entrümpeln, verscherbeln, Scheiße zu Geld machen. Aus zu viel mach ich weniger, damit das Wenige wieder mehr wird. Genial. Meet my new me, the minimaltist Pfennigfuchser. I feel so alive!

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