Warum machen wir uns eigentlich jeden Tag so abhängig von Kaffee?

© Pexels

„Bevor ich nicht meinen Kaffee hatte, bin ich zu nichts zu gebrauchen.“ Wer sich angesprochen fühlt, der möge sich nun einen brühen und dann aufmerksam weiterlesen, denn was hier kommt, betrifft uns alle. Kein anderes Getränk – egal ob heiß oder kalt – diktiert den Tagesablauf der Menschen so sehr wie Kaffee. Höchstens vielleicht das Bierchen zum Feierabend kann da mithalten.

Wie alles, was früher dem Adel und später dem Bürgertum oder wenigstens dem Sonntag vorbehalten war, ist der Kaffee längst in die letzten Winkel der Gesellschaft gesickert, wo er rund um die Uhr literweise die Kehlen runterfließt, während die Nackensteaks auf den Grills der Republik in ihrer mit Geschmacksverstärkern geschwängerten Marinade verbrennen. Das hat nichts mehr zu tun mit der Sehnsucht nach dem Orient und seinen abenteuerlichen Verheißungen.

Ist das jetzt schon Kaffee oder ist das noch die Reinigungstablette?

Und wie immer geht es in Deutschland weniger um ein soziales Ereignis oder Genuss, nein, das Gebräu muss wecken, was ansonsten nur vor sich hin schlummern würde, wie ein Arbeitstag in einem Büro mit Teppichboden, wie die Gartenzwerge im Vorgarten des Reihenhäuschens am Stadtrand. In Italien geht man an den Tresen und bestellt „Caffè“, der ist billig, bitter, klein und gemein, aber sofort unterhalten sich alle, die da sind und es kommt sicher niemand mehr pünktlich zur Arbeit.

Bei uns hängen alle an ihren To-Go-Gefäßen, verbrennen sich die Lippen und ärgern sich in der U-Bahn über den, der seinen Heuschnupfen nicht im Griff hat. Sie ärgern sich, wenn die U-Bahn zweieinhalb Minuten zu spät kommt und sie nicht als erster auf ihrem Drehstuhl Platz nehmen können. Der ist so rückenfreundlich. Selbst wenn es in der Uni oder in der Kantine nur einen Automaten gibt, der Kaffee spendet, dann wird auch diese Suppe noch getrunken, da kann das Milchpulver für den Cappuccino gar nicht verkeimt genug sein. Pausenlos gehen sie an die Maschine ran und warten bis das Wischwasser zu ihrer Rettung aus den Tiefen des Automaten geröchelt kommt. Ist das jetzt schon Kaffee oder ist das noch die Reinigungstablette?

Der wahre Genussmensch genießt seinen Cold Brew ungesüßt

Die Leute malen sich ja sogar Kaffeebohnen an die Küchenwand, dampfende Tassen, darüber in geschwungen mokkabraunen Lettern: „Genießen“. Sie trinken aus Bechern, auf denen Latte Macchiato steht, bevor nämlicher reinkommt. Sie brauchen morgens um halb acht also nicht nur „erstmal Kaffee“ um in die Gänge zu kommen, sondern auch noch Raufasertapeten, auf denen das steht. Aber um die geht es heute mal nicht. Es soll hier auch nicht der Eindruck entstehen, in Deutschland trinke man nur Jacobs Krönung und Automatenkaffee. Nein, längst haben sie den feinporigen Schaum mit den hübschen Mustern für sich entdeckt und nippen entzückt am Flohmarkt-Porzellan, picken butterfreie Brownies bis zum letzten Krümel von den Schieferplatten, dass den Spatzen kaum noch was übrig bleibt. Da spielt es keine Rolle, welche Art Milch sie tolerieren, die Schaumtulpe gibt es in Soja-, Hafer-, Mandel- und manchmal auch Kuhmilch. Den Zucker lassen sie wie die Kenner links liegen. Der wahre Genussmensch genießt seinen Cold Brew ungesüßt.

Es ist dann auch wieder übertrieben, dass der jetzt sauer sein muss, dass dann alle noch anerkennend nicken, obwohl sie am liebsten das Gesicht verziehen würden. Dass der jetzt schmecken soll, nur weil er tagelang kalt durch an die Grauen des Chemieunterrichts erinnernden Glaskolben getröpfelt ist.

Wenn es wenigstens Waldmeistersirup wäre...

Wie kann man sich nur so sehr einem Getränk unterwerfen, noch dazu einem mit dieser Farbe. Wenn es wenigstens Waldmeistersirup wäre oder Curaçao. Man muss einfach lange genug schlafen, Netflix am Abend früher ausmachen, Sport treiben, sich gesund ernähren, dann ist man auch ohne die morgendliche Plörre wach. Und dann kann man am Wochenende schön ins Café gehen, sich hinsetzen, warten bis der Schwan in der Tasse angeschwommen kommt, ein Stück Cheesecake dazu. Die 8,90 Euro hat man dann auch, wenn man unter der Woche am Automaten brav war. Und dann kann man in der ersten Reihe auf dem Gehsteig sitzen und schauen, wie sie mit den Bechern in der Hand vorbeirennen. Wo laufen die nur hin?

Man muss einfach lange genug schlafen, Netflix am Abend früher ausmachen, Sport treiben, sich gesund ernähren, dann ist man auch ohne die morgendliche Plörre wach
Weiterlesen in Food
Sags deinen Freunden:

Entdecke die besten Restaurants, Bars und Plätze in deiner Nähe.

Zur neuen Karte!