Warum ihr jetzt noch dringend eure Fusion-Tickets stornieren solltet

Nicht mehr lange, dann geht es los. Sommerzeit ist Festivalzeit und die will gut geplant sein. Schon im Dezember fängt es an, kaum sind die letzten Schlafsäcke getrocknet, werden die ersten Tickets verkauft. Für manche Festivals allerdings kann man nicht einfach so Karten bestellen, nein, man muss sich bewerben.

Wenn man also ein verlängertes Wochenende mit Tausenden von Schlafmangel entstellten Teilzeit-Hippies im Morast verbringen will, irgendwo im Berliner Umland, das vor allem für seine Unwirtlichkeit und Kargheit bekannt ist, dann muss man das in der Adventszeit entscheiden. Schlangestehen für Tickets, die so viel kosten, wie ein Kurztrip nach Mailand, für das Kampieren zwischen der Tristesse verbliebener Dörfer und ihren rechts-konservativen Wählerschaften? Als ob ich am Nikolaustag wüsste, wonach mir Ende Juni der Sinn steht.

Schlangestehen für Tickets, die so viel kostenwie ein Kurztrip nach Mailand

Es ist ein alter Hut, die Fusion ist nicht mehr das, was sie mal war, genauso wenig wie das Berghain und Mustafas Gemüsedöner, schon klar. Trotzdem habe ich mich in der Vorweihnachtszeit – es war kalt und das Leben trostlos – bequatschen lassen, einer Gruppe beizutreten, die auf die Fusion will. Ein Jahr Pause, man ist nur einmal jung und so, sagten sie.

Nach jeder Benachrichtigung über eine weitere erfolglose Verlosungsrunde war ich erleichtert. Als dann irgendwann im Frühjahr endgültig klar war, dass es mit den Tickets nicht geklappt hat, hätte ich fast eine Flasche Sekt aufgemacht. Die Vorstellung, mich bei 35 °C mit Dosenravioli, Sterni und Yum-Yum-Suppe auf den Weg in die mecklenburgische Steppe machen zu müssen, löst Panik in mir aus.

Die Vorstellung, mich bei 35 °C mit Dosenravioli, Sterni und Yum-Yum-Suppe auf den Weg in die mecklenburgische Steppe machen zu müssen, löst Panik in mir aus.

Klar ist es schön, im Sommer im Freien zu sein, in der Natur, unter Leuten, mit einem Bier vielleicht und Wind im Haar und wenn die Bässe scheppern, warum nicht? Aber dafür gibt es doch die ganzen Paletten-Clubs in der Stadt. Da kann man auch im Sand liegen, sich Federn in die Haare stecken, Haut zeigen, tanzen und turteln. Und an den Wochenenden im Sommer, an denen die Tanzgemeinde in die Wiesen und Wälder Ostdeutschlands verschwindet, gibt es da sogar Platz.

Danach, und darum geht es mir, kann man nach Hause gehen in sein eigenes, idealerweise frisch bezogenes Bett und schlafen. Dort gibt es nichts als Stille und den Duft von Waschmittel. Bei jeder Party – sie kann noch so gut sein – kommt doch irgendwann der Punkt, an dem man seine Ruhe haben will, an dem einem alles wehtut. Endorphine sind aufgebraucht, die Schöne auf der Tanzfläche ist plötzlich gar nicht mehr so schön und ihr Schweiß riecht alles andere als aufregend animalisch.

In Berlin kann man auch im Sand liegen und sich Federn in die Haare stecken

Die wenigen Male, die man mich überredet hatte, doch mal mitzufahren, mich nicht so zu haben, sind mir in fürchterlicher Erinnerung. Die eiskalten Tage – weil auf Festivals kippt das Wetter prinzipiell – schienen endlos zu sein, das Dosenbier schmeckte nicht, auch weil man sich mit jedem Schluck der Nutzung eines Dixie-Klos näher brachte. Sie rochen schon aus der Ferne wie der Nassbereich einer Raststätte in Südeuropa, zur Ferienzeit. Und dann diese Euphorie, als ob sie noch nie Glitzer im Gesicht gehabt hätten, als ob der Beat auf der platt getrampelten Wiese anders droppen würde als daheim im Sisy. Allzu begeisterten Menschen begegne ich grundsätzlich skeptisch, treten sie in Massen auf, setzt mein Fluchtreflex ein.

Ich fieberte also der Schlafenszeit entgegen, auch wenn ich dann von der feuchten Zeltwand aus meinen Albträumen gerissen wurde, die mir elfmal ins Gesicht klatschte. Überhaupt war alles immer klamm, die Füße stanken und der Boden war hart. Ich fror. Noch vor jedem Morgengrauen rannte mindestens einer gegen das Zelt und ich musste die Schnüre neu spannen. Das Gras, der Schlafsack, die Schuhe, nass, nass, nass.

Und dann diese Euphorie, als ob sie noch nie Glitzer im Gesicht gehabt hätten, als ob der Beat auf der platt getrampelten Wiese anders droppen würde als daheim im Sisy.

Und sich darauf dann monatelang freuen und mehrere hundert Euro ausgeben. Weil essen und trinken ist nirgends so teuer, nirgends so vegan wie in Mecklenburg, an einem aus Treibholz gezimmerten Stand militant gut gelaunter Exilberliner. Klar. Da fahre ich doch lieber für das gleiche Geld nach Portugal, an die Mosel oder sonstwohin und trinke Weißwein, schön am Tisch und es wird was zu Knabbern dazu gereicht.

Ich gehe gerne Tanzen, so ist es ja nicht, aber wenn ich müde bin, bin ich müde. Da kann mir der Typ mit dem Laberflash noch so lange erzählen, ich müsste nachlegen oder einen Shot mit ihm trinken. Ich starre nur auf seine aufgerissenen Lippen. Irgendwann ist Schluss. Dann will ich nur noch mein Bett, eine Dusche, frische Unterwäsche und Klassikradio zum Frühstück mit Ei. Viel Spaß euch!

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