Verlieben ist manchmal schwerer als das Lieben selbst

© Priscilla Du Preez | Unsplash

Freitagabend. Ich liege im Bett und schaue Katharine Hepburn dabei zu, wie sie sich aufs Neue in Carry Grant verliebt. Entschlossen entrinnen ihrem Mund die Worte: "Ich liebe dich!" – "Habt ihr euch nicht gerade erst kennengelernt?", frage ich mich.

Verlieben ist in Filmen ein Leichtes. Vielmehr scheint das Leben danach, die Beziehung oder die Ehe das Problem zu sein. Ich hingegen brauche ewig, bis ich mich verliebe, mein Kopf und Herz scheinen einen Marathon in Langsamkeit zu veranstalten. Wie also schaffe ich es, mich zu verlieben und woran ist es vorher gescheitert?

Wenn ich jemanden neu kennenlerne, ist es aufregend. Es gibt so vieles, was ich neu am anderen entdecken kann. Vieles, was mich begeistern kann, aber natürlich auch vieles, was dazu führt, dass wir uns nur einige Male daten und es danach im Sande verläuft. Mit manchen jedoch nicht.

Erst vor zwei Monaten habe ich jemanden kennengelernt. Unsere ersten Dates laufen super, ich fahre sogar das erste Mal Motorrad. Diese ersten Male mit einer Person sind das Beste am Kennenlernen. Adrenalin durchfährt mich und ich Frage mich, ob das Kribbeln im Bauch von den schnellen Kurven kommt oder von ihm. Und genau an diesem Punkt fangen die Fragen an: Fühlt er das auch? Ist das jetzt was Ernsteres? Wo führt das hin? Gibt es "das" überhaupt schon? Soll ich es lieber lassen, bevor ich noch verletzt werde?

Adrenalin durchfährt mich und ich Frage mich, ob das Kribbeln im Bauch von den schnellen Kurven kommt oder von ihm.

Meiner Generation wird gern vorgeworfen, dass sie bindungsunfähig sei. Aber soll das die Antwort auf meine Fragen sein? "Gib dich damit zufrieden, dass du es nicht kannst?" Nein! Verlieben muss man doch lernen können, man muss doch darin besser werden können. Ich sage mir dieses Mal bewusst: Lass dich darauf ein. Und mit diesem Vorsatz steigt nicht nur meine Bereitwilligkeit, mich darauf einzulassen, sondern auch der Druck, den ich mir selbst mache – denn ab diesem Moment ist es für mich etwas Ernstes.

Die Leichtigkeiten aus alten Schwarzweißfilmen stellt sich bei mir nicht ein

Ich mache es schließlich so ernst, dass ich meinen Schwestern von ihm erzähle. Als würde ich mich selbst also nicht schon genug in die Mangel nehmen, fangen nun auch sie an zu fragen, wie weit wir denn seien, was sich wie entwickelt und wo das denn alles hinführt. "Ich weiß es selber nicht", ist die unbefriedigende Antwort, die ich nicht nur ihnen, sondern schließlich auch mir selbst geben muss. Diese Zweifel und Fragen bestärken mich nicht darin zu wissen, was ich gerade fühle und ob das jetzt schon Verlieben ist. Vielleicht kommt das Kribbeln im Bauch auch von dem Joghurt, den ich gerade gegessen habe und der eh nicht mehr ganz frisch aussah.

Vielleicht kommt das Kribbeln im Bauch auch von dem Joghurt, der eh nicht mehr ganz frisch aussah.

Die Leichtigkeiten aus alten Schwarzweißfilmen stellt sich bei mir nicht ein. "Auf mein Gefühl verlassen", sagen doch immer alle. Die nächsten Male, die wir uns treffen, bin ich so darauf fokussiert, wie ich mich gerade fühle, dass ich ihm manchmal gar nicht richtig zuhöre. Nachhaltig ist das nicht. Zudem bin ich verunsichert, wie sich Verlieben wirklich anfühlen "soll". Ist es immer gleich oder ist es wie der Moment, den ich zerstöre, wenn ich darüber nachdenke?

Am Ende stelle ich ganz klar fest, dass Verlieben für jeden anders ist. Allein deswegen sind die immer gleichen Romanzen und Liebeleien über Generationen von Filmgeschichte hinweg nicht förderlich. Sie geben uns ein stigmatisiertes Bild von dem, was für uns mit das Schönste auf der Welt sein soll.

Durch Meditation zum Verlieben

Ein anderer Freitagabend, ein anderer Film. Eat.Pray.Love. Der Film dreht sich viel um Selbstfindung, Balance und am Ende, wie sollte es bei einem Film von Julia Roberts auch anders sein, um die Liebe. Lieben und Verlieben sind zwei verschiedene Dinge. Und doch habe ich das Gefühl, dass etwas dran ist an der Theorie, dass man erst die Balance mit sich selbst finden muss, um sich ganz auf jemand anderes einzulassen. Im Film beschäftigt Julia Roberts sich lange Zeit auf verschiedene Weisen mit sich selbst. Essen und Beten helfen ihr, sich selbst zu finden und Liebe zuzulassen. Auch wenn ich nicht nach Indien, Italien und Bali reisen kann, will ich es doch versuchen!

Über die nächsten Tage probiere ich viele Apps wie Headspace und Asana Rebel aus. Meditation und Yoga sollen mir dabei helfen, mich beruhigter auf "das Verlieben" einzulassen. Ein bisschen klischeehaft, ich weiß. Aber siehe da, es funktioniert. Je länger ich meditiere, desto mehr entspannen sich meine Gedanken. Die Fragen in meinem Kopf werden weniger, auch wenn sie noch nicht beantwortet sind, aber ich habe das erste Mal das Gefühl, dass sich viel fügen wird.

Yoga hilft mir auf der anderen Seite, die psychischen Anspannungen, die sich auch auf meine Muskeln übertragen haben, zu lösen und damit nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Gedanken und Einstellungen gegenüber meinen Gefühlen zu entspannen. Der Druck, den Filme und Gesellschaft aufgebaut haben, fällt von meinen Schultern und ich kann anfangen herauszufinden, wie verlieben für mich funktioniert.

Wann das Verlieben jetzt angefangen hat, weiß ich nicht. Es hat mich nicht überrollt wie in den alten Filmen, es hat mich nicht wie ein Gefühlsorkan mitgerissen. Es war eher ein schleichender Prozess, der irgendwann darin endete, dass ich ihn angesehen habe und gemerkt habe, wie sich ein breites, wohliges und wahrhaftiges Lächeln auf meinem Gesicht ausgebreitet hat. Jedes Mal, wenn wir zusammen sind, geht es mir ein kleines bisschen besser als zuvor – und das ist für mich Verlieben. So facettenreich wie Verlieben also ist, sollte es auch in Filmen dargestellt werden. Bisher kann ich mich immer noch mit keinem identifizieren. Aber dieser Sprung ins Ungewisse war es allemal wert: Denn was danach kam, war besser als in jedem Film.

Jedes Mal, wenn wir zusammen sind, geht es mir ein kleines bisschen besser als zuvor – und das ist für mich Verlieben.
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