Gegen das Stigma: Auf diesem Blog teilen Menschen mit psychischen Krankheiten ihre Geschichten

© Unsplash

Im Jahr 2000 hielten fast 20 Prozent der Deutschen "sich zusammenreißen" und "Schokolade essen" noch für ein geeignetes Mittel gegen Depressionen. Seit ein paar Jahren bekommen psychische Erkrankungen zwar glücklicherweise mehr und mehr Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs, dennoch sind sie für viele Menschen noch immer etwas sehr Abstraktes. Etwas, das irgendwelchen anderen Leuten passiert, das schwer nachzuvollziehen ist und noch immer mit zu vielen Vorurteilen behaftet ist. Dabei sind viel mehr Menschen davon betroffen, als manch einer vielleicht denken mag.

Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die sich trauen, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen und das sogar mit der Öffentlichkeit zu teilen. Eine von ihnen ist die 23-jährige Sammy aus Leipzig. Auf ihrem Instagram-Kanal begann sie im vergangenen Jahr, von ihrem Leben mit verschiedenen psychischen Erkrankungen zu erzählen und sich so auch mit anderen Betroffenen auszutauschen. Sie selbst ist an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt, hat mit Depressionen und einer Angststörung zu kämpfen. Irgendwann reichte ihr der Platz auf Instagram nicht mehr aus, um alles zu erzählen. Also startete sie unter dem Namen Candy Wasteland einen Blog, um einen Ort zu haben, an dem sie selbst und andere ihre Erfahrungen teilen können. "Ich wollte von Anfang an daraus eine interaktive Platform machen, auf der auch andere Erkrankte ihre Erfahrungen teilen können, da es mir gerade in der Vergangenheit sehr geholfen hat, zu hören wie andere mit bestimmten Situationen umgehen", berichtet Sammy.

A post shared by Sammy (@candywasteland) on

Das Projekt liegt ihr sehr am Herzen, denn sie hofft, so dazu beitragen zu können, die Thematik endlich aus der Tabu-Zone zu holen. Dass es noch immer viele Vorurteile gegenüber psychisch erkrankten Menschen gibt, beschäftigt Sammy sehr. "Menschen mit psychischen Erkrankungen merkt man das oft nicht an, da sie gelernt haben, ihre Krankheit zu verstecken", erzählt sie. Dabei ist gerade das unheimlich kontraproduktiv: "Nur durch eine offene Auseinandersetzung mit solchen Problemen kann man erst beginnen, Lösungen zu finden. Außerdem sind wir alle ganz normale Menschen, die studieren, arbeiten und ähnliches."

Gerade weil eine offene Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen so hilfreich für Betroffene und ihr Umfeld ist, ist Sammy die Interaktion auf ihrem Blog wichtig: "Ich bekomme viele Nachrichten von Menschen, die mir sagen, dass ich ihnen die Angst genommen habe sich beispielsweise Hilfe zu suchen. Das gibt mir viel mehr als 300 Likes auf ein Selfie." Es hilft eben zu wissen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist – und wiederum anderen durch das Teilen seiner eigenen Geschichte helfen kann.

Ich glaube, den meisten geht es darum, jemandem zu schreiben, der die Situation auch kennt und auch durchlebt hat.

Die Beiträge auf dem Blog sind in verschiedene Kategorien aufgeteilt. Man findet Geschichten zu Depressionen, Borderline, Angst- und Essstörungen, weitere Beiträge drehen sich um Themen wie Therapie und Medikamente, Büchertipps für Betroffene und Angehörige, Lebenstil, Beziehungen und Selbstliebe. Letzterem hat Sammy eine komplette Beitragsreihe gewidmet: "Ich versuche, mir selbst eine gute Freundin zu sein", berichtet hier zum Beispiel Louisa. "Musik ist eine große Hilfe für mich", erzählt Dominique. Viele berichten davon, wie sie es schafften, sich professionelle Hilfe zu suchen, von langer Therapeutensuche, Klinikaufenthalten und dem Alltag mit ihren jeweiligen Krankheiten.

Kann es nicht auch manchmal belastend sein, mit Geschichten dieser Art tagtäglich konfrontiert zu werden? "Natürlich ist es nicht immer einfach, Nachrichten mit den Problemen anderer zu erhalten, da ich zum einen selbst an manchen Tagen sehr mit mir zu kämpfen habe und ich zudem auch keine professionell ausgebildete Fachkraft in diesem Bereich bin", gibt Sammy zu. Auch wenn sie versucht, so gut sie kann zu helfen und Tipps zu geben, ist das nicht ihr hauptsächlicher Anspruch: "Ich glaube, den meisten geht es darum, jemandem zu schreiben, der die Situation auch kennt und auch durchlebt hat. Alleine das Erzählen hilft vielen."

A post shared by Sammy (@candywasteland) on

Jeder, der möchte, kann seine Geschichte oder Erfahrung in einem Beitrag auf dem Blog teilen – auch anonym. "Ich kann absolut verstehen, dass sich nicht jeder wie ich mit Gesicht und Namen präsentieren möchte. Trotz allem ist es immer ein unglaublicher Schritt, wenn man seine Geschichte einfach auspackt, auch wenn es nur für einen selbst ist."

Neben der Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen gibt es noch ein anderes Thema, das Sammy sehr am Herzen liegt: Musik. In einer neuen Beitragsreihe möchte sie sich deshalb dem Thema psychische Belastungen in der Musikwelt nähern. "Immer wieder hört man mal von Bands, die Touren absagen oder Auszeiten nehmen aufgrund der Belastungen oder Erkrankungen. Im schlimmsten Falls machen dann Meldungen über Suizid die Runde. Wieso es zu so etwas kommt, möchte ich durch diese Beitragsreihe aufzeigen und der ganzen Thematik mehr Aufmerksamkeit geben."

Hier geht's zu Sammys Blog, hier findet sie bei Instagram und Facebook. Wenn ihr eure eigene Geschichte auf Candy Wasteland teilen möchtet, könnt ihr sie unter [email protected] einsenden.

Weiterlesen in Leben
Sags deinen Freunden: