Eure instagramtaugliche #selfcare nervt!

© kevin laminto | Unsplash

Wann habt ihr euch das letzte Mal so richtig entspannt gefühlt? Ohne innerlich eine To-Do-Liste abzuarbeiten oder alle paar Minuten das Handy zu checken? In unserer schnelllebigen Welt ist es wahnsinnig wichtig, sich ab und zu bewusst Auszeiten zu gönnen und den eigenen Akku neu aufzuladen. Dementsprechend ist es in den letzten Monaten besonders auf Instagram zum Trend geworden, fotografisch festzuhalten, dass man sich selbst etwas Gutes tut. Unter Hashtags wie #selfcare, #selfcaresunday oder #selfcarefirst finden sich inzwischen über 6 Millionen Posts. Das typische Bild: ein ausgiebiges Schaumbad, Maniküre, Pediküre, Duftkerzen, Sushi oder irgendeine healthy Bowl und ein gutes Buch.

Dass selbst unsere Freizeit manchmal mehr Stress als Erholung bringt, ist längst kein unbekanntes Phänomen mehr. Wenn wir frei haben, müssen wir die Zeit ja "sinnvoll nutzen", um zum Sport zu gehen, mit Freunden zu brunchen und schon wieder die Afterhour im Berghain mitzunehmen, um ja nichts zu verpassen. Was wir in unserer Freizeit treiben, ist schon lange zum Statussymbol geworden: Du kannst doch keinem erzählen, dass du den ganzen Sonntag nur zuhause rumgehangen und ferngesehen hast, du musst in mindestens einer tollen Ausstellung, beim Yoga und abends noch im Theater gewesen sein.

Selbstoptimierung ist alles – auch, wenn wir eigentlich nur chillen wollen

Mit dem Trend, seine "Selfcare-Days" öffentlich zur Schau zu stellen, schien genau das auf einmal möglich: Zu sagen, dass man sich "mal ein wenig Zeit für sich selbst gegönnt" hat. Das klingt doch gleich viel besser als "Ich bin heute nur zwischen Sofa und Kühlschrank hin- und hergelaufen." Tatsächlich ist es nur konsequent, dass sich die allgegenwärtige Selbstoptimierung, die sich in all unsere Lebensbereiche einschleicht, auch hier ausbreitet. Wenn jetzt sogar die Zeit, die wir angeblich wirklich nur für uns selbst nutzen wollen, dieser Selbstoptimierung zum Opfer fällt, erfüllt sie dann wirklich noch ihren eigentlichen Zweck?

Denn wenn man sich dann mal Zeit für sich nimmt, kommt man kaum hinterher mit all den tollen Sachen, die man für sich selbst tun kann. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass jede Minute des freien Sonntags einen tieferen Sinn erfüllen soll und ich mich jetzt unbedingt SO RICHTIG KRASS ENTSPANNEN muss – funktioniert das dann überhaupt? Sorry, ich bin gestresst von Achtsamkeitsübungen, die meisten Duftkerzen stinken nach Oma-Parfüm und wöchentliche Spa-Besuche kann ich mir eh nicht leisten. Comfort food sieht sowieso selten schön auf Fotos aus.

Zu Selfcare gehört mehr als Spa und Maniküre

Um es nochmal zu betonen: Ja, es ist wahnsinnig sinnvoll und wichtig, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, wenn man sie braucht, und es kann definitiv helfen, sich bewusst vorzunehmen, heute mal abzuschalten. Es kann aber eben auch "Selfcare" sein, den ganzen Sonntag im fleckigen XXL-Shirt im Bett zu verbringen, ohne dabei ein einziges Selfie zu machen. Oder drei Staffeln einer Serie zu bingewatchen, die man schon zig Mal gesehen hat und auswendig mitsprechen kann, anstatt die preisgekrönten Independent-Filme und gesellschaftlich relevanten Dokumentationen von der Netflix-Watchlist abzuarbeiten. Und vor allem gehören zu Selfcare noch viel banalere Dinge: Dinge, die einem nicht der Rede wert zu sein scheinen, wie regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen, sich ein schönes Umfeld zu schaffen und auf seine Gesundheit zu achten. Klingt super boring und sieht auch nicht schön aus, aber hey, das muss es eben auch nicht. Und manchmal ist die beste Selfcare einfach, zehn Stunden lang zu schlafen.

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