Der Modehändler Zalando okkupiert Stück für Stück Friedrichshain-Kreuzberg

© Wiebke Jann

Das einstige "Centrum"-Warenhaus am Ostbahnhof hat schon bessere Tage gesehen. Bis auf das Beton-Gerippe ist der zuletzt von Kaufhof genutzte Klotz im Herzen Friedrichshains mittlerweile entschlackt worden. Noch lässt sich nicht erahnen, was die Zukunft für das geschichtsträchtige Gebäude bereithält. Doch die Pläne für die Neunutzung des Hauses sind konkreter, als es den Anschein erweckt. Sobald die Umbauarbeiten abgeschlossen, das Gebäude im wahrsten Wortsinne "aufgeschnitten", vollverglast, in einen grünen Park eingebettet und somit vermeintlich zukunftstauglich gemacht ist, wird als Hauptmieter Zalando einziehen.

Mit dem ehemaligen Kaufhof-Vorzeigeobjekt wird Zalando einen weiteren Teil von Friedrichshain-Kreuzberg okkupieren. Der Online-Modehändler hat sich auf den Bezirk eingeschossen: Die Firmenzentrale befindet sich in der Tamara-Danz-Straße, weitere Büros in der Valeska-Gert-Straße, dem „M_Eins“ am Stralauer Platz und im Postbahnhof. Als nächstes soll der Zalando-Campus am Ostbahnhof fertiggestellt werden, es folgt das umstrittene Cuvry-Areal sowie als neuster Clou eben das ehemalige "Centrum"-Warenhaus.

Zalando wird den Bezirk auf lange Sicht verändern

Von weltweit 15.000 Mitarbeitern sind mehr als 6000 in Berlin angestellt – und wenn es nach der Geschäftsführung des Mode-Imperiums geht, sollen es noch viel mehr werden. Was aber passiert mit einem Bezirk, der immer stärker von einem einzelnen Unternehmen belagert wird, das hunderten, tausenden junger Menschen einen Job bietet? Wird die Dominanz sich auf die Kiezstruktur auswirken? Werden andere Händler, ja sogar Anwohner kontinuierlich vertrieben, steigen die Mieten im Umfeld immer weiter? Von all dem ist aufzugehen.

Zugleich ist überhaupt nicht absehbar, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. Gerade erst wurde bekannt, dass rund 200 Marketing-Spezialisten entlassen werden sollen – ihre Aufgaben übernehmen künftig Computer. Zeitgleich sollen hunderte neue IT-Spezialisten eingestellt werden. Das Geschäft ist schnellebig – auch wenn eine Kehrtwende nicht in Sicht ist, könnte es im digitalen Zeitalter jederzeit zu einer Kehrtwende kommen. Und dann?

Dazu kommt noch die fehlende Durchmischung. Ein Kiez, der zu großen Teilen aus Büros besteht, ist faktisch tot. Kein Berliner verirrt sich an den Potsdamer Platz. Auch wenn der Umsatz im Kaufhof zuletzt nicht die Erwartungen der Betreiber entsprach, war der Ort dennoch für die Menschen erreichbar, als Shopping-Mall der alten Schule. Zalandos Büros sind anders. Die Mitarbeiter kommen morgens, abends sind sie weg. Was den Anwohnern bleibt, sind leere Büros und gespenstische Stille. Das kann keiner wollen.

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