Bitte nicht schubsen, ich bin sensibel

© Maria Anna Schwarzberg

Maria Anna Schwarzberg ist Autorin und Podcasterin, die sich dem Thema Sensibilität verschrieben hat. Jede Woche könnt ihr in einer neuen Podcast-Folge einen anderen Aspekt von Sensibilität kennenlernen, zudem gibt es nun ein Buchprojekt: Um den Sammelband "We are proud to be Sensibelchen" mit Texten diverser Autoren zu realisieren, sammeln Maria Anna und ihre Freunde auf der Plattform Startnext Geld, insgesamt 25.000 Euro. Ein großer Batzen ist bereits zusammengekommen, doch noch fehlt ein bisschen. Ihr wollt mehr über Maria Anna Schwarzberg und ihr Buchprojekt erfahren? Dann besucht ihren Blog oder schnuppert doch mal das Kapitel "Ich bin anders" rein, das Maria Anna uns für euch zur Verfügung gestellt hat!

Ich bin anders

© Maria Anna Schwarzberg

Ich sitze in Übergangsjacke und Cordhose zwischen bunten Blättern und mit einem Eimer im Sandkasten und schaue zu den anderen Kindern hinüber, die gerade Sandkuchen backen und sich diese gegenseitig verkaufen. Und ich möchte nichts lieber als mitzumachen. Genau genommen möchte ich nichts lieber, als dass sie mich fragen, ob ich mitmachen möchte. Nur glaube ich nicht wirklich daran, dass sie es tun; sie lachen schon wieder, bestimmt über mich. Liegt es an der Cordhose? Nein, es liegt auf jeden Fall an mir. Ich bin ja auch immer die Einzige, die mittags nicht schlafen, dafür aber lesen und zumindest fast ihren Namen schreiben kann. MaRia.

Ich wende traurig den Blick in die andere Richtung und sehe, dass einige Kinder mittlerweile auf der Wippe sind. Ich stehe auf und gehe zu ihnen, dieses Mal, ja dieses Mal frage ich einfach, ob ich mitmachen kann. "Maria, möchtest du nicht auch mit auf die Wippe? Schau mal, da drüben fehlt noch jemand, damit es auf beiden Seiten aufgeht, ja?", kommt mir die Kindergärtnerin zuvor und ich setze mich hinter ihre Tochter auf das hintere Ende der Wippe. Anfangs macht es noch Spaß, doch nach kurzer Zeit bekomme ich Kopfschmerzen von dem Geschaukel und dem Gebrülle. Ich springe von der Wippe und das Geschrei verändert sich. Ich drehe mich beim Weggehen um und sehe, dass das Mädchen, das eben noch vor mir gesessen hat, auf dem Boden liegt und weint. Gelähmt vor Schreck weiß ich nicht, was ich tun soll, zu reden traue ich mich nicht. Brauche ich auch nicht, das übernimmt dann kurzerhand die Kindergärtnerin für mich, die mir lautstark vorwirft, dass ich ihre Tochter vorsätzlich von der Wippe gestoßen haben soll, und mich fragt, warum ich denn bitte nicht einmal, nur einmal wie die anderen Kinder spielen kann.

Sie setzt mich auf einen Baumstamm und sagt mir, dass ich dort sitzen bleiben soll, während die anderen reingehen. So sitze ich da also und frage mich, was ich genau falsch gemacht habe, was genau ich hätte anders machen können und warum das Mädchen denn nun auf der Erde lag. Immer wieder spiele ich die Erinnerung im Kopf durch und gerade, als mir auffällt, dass ohne mich das Gewicht wohl zu gering war, sodass sie mit dem Schwung von der Wippe kopfüber von selbiger flog, sehe ich meine Mutter durch das Tor zum Kindergarten kommen. Ein Blick auf mich, dann geht sie in den Gruppenraum. Ich meine zu hören, dass sie schreit, aber sicher bin ich mir nicht, irgendwer schreit hier ja immer rum, und denke mir: Super, dieses Kind mag mich dann wohl auch nicht mehr. Dann kommt meine Mama raus und nimmt mich mit.

Vor dem "Es wird besser" kommt erstmal noch der Schmerz, der dich richtig in die Knie zwingt

"Siehst du das?", fragt mich meine persönliche Trainierin und redet schon weiter: "Maria, die vier Jahre alt ist, glaubt wirklich, sie glaubt wirklich, dass niemand sie gern hat." Ich schluchze, eigentlich schon, seit ich zehn Meter weiter zurück auf diesem mit meinen persönlichen Erlebnissen bepinnten Zeitstrahl stand und in meinem Kopf wieder vierzehn war. Da dachte ich auch schon oder eher immer noch, dass ich nicht beliebt, ungeliebt bin.

Ich, Maria, die 28 ist, stehe auf einer Wiese in einem Garten, der nicht meiner ist, neben einem Menschen, den ich kaum kenne und der sich trotzdem ein Herz gefasst hast, mir zu helfen. Eine ganze Woche, so lang wie das Seminar zur persönlichen Weiterentwicklung schon geht, auf dem wir sind, bietet sie mir ihre Hilfe an, um auf der vermaledeiten Suche nach mir selbst meine Vergangeheit mental erkunden zu können. Sie bietet mir diese Hilfe auf diese Art an, dass du nicht Nein sagen kannst, weil du selbst weißt, dass dir der Vorschlag helfen könnte, obwohl du gern Nein sagen würdest, weil du auch weißt, dass bis zu "Es wird besser" erstmal noch der Schmerz kommt, der dich richtig in die Knie zwingt. Ebenjener hat gerade die gefühlt sechste Spitze erreicht, von der ich hoffe, dass sie die höchste ist und dass damit das gute Ende naht. Losgelaufen bin ich in diesem Garten vor mehr als einer Stunde, in kleinen Schritten auf meinem imaginären Zeitstrahl, der meine Vergangenheit repräsentieren soll. Zugelaufen bin ich auf eine Hecke und einen ziemlich heißen Typen, von dem ich hoffte, dass er ginge, bevor der Kloß in meinem Hals seinen tränenreichen Weg nach oben fände. Er ging und so nahm dieser Weg, barfuß über noch etwas nasse Erde und saftig grünen Rasen, seinen Anfang. Mein Herz schlägt mir schon den ganzen Tag bis zum Hals und obwohl ich weiß, dass es das Richtige ist, was ich tue, dass es mich wieder einen Schritt nach vorn und näher zu mir bringen wird auf diesem scheinbar ewig anhaltenden Weg zu Endlich-wieder-glücklich-Sein, laufe ich zunächst – wie üblich – davon.

© Maria Anna Schwarzberg

Das Gefühl, mich verloren zu haben, blieb unbeirrt

Zweieinhalb Jahre liegt mein Burn-out zurück, und während ich am Tag des Zusammenbruchs noch dachte, dass ich nach etwas Schlaf am nächsten Tag wieder fit wäre, und in jeder der folgenden Wochen, dass die darauf folgende die erlösende wäre, in der einfach wieder alles okay wäre, in den Monaten danach dann, dass wenn die Therapie vorbei wäre, ich dann bestimmt wieder hergestellt wäre. Hergestellt war gleichbedeutend mit sorgenfrei und gelassen: Vor dem Frühstück schon an der frischen Luft sein, überhaupt frühstücken, genug Zeit zum Karten schreiben haben, zum Hier-mal-noch-kurz-abbiegen-um-Blumen-zu-kaufen, beim Lieblingsbäcker gekauften Kuchen in der Tasche, Lächeln im Gesicht. Nur stellte sich dieser Zustand, nach dem ich mich so sehr sehnte, nicht wieder dauerhaft ein. Er kam immer mal kurz vorbei, vielleicht auch länger, aber das Gefühl, mich verloren zu haben, zu oft falsch abgebogen zu sein und in einem Leben zu stecken, das mir wie ein falsches Kleid einfach nicht zu passen schien, das blieb unbeirrt. Und so endete die Therapie und ich war doch nicht gesund. Aber krank, so richtig mit Schüttelfrost und Im-Bett-bleiben, war ich eben auch nicht. Auch wenn das mein liebster Ort geworden war: mein Bett. Kopfschmerzen hatte ich auch ständig, also wohl doch krank. Nur eben nicht nach medizinischen Standards.

Ich stehe am Schlafzimmerfenster meiner Mutter und sehe nach draußen. Meine Füße sind kalt, meine Nase vom Plattdrücken an der Scheibe auch. Draußen ist es dunkel, nur die Straßenlaternen beleuchten die leeren Straßen und gerade wieder begrünten Bäume. Wie lange ich hier schon stehe, das weiß ich nicht. Aber ich muss weiterzählen, denn wenn ich das nächste Mal 20 Autos gezählt habe, dann wird meine Mama in einem von ihnen gewesen sein, dann wird sie nach Hause kommen. Zwischendurch beobachte ich die Straße und die Hauptstraße, in die sie mündet. Die Ampel, wie sie grün, gelb, rot, gelb, dann wieder grün wird, Menschen, die vorüber gehen und Autos die vorbei fahren und immer dann, wenn eines in unsere Straße biegt, zähle ich weiter. Bei den letzten 20 und auch bei den paar davor war sie nicht dabei, also beginne ich wieder von vorn, denn weiter als 20 kann ich noch nicht so gut zählen und ab da erscheint mir die Zeit auch so lang, dass ich ungeduldig werde. Wieder biegt ein Auto ein, ich erkenne schon an den Scheinwerfern und dem Fahrstil, dass es meine Mama ist, erkenne sie, als sie unter der Straßenlaterne durchfährt, sehe, wie sie auf der Straße rückwärts einparkt, und laufe in mein Zimmer, damit sie, wenn sie in die Wohnung kommt, sieht, dass ich brav geschlafen habe und sie sich keine Sorgen machen muss. Mein Herz schlägt so schnell, als ich ihren Schlüssel im Schloss höre und ihre leisen Schritte im Flur. Noch bevor sie ihre Jacke ausgezogen hat, schaut sie in mein Zimmer, das weiß ich, denn das macht sie immer so. Dann, wenn sie sich versichert hat, dass bei mir alles ruhig ist, geht sie ins Schlafzimmer, nicht wissend, dass ich mir eben noch in genau diesem Raum die immer gleichen Fragen gestellt habe: Warum ist meine Mama nicht da? Wo fährt sie hin? Wieso dauert das so lange? Wann kommt sie wieder? Wer ist so wichtig, dass sie nicht hier bei mir ist sondern irgendwo anders? Und was kann ich tun, damit sie bleibt?

© Maria Anna Schwarzberg

Nicht jeder Mensch ist so verdammt sensibel

Als ich die Augen öffne, muss sie mich nicht fragen, ob ich sehe, dass ich mich nicht genug geliebt fühlte. Ich weiß es, ich kann den Herzschlag von Maria, die nicht älter als sechs sein konnte, immer noch in meiner Brust spüren, wie er schmerzhaft den ganzen Raum bis zum Zwerchfell und dem Schlüsselnbein einnimmt, dass es wehtut. Diese Geschichte und die anderen, die ich davor in diesem Garten durchlaufen habe, die, in der ich in der Mittelschule vor Mitschülern aufs Klo geflohen war, die, in der ich auf dem Gymnasium laut und kalt wurde, um alle auf Abstand zu halten, die, in der ich in der Oberstufe, mit Perfektion und Selbstaufgabe tatsächlich Freunde fand und im Studium schon so weit weg von mir war, dass ich immer mehr und mehr leisten wollte – sie alle haben diesen einen roten Faden, der sich durchzieht: Ich bin nicht genug. Ich reiche nicht aus, dass mich jemand lieben könnte, dass ich liebenswert wäre. Ich allein, ich bin niemals nicht genug, also muss ich höher und weiter und schneller gehen, über meine Grenzen und selbst über die von anderen hinaus, um gesehen und gehört zu werden. Anerkennung ist Liebe – und von der habe ich nicht genug. Genug aber von diesem Körper und diesem Gehirn, das so viel will und braucht, wofür ich keine Zeit habe. Denn ich muss weiterlaufen zum wenn, damit ich dann glücklich werden kann.

Und das ist der Kern von sich anders fühlen, von falsch sein, von nie so richtig rein passen, aber auch nicht ganz außen vor sein, von so viel fühlen und denken, nur nie auf den Gedanken kommen, dass das, was ich denke, nicht alle denken, dass das, was ich fühle, nicht alle fühlen. Dass eben nicht jeder Mensch so verdammt sensibel ist, dass er jedes Lachen, jeden menschlichen Fehler, nicht nur die eigenen, gleich alle, jeden vergessenen Anruf, die fehlende Berührung, die nicht geteilte Zeit auf sich bezieht, so wie ich es mir in meinem Kopf schwarz ausmale. Genau aus dieser dunklen Ecke, in der ich die nicht so schönen Gedanken und Erlebnisse sorgfältig gestapelt habe, kommt der kürzere und leichter als diese Geschichten über die Lippen gehende Satz: "Ich bin anders", von dem ich heute weiß, dass so viel mehr Menschen ihn kennen.

Wahrscheinlich kennt ihn auch dieses andere Kind, das die Wippe (übrigens unverletzt) herabgestürzt ist, die Kindergärtnerin, die auch nur eine Mutter und in dieser Rolle besorgt und überfordert mit der Situation war, und meine Mama, die als junge und alleinerziehende Frau natürlich auch Zeit für sich und andere Menschen als immer nur mich brauchte. Was ich mich aber heute im Gegensatz zu meinem jüngeren Ich, das stets sich selbst als Verursacher von Problemen sah und größere Zusammenhänge noch nicht reflektieren konnte, frage, ist: Warum soll anders auch gleich falsch sein? Anders, ja, nach gesellschaftlichen Normen, aber falsch? Doch nur nach meinen eigenen. Und die kann ich ändern.

Ich allein, ich bin niemals nicht genug, also muss ich höher und weiter und schneller gehen, über meine Grenzen und selbst über die von anderen hinaus, um gesehen und gehört zu werden. Anerkennung ist Liebe – und von der habe ich nicht genug.
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