Schön assi, aber entspannt – Ein Tag im Neuköllner Columbiabad

© Clint Lukas
Achtung, hier eine Durchsage: Zum letzten Mal, wer seine Unterwäsche unter der Badekleidung trägt, wird des Bades verwiesen. NOCH könnt ihr sie freiwillig ausziehen. Aber wen wir ab jetzt erwischen, der muss gehen!
Ansager im Columbiabad

Es gilt als Pendant zur Rütli-Schule, als das krasseste Freibad der Stadt, in dem Polizei-Einsätze an der Tagesordnung sind: Das Sommerbad Neukölln am Columbiadamm. Bei Youtube findet man mühelos die Videos der Sprungturm-Stürmungen, auf denen sich ein apokalyptischer Mob von Halbstarken in die Schwimmbecken ergießt. Und wehe den Bademeistern, die sich diesem Inferno in den Weg stellen.

Krasser als die Rütli-Schule

Auch die berühmt-berüchtigten „Großfamilien“ nutzen das Schwimmbad immer gern für das Austragen ihrer Differenzen. Und prügeln sich gegenseitig so lange die Scheiße aus den Knochen, bis die Bullen endlich den Laden dicht machen. Um dem entgegen zu wirken, werden inzwischen ab 15 Uhr überhaupt keine männlichen Jugendlichen mehr eingelassen. Trupps von Sicherheitsleuten und Konfliktlotsen patrouillieren mit der Waffe im Anschlag.

© Clint Lukas

So ungefähr stellt sich mir die Lage in Medien und dem Gossip von Freunden dar. Höchste Zeit, um der Sache mal auf den Grund zu gehen. Für den Fall, dass es dort wirklich derart gefährlich ist, nehme ich meine Tochter mit. Es ist nämlich wie mit dem Kinderfest am 1. Mai in der Kollwitzstraße: Das wurde in den 2000er Jahren vor allem deshalb ins Leben gerufen, um die Züge von Randalierern abzuhalten. Wer greift schon Kinder an? Eine findige Taktik, die selbst der IS in Mossul angewendet hat. Also muss auch meine Tochter als menschlicher Schutzschild herhalten.

Meine Tochter muss als menschlicher Schutzschild herhalten

Nachdem wir den Security-Check passiert haben und unsere Taschen auf Waffen und Glasflaschen abgetastet wurden, betreten wir ehrfürchtig das Krisengebiet. Es ist Samstagmittag und schon so heiß, dass man deshalb gereizt sein könnte. Bereits nach wenigen Metern kommen uns zwei Sicherheitsleute entgegen, zwischen ihnen ein etwa 10-jähriger Junge, der bedröppelt zu Boden stiert.

„Bruder, das kannst du nicht machen“, redet einer der Wachmänner sanft auf ihn ein. „Wenn sowas passiert, komm zu uns, dann schmeißen wir die Typen raus. Aber greif' sie nicht einfach an und hör vor allem auf, mit einer Metallstange um dich zu schlagen. Mal ehrlich, was ist los mit dir, Digga? Merk dir’s für nächstes Mal. Okay? Komm gut nach Hause.“

Aber greif' sie nicht einfach an und hör vor allem auf, mit einer Metallstange um dich zu schlagen.
Security im Columbiabad

Am Durchgang zur Liegeweise müssen wir uns durch eine Gruppe rauchender Familienväter drängeln. Die Augenlider hängen ihnen tief ins Gesicht.

„Papa, warum riecht’s hier so süß?“, fragt meine Tochter.
„Weil die Männer da Gras rauchen.“

Wir schlagen unser Lager unter einem der Bäume auf. Links von uns betet ein Typ im Lotussitz die Sonne an. Genau vor uns wütet eine Gemeinschaft von Frauen und Kindern, die schwer nach „Großfamilie“ aussehen. Liegestühle, Kühlboxen, Plastiktüten voller Fressalien. Die Mädchen helfen beim Aufbauen, während die Jungs Sprüche klopfen oder sich gegenseitig mit stumpfen Gegenständen die Schädel einschlagen.

Zwischen Großfamilien und Yogis

Meine Tochter drängt mich zum Kinderbecken. Ich will es mal augenzwinkernd als voll beschreiben. Genau genommen sieht man überhaupt kein Wasser mehr. Dabei sind es nicht nur Kinder, die sich hier drängen. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Vätern liegt ausgestreckt im flachen, pisswarmen Wasser. Ich erkenne unter ihnen die Kiffer von vorhin wieder. Zufrieden dümpeln sie in der Brühe.

„Und hier nochmal eine Durchsage für den Kinderbereich. Bitte ALLE Erwachsenen jetzt mal aus dem Wasser kommen. Wir haben’s vorhin schon gesagt. Packt bitte eure Sachen und geht, das Becken ist für die Kinder da!“

Dabei sind es nicht nur Kinder, die sich hier drängen. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Vätern liegt ausgestreckt im flachen, pisswarmen Wasser.

Als ich mit meiner Tochter am Sprungturm stehe, versuche ich halbwegs unauffällig ein paar Bilder zu machen. Sie schaut derweil mit offenem Mund den Kindern zu, die sich bis aufs 10-Meter-Brett wagen und dann auch noch so wahnsinnig sind, runterzuspringen. Ich habe gerade zum zweiten Mal den Auslöser betätigt, als zwei Bademeister neben mir aus dem Boden wachsen.

„Wat wird’n dit, wenn’s fertich ist?“
„Öhhh…“, sag ich.
„Aber janz schnell weg die Kamera, sonst ist hier für heute Feierabend.“
„Ich wollte nur ein paar Dick-Pics machen. Für mein LinkedIn-Profil.“
„Fotografieren ist hier drin streng verboten.“

© Clint Lukas

Da es am Sprungturm heute keine Eskalationen zu geben scheint, gehen wir weiter zum Mehrzweckbecken. Berlins längste Wasserrutsche schlängelt sich hier ins Wasser. Und obwohl dort ungefähr dreihundert Menschen anstehen, scheint alles friedlich zu sein. Geduldig wie die Buddhas warten sie auf ihren Turn.

„Achtung, eine Durchsage: Der 7-jährige Cevher steht hier beim Bademeister und möchte von seiner Mutter abgeholt werden. Wir können es Ihnen nicht oft genug sagen: Bitte schauen Sie, wo Ihre Kinder sind. Der kleine Cevher will von seiner Mutter abgeholt werden.“

Wie überall in Berlin: Voll, aber entspannt

Ich beobachte, wie die Gerufene unter den missbilligenden Blicken der anderen Badegäste zu Kreuze kriecht. Man könnte sich in diesem Moment fragen, wo Cevhers Vater steckt und warum der nicht seinen Sohn abholt? Aber ich kenne bereits die Antwort: Er liegt bekifft im Kinderbecken und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen.

Immerhin prügelt er sich nicht mit anderen Familienvätern. Oder steht auf dem Sprungturm und versohlt einen Bademeister mit seinen Flipflops. Anscheinend geht die Deeskalationstaktik der Bäderbetriebe ganz gut auf. Meine Tochter und ich sind jedenfalls den ganzen Tag über tiefenentspannt. Liegt vielleicht am passiven Grasgenuss. Oder dass die einschlägigen Medien mal wieder maßlos übertrieben haben.

Anscheinend geht die Deeskalationstaktik der Bäderbetriebe ganz gut auf.
Weiterlesen in Stadt
Sags deinen Freunden: