Ironie als Selbstschutz – Warum wir wieder mehr zu uns selbst stehen sollten

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Es ist ein ganz normaler Abend mit ein paar Freunden. Wir sitzen zusammen, essen und quatschen. Wir tauschen uns über die neuesten Ereignisse in unserem Leben aus oder erzählen Geschichten, die wir erlebt und die uns bewegt haben. Wir teilen Ideen und Eindrücke und auch Gefühle miteinander. Und wir pöbeln. Sarkastische Anmerkungen, ironische Witze und kleine Sticheleien. Wir kennen uns so gut, dass wir über die Schwächen der anderen genau Bescheid wissen. Und dieses Wissen wird hemmungslos ausgenutzt, um Witze auf Kosten der anderen zu machen.

"Ich liebe verbale “Fights” und dabei darf das Niveau auch gerne etwas flacher sein. Die freundschaftliche Pöbelei funktioniert deshalb so gut, weil wir uns genau kennen und wir unsere Grenzen nicht überschreiten. Das Gefühl von Menschen umgeben zu sein, die mich und meine Schwächen einerseits genau kennen und denen ich andererseits jeder Zeit komplett vertrauen kann, gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Jede und jeder von uns hat Schwächen, die uns insbesondere dann angreifbar machen, wenn wir mit unserem eigenen Verhalten nicht zufrieden sind.

Mir haben die Wortschlachten mit meinen Freunden geholfen meine eigenen Fehler zu relativieren und mich selbst besser zu akzeptieren, wie ich bin. Ich kann sehr gut über mich lachen. Selbstironie rules!

Ironie in allen Lebensbereichen

In unserer Ironie machen wir aber bei uns selbst noch lange nicht Halt. Gefühlt infiltriert sie die meisten unserer Lebensbereichen. Wir sagen “Gönn dir” oder “läuft bei dir” oder “fly sein”, natürlich nur ironisch. Denn eigentlich finden wir die Wahl des Jugendwortes lächerlich. Wir feiern KIZ oder Money Boy. Das sind zwar im Grunde keine wirklich guten Rapper oder Musiker, aber das müssen sie auch nicht sein. Denn mit ihrer Ironie auf das Musikgeschäft und die Welt im Allgemeinen, zeigen sie nur auf, wie es wirklich läuft. Und wir finden sie im Grunde auch nur ironisch geil. Doppelte Ironie quasi.

Ironie ist lustig. Ironie macht Spaß. Ironie ist aber auch elitär. Sie ist nur für die Menschen, die in der Lage sind, den Zusammenhang verstehen zu können.

Die Parodie von Y-TITTY auf Gotyes “Somebody that i used to know” hat bei YouTube über 21 Millionen Klicks. Wir feiern Verarschen und Nachmachen zum Teil mehr als das mit viel Liebe und Leidenschaft geschaffene Original. Damit beziehe ich mich nicht auf Satire, die es zum Ziel hat, auf Probleme und Missstände aufmerksam zu machen oder neue Perspektiven aufzuzeigen. Ich denke aber, dass es deutlich leichter ist, Dinge schlecht zu reden. Besonders in der Anonymität der Kommentarspalten. Oftmals geben Menschen lieber einen ironischer Kommentar ab, als ein tatsächliches konstruktives Feedback zu formulieren.

Ironie ist lustig. Ironie macht Spaß. Ironie ist aber auch elitär. Sie ist nur für die Menschen, die  in der Lage sind, den Zusammenhang verstehen zu können. Mit Ironie grenzen wir uns ab. Wir sind die Insider, wir lachen über die Menschen, die denken, wir würden das ernst meinen.

Wer ironisch ist, hat weniger zu verlieren. Aber wer wenig zu verlieren hat, hat der nicht auch weniger, wofür es sich zu leben lohnt?
- Johann Wolfgang von Goethe

Ironie zerstört die Leidenschaft

So weit, so ironisch. Was ich mich bezüglich dieser Entwicklung aber frage ist: Verlieren wir zwischen all unserem Sarkasmus und der Ironie, nicht auch den Blick für das Wesentliche? Ich habe das Gefühl, die Anzahl der Menschen, die etwas in ihrem Leben mit ganzem Herzen und voller Leidenschaft tun und auch völlig frei von Ironie dazu stehen, wird immer geringer. Das erscheint mir nur logisch, ist doch die Vergleichsmöglichkeit durch das Internet riesig und mit meist nur einem Klick, kann man jemanden auf der Welt finden, der genau das, was man am liebsten tut, viel besser kann. Und wir sind nun einmal am liebsten wirklich richtig gut in den Dingen, die wir gerne tun. Wer frei von Ironie einer wahren Leidenschaft offen folgt, versucht ein Ziel zu erreichen, kann scheitern. Wir verstecken uns hinter unserer Mauer aus Ironie, die zum Teil auch in Zynismus übergeht. So geben wir möglichst wenig über uns preis. Wer ironisch ist, hat weniger zu verlieren. Aber wer wenig zu verlieren hat, hat der nicht auch weniger, wofür es sich zu leben lohnt?

Können wir uns selbst dabei noch ernst nehmen?

Es ist einfacher, am Leben mit einer ironischen Distanz teilzunehmen. Wir können uns zurücklehnen auf unser weiches Bett abfedernder Ironie und von dort, aus der Distanz heraus, die Dinge um uns herum spitz kommentieren. Das ist komfortabel und ungefährlich. Doch ich für meinen Teil muss zugeben, immer wenn ich eine Folge der Kultserie Friends schaue und Phoebie erlebe, wie sie mit ihrer ganzen Herzensfreude und Leidenschaft Songs performt (ich meine, sie ist wirklich nicht gut, beim besten Willen nicht), wächst in mir die Überzeugung, dass es genau diese Dinge im Leben sind, die uns glücklich machen. Wenn ich mich von allem, was ich tue, ironisch distanziere, kann ich mich dann selbst noch ernst nehmen? Mit dem was wir sagen, bestimmen wir auch, was wir tatsächlich denken. Wenn wir also immer wieder betont lässig und ironisch kommentieren, was wir in in Wirklichkeit tatsächlich leidenschaftlich gerne tun, können wir es dann noch genießen? Ich werde wohl nie eine Bestseller-Autorin und auch für die Karriere zur Sängerin oder Schauspielerin reicht es nicht. Trotzdem liebe ich es zu schreiben, zu singen und zu schauspielern. Und darum werde ich in Zukunft ganz ohne Selbstironie genau das sagen, wenn jemand mich fragt, was ich so mache.

Ironie ist die letzte Phase der Enttäuschung.
- Anatole France
Buch, Mit Vergnügen, Berlin für alle Lebenslagen