Wie ich in der Ringbahn eine Ehe stiften konnte

© Alex Klopcic | Unsplash

Wenn man täglich mit der Ringbahn durch Berlin fährt, hört man ja so einiges: fremde Telefonate, Beziehungsdramen, Pöbeleien, manchmal auch das ein oder andere Betriebsgeheimnis. Was man eher selten hört, ist ein ausgeprägter kalifornischer Akzent. Deswegen spitze ich auch sofort die Ohren, als genau der durch den Wagon tönt. Ich kenne diese Stimme. Und, hey, ich kenne auch diese Geschichte.

Ich drehe mich in meinem Sitz um. Tatsächlich: Im Mittelgang der Bahn steht, frisch zugestiegen, Daniel. Ich habe ihn schon vor einigen Wochen auf dieser Strecke getroffen und er sieht noch genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung habe: Sonnengegerbte Haut, zottlige kinnlange Haare, ein ebenso wild wuchernder Bart. Wie schon beim letzten Mal trägt er ein ausgefranstes T-Shirt und Surfer-Shorts. Andere Männer könnten so bedrohlich wirken, aber Daniels warme Augen sorgen dafür, dass er eher wie ein freundlicher Bär rüberkommt.

Wenn man täglich mit der Ringbahn fährt, hört man so einiges: fremde Telefonate, Beziehungsdramen, Pöbeleien, das ein oder andere Betriebsgeheimnis.

Gerade ist er dabei, voller Elan seine Geschichte zu erzählen, die mich schon beim unserem ersten Treffen angesprochen hat. Wie so viele andere bittet auch Daniel in der Ringbahn um Spenden. Sein Hintergrund ist allerdings ein anderer: Daniel befindet sich am Ende einer langen Reise. Vor zwei Jahren brach er von Kalifornien aus auf, um die Welt zu sehen und herauszufinden, wie weit er ohne Geld kommen würde. Seine Journey of Peace nennt er es. Sie führte ihn rund um die Welt – und soll jetzt enden.

Die "Journey of Peace" des Kaliforniers Daniel

Nun sammelt Daniel Geld für einen letzten Flug: Er möchte nach Australien reisen, um da seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Außerdem lädt Daniel jeden – Spender oder nicht – dazu ein, auf der Flagge zu unterschreiben, die er seiner Melina mit nach Australien bringen will.

Wie üblich lächelt er breit, während er seine Geschichte erzählt. Ein wenig Anspannung liegt heute aber auch in seinem Gesicht. Die Zeit, erklärt er, würde langsam knapp. Am Sonntag möchte er in Australien landen, um Melina zu ihrem Geburtstag zu überraschen. Noch hat er das nötige Kleingeld allerdings nicht beisammen. Es ist Donnerstag.

Daniel befindet sich am Ende einer langen Reise. Vor zwei Jahren brach er von Kalifornien aus auf, um die Welt zu sehen und herauszufinden, wie weit er ohne Geld kommen würde.

Während Daniel spricht, schlendert er durch den Wagon. Als er mich entdeckt, hält er inne; seine Augen blitzen auf. „Victor! How're you doin', man?“ Ich bin ein bisschen baff. Klar, beim letzten Mal hatten wir uns kurz über meine auffälligen Ringe unterhalten, aber ich hätte trotzdem nicht damit gerechnet, dass er mich direkt wiedererkennt.

Selten hat es sich so gut angefühlt, Geld wegzugeben.

Wir wechseln ein paar Worte, dann setzt Daniel seinen Weg durch den Zug fort. Ich schaue zu. Es läuft ganz gut, aber nicht toll. Viele Leute unterschreiben gern die Flagge. Manche geben Daniel auch ein bisschen Kleingeld; hier einen Euro, da auch mal zwei. Beim letzten Mal war er erfolgreicher, soweit ich mich erinnere. Ich gehe ihm hinterher. Inzwischen ist er fast fertig mit seiner Tour.

„So, how's it going?“, will ich wissen.

Daniel setzt sich in ein leeres Viererabteil. Ich setze mich ihm gegenüber. „It's okay“, antwortet Daniel. „Still a bit short though. And time's running out. If I want to make it in time, I need to book my flight, like, today oder tomorrow.“ Heute oder morgen muss er seinen Flug also buchen, wenn es mit der Geburtstagsüberraschung noch hinhauen soll.

„How much do you need still?“, höre ich mich fragen. Wie viel fehlt dir noch?

„About forty Euros.“

Die Bahn hält. Ich stehe auf. „Come on“, sage ich kurzentschlossen. „There's an ATM downstairs. I wanna give you the forty.“

Daniel macht große Augen. „Really? Oh wow!“ Er begleitet mich aus der S-Bahn. Auf der Straße ziehe ich 50 Euro aus dem Sparkassenautomaten. Selten hat es sich so gut angefühlt, Geld wegzugeben. Daniels Augen leuchten. „Thank you so much, man. That's so cool!“

Jetzt sprudelt es förmlich. Daniel erzählt, dass er seit Wochen jeden Morgen als erstes die Ticketpreise für Flüge nach Australien checkt wie ein Banker die Börsenkurse. Wie sich sein jedes Magen jedes Mal kurz zusammenzieht, wenn der Preis wieder um ein paar Euro angestiegen ist. Nun hat die Zitterpartie ein Ende. Daniel strahlt.

Daniel erzählt, dass er seit Wochen jeden Morgen als erstes die Ticketpreise für Flüge nach Australien checkt wie ein Banker die Börsenkurse.

Am Kiosk besorge ich noch eine Cola für uns – ein Bier lehnt Daniel dankend ab; er trinkt nicht. Wir setzen uns vor dem S-Bahnhof auf eine Bank und ich frage Daniel, wie es überhaupt zu dieser Journey of Peace kam, an deren Ende er sich jetzt befindet. „I was a soldier“, antwortet er schlicht. Zwei Mal war er für die US-Armee im Irak, dann wurde er im Einsatz schwer verletzt und ehrenhaft aus dem Militär entlassen. Danach holte er seinen Wunschabschluss nach – einen Abschluss, den sein Vater als wertlos bezeichnete. „Welchen Abschluss?“, will ich wissen.

„Journalism“, erwidert Daniel. „I've always wanted to be a journalist." Er grinst. "Man, I've got enough stories for the rest of my life after all this."

Ein Journalist. Ich muss grinsen. „Hey, I'm a journalist as well!“ Daniel lacht.

Bis dahin hatte Daniel nur seinen Heimatstaat Kalifornien gesehen, erzählt Daniel weiter – und das Kriegsgebiet Irak. Nun wollte er raus. Und er wollte herausfinden, wie weit er es schaffen könnte, ohne einen Cent Eigenkapital in der Tasche, nur auf die Freundlichkeit von Fremden angewiesen. Am Ende war er selbst überrascht, wie weit er kam. Immer und überall traf er wieder auf Menschen, die ihm halfen – mit Geld, mit Kleidung, mit einer Mitfahrgelegenheit, mit einem Schlafplatz. Eine Gruppe von Ravern gab ihm nachts in der Ringbahn sogar eine Runde Ecstasy aus. Als eine Stunde später in der selben Bahn ein Australier fragte, ob Daniel wüsste, wo man welches bekäme, gab er es weiter. „Berlin!“, lacht er kopfschüttelnd.

Inzwischen ist die Sonne schon fast hinter den Häusern untergegangen. Daniel schreibt mir noch mit Edding seine E-Mail-Adresse auf den Arm, dann marschiert er zurück in Richtung Bahn. Seinen Flug buchen. Ich schaue ihm hinterher, während er die letzten Schritte auf seiner Journey of Peace antritt.

Ich habe genug Storys für den Rest meines Lebens.
Daniel
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