"Warst du mit mir glücklich?“ – Fragen zum Ende einer Beziehung

© Leanne Surfleet | flickr CC BY-NC-ND 2.0

Hektisch stehe ich vom Sofa auf und laufe ins Schlafzimmer meiner Wohnung. Schublade auf, meins, meins, auch meins, Schublade zu. „Atmen, Atmen!“ ruft mein Kopf zwischen Hände, die automatisch nach dem nächsten Ikea-Möbel greifen. Schublade auf, meins, Schublade zu, auf, meins, meins, alles meins, zu.

Gerade noch lag ich ziemlich gefasst auf meinem Sofa, jetzt laufen große Tränen unkontrollierbar über hitzige Wangen, die im 5-Sekunden-Takt pulsieren. „Hier muss doch etwas zu finden sein, etwas musst du doch hinterlassen haben!“, rufe ich innerlich, mein Körper hyperventiliert. „Etwas Praktisches, was zum Umziehen. Ein Shirt, ein Paar Socken, deine geschmacklose Unterhose mit dem aufgedruckten Cowboy-Gürtel.“ Wie ein aufgewühltes Rhinozeros stoße ich die letzte Schublade zu und wälze mich auf die Seite des Bettes, die deine Seite war, auf der Suche nach feinen Geruchsüberbleibseln. Meine Nase wandert. Kissen, Laken, Decke – nichts riecht mehr nach dir oder deinem Deo, nach gemeinsamen Nächten oder unserem Sex. Alles riecht nach mir, mir, mir allein, überzogen mit dem Hauch des Zigaretten-Marathons, den ich seit unserer Trennung zurückgelegt habe und genau wie die Läufer auf der Zielgeraden, fühle auch ich mich plötzlich ganz außer Puste.

Was bleibt?

Schwach und etwas zittrig laufe ich vom Schlafzimmer ins Badezimmer, der Blick über Rasierer, Q-Tips und aus Hotelzimmern geklauten Cremes in Probiergrößen schweifend. Ich finde kein Parfum von dir und auch kein Duschgel. „Kein Wunder“, denke ich, Duschgels habe ich immer spezifisch für unsere Hauttypen gekauft, ohne dass du das wahrscheinlich jemals gemerkt hast. „Sensitive“ für mich und „cool“ für dich. „Was ist das für 1 Zufall vong Beziehung her?“, höre ich das Internet spötteln. Stimmt, ich wollte gefühlig, du wolltest unkompliziert. In der Mitte der Ablage bleibt mein Blick stehen und fixiert deine Zahnbürste, die neben meiner im Becher steht. Sie ist dunkelblau und sieht abgenutzt aus. Ich hätte dir bald eine neue besorgt.

Doch die Zahnbürste ist nicht das einzige Anzeichen dafür, dass wir hier eine Beziehung geführt haben, denn meine Wohnung sieht heute anders aus als noch vor sechs Monaten. Im Bad habe ich eine neue, hellere Lampe angebracht. „Das ist wichtig, damit er sich ordentlich rasieren kann“, dachte ich. Im Wohnzimmer gibt es jetzt Vorhänge zum Rummachen während eines Netflixabends, ohne die Blicke der gegenüberliegenden Nachbarn auf uns zu ziehen. Und gerade zwei Tage vor unserer Trennung habe ich noch Barhocker aus meinem Elternhaus mitgebracht, damit wir endlich in Ruhe am Küchentresen Frühstücken können, bevor wir beide zur Arbeit gehen, mit Espressotassen, die vom Design her zu unseren jeweiligen Persönlichkeiten passen.

Im Wohnzimmer gibt es jetzt Vorhänge zum Rummachen während eines Netflixabends, ohne die Blicke der gegenüberliegenden Nachbarn auf uns zu ziehen.

Semi-psychologische Artikel im Internet beschreiben meinen übermäßigen 50er-Jahre-Hausfrauen-Vorgang neudeutsch als „Nesting“. Die Partner schaffen die Grundlage für eine langfristige Beziehung, für eine gemeinsame Zukunft und Familie. Schlaue Ratgeber sagen weiter, dass Frauen nach einer gewissen Zeit eigentlich immer Nest bauen und schöne „Schatz, ich bin zuhause“-Szenarien in Flash-Forwards sehen. Männer würden Nesting wortlos betreiben und nur dann, wenn sie in einer Beziehung glücklich sind. Klassisch „a man of action“ sozusagen.

Warst du mit mir glücklich?

Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und zünde mir eine Zigarette an „Wahrscheinlich ist das nur so ein Brigitte-Bullshit“, übertöne ich die kritischen Stimmen mit jedem Zug an der Kippe. „Bestimmt ist das viel individueller zu sehen, das macht bestimmt nicht jeder.“

Von meiner eigenen Logik wenig überzeugt, laufe ich zur Küchenzeile, schenke mir ein besonders großes Glas Rotwein ein und hole die Kiste aus dem Regal, die ich seit Beginn unserer Beziehung mit Erinnerungen befüllt habe. Meine Fingerspitzen wandern durch Eintrittskarten für den Tierpark in Friedrichsfelde, süße Polaroid-Bilder und diese eine Notiz, die du mir mal am Spiegel hinterlassen hast. Während Adele im Hintergrund singt, dass da draußen jemand wartet, der genauso gut passen wird wie du, versuche ich dabei fast zwanghaft weiter auf die Tränendrüse zu drücken, doch Trauer ist nicht mehr die Stimmung, die mein Körper fühlen möchte.

Mehr als traurig fühle ich mich ratlos, was hier eigentlich das letzte halbe Jahr passiert ist und was ich irgendwie nicht mitbekommen habe.

Mehr als traurig fühle ich mich ratlos, was hier eigentlich das letzte halbe Jahr passiert ist und was ich irgendwie nicht mitbekommen habe, und betrogen, dass ich in dieser Box Spuren unserer Beziehung gesammelt habe – Spuren, die ich zum Einjährigen oder in Traumvorstellungen bei unserer Hochzeit als Buch gebunden rumgehen lassen wollte, um anwesende Paare neidisch zu machen und Singles in Sinnkrisen zu stürzen. „Die haben einfach von Anfang an zusammengepasst“, hörte ich dann die Gäste beim Durchblättern sagen. „Der eine emotional, der andere geradlinig – eine perfekte Kombination“, hörte ich Verwandte sagen. „Wo ist der Tequila?“, die Sinnkrisen-Singles.

Dass das ein bisschen irre ist, weiß ich, aber ich war so überzeugt wie bei keinem zuvor, dass du meine Person bist und unsere Geschichte meine große "Du liest mir auf einer Parkbank vor, während du über meinen schwangeren Bauch streichst“-Notting-Hill-Liebesgeschichte ist ist.

Habe ich irgendwann den Blick verloren?

Drei Wochen sind vergangen und wir treffen uns auf neutralem Boden im Viktoriapark wieder. Du hattest ein Buch meiner besten Freundin ausgeliehen. „A field guide to getting lost.“ von Rebecca Solnit. Das wollte sie zurück haben und ich mochte die Ausrede, dass sie das zurück haben wollte, damit ich auf den Selbstzerstörungsknopf drücken und dich nochmal sehen kann. Ich habe das Parfum aufgelegt, das du am liebsten magst. Dior, irgendwas mit „wild“ im Titel, um nicht ganz so sensibel zu wirken.

Ich habe das Parfum aufgelegt, das du am liebsten magst. Dior, irgendwas mit „wild“ im Titel, um nicht ganz so sensibel zu wirken.

Mein Kopf ist sich sicher, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, mit dir Schluss zu machen. Ich musste sie treffen, um mir ein bisschen Selbst zu behalten, aber mein Herz will dich noch. „Ich hätte dich die Entscheidung nicht alleine treffen lassen dürfen“, sagst du in meiner Idealvorstellung. „Ich will dich nicht verlieren“, sagst du. „Ich liebe dich auch“, sagst du endlich und lässt mich nicht mehr im Zwischenstadium der unausgesprochenen Gefühle hängen wie eine traurige Plastiktüte, die sich im Geäst einer Baumkrone verfangen hat. Das würde meinem Kopf reichen, ihn von uns beiden erneut zu überzeugen.

Ich sehe dich von ein paar Metern Entfernung. Du wirkst entspannt, trägst eine spießige Jack-Wolfskin-Jacke, deine Haare sind rausgewachsen. Wir reden kühl über unsere letzten Tage und betreiben Small-Talk über neue Arbeitskollegen und das Herbstwetter, so wie das flüchtige Bekannte machen, wenn sie sich alljährlich auf Geburtstagsfeiern von gemeinsamen Freunden treffen. Am Ende, wir sind kurz davor auseinanderzugehen, frage ich dich, ob du etwas Neues gelernt hast, über uns und unsere Beziehung. „Die Entscheidung ist getroffen“, sagst du. „Wir hätten nicht mehr funktioniert, das weiß ich jetzt sicher“, sagst du. „Wir können irgendwann Freunde sein“, sagst du.

Glaubst du das wirklich?

Zuhause zünde ich mir wieder eine Zigarette an, der falsche Revolverheld-Song in meinem Hinterkopf. Ich fühle mich dumm, dass ich dachte, dass du dich doch noch für mich entscheidest, mich vermisst, ich auch deine Person war, du mich und uns zurück willst. Und plötzlich, ein paar Züge später – da spüre ich nichts mehr. Ich sitze auf dem Boden meiner Wohnung und spüre nichts mehr. Nicht, weil mein Herz nichts mehr fühlt, sondern weil keine Hoffnung mehr da ist, dass du doch mein Hugh Grant bist und du mich bei der letzten Frage auf der Pressekonferenz unterbrichst und wissen möchtest, ob ich in London und für immer bleibe. Aber du – du hast abgeschlossen, du hast mehr Kontra als Pro gefunden und ich – ich habe Vorhänge. Vorhänge bleiben.

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