Unterwegs auf den Straßen Berlins – Die Punks von der Oberbaumbrücke

In den letzten 10 Jahren hat sich Berlin krass verändert. Viele Artikel wurden schon darüber geschrieben: steigende Mieten, Gentrifizierung, die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander. Wenn ich auf den Straßen Berlins unterwegs bin, fällt mir besonders auf, dass mir immer mehr obdachlose Menschen begegnen – sei es in Mitte, Friedrichshain, im Prenzlauer Berg, im Tiergarten oder am Zoo. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 7000 bis 10.000 Menschen in Berlin obdachlos sind.

Überquerte man in den letzten Monaten die Oberbaumbrücke, lief man direkt an Punks vorbei, die dort vor Ort in Campingzelten wohnen. Ich habe Einzelne, die dort leben, besucht und kennengelernt. Die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 36 Jahre alt.

© Debora Ruppert

Direkt an der East Side Gallery prallen Extreme aufeinander. Auf der einen Seite die Media Spree mit der Mercedes-Benz-Arena, Zalando, Universal Studios und der neuen East Side Mall, ein Shopping-Center, das gerade gebaut wird. Auf der anderen Seite leben hier Menschen in Zelten auf der Oberbaumbrücke.

© Debora Ruppert

Als erstes lerne ich auf der Oberbaumbrücke Thomas* mit seinem Hund Benny und seinem Kumpel Jens* kennen. Berliner und Touristen gehen an uns vorbei. Manche schauen neugierig herüber, andere sehen demonstrativ weg, etliche hasten eilig vorbei und einzelne werfen Kleingeld in die Büchse. Thomas sagt: „Die Oberbaumbrücke ist ein guter Ort, weil hier viele Leute vorbeikommen, auch Touristen, und manche geben dir etwas Kohle. Duschen können wir beim Weißen Kreuz gegenüber vom Ostbahnhof. Die haben auch 'ne Kleiderkammer, da gibt es frische Unterwäsche und Bundeswehrhemden – die Hemden sind echt gut.“

© Debora Ruppert

Eine Nachbarin in einem Elektrorollstuhl, die nur ein paar Straßen entfernt wohnt, kommt zu Besuch. Jens und sie rauchen eine Kippe zusammen und unterhalten sich darüber, wie extrem sich Berlin verändert hat. Dann fährt sie weiter.

Jens: „Ich habe früher gearbeitet, aber ich habe meinen Körper kaputt gearbeitet. Ich würde gerne wieder arbeiten, aber mein Knie ist kaputt.“

© Debora Ruppert

Thomas: „Meine Frau ist an Leukämie erkrankt. Sie war früher richtig kräftig und dann ist sie immer, immer schmaler geworden, am Schluss hat sie nur noch knapp 40 kg gewogen. Ich habe sie dann auf den Armen getragen, weil sie zu schwach zum Laufen war. Nachdem wir vier Jahre verheiratet waren, ist sie gestorben. Das hat mich aus der Bahn geworfen, ich habe meine Wohnung verloren, aber die Straße, meine Kumpels hier, haben mich dann aufgefangen.“

Thomas' Hund heißt Benny. „Er ist ein beduinischer Hirtenhund. Benny hat 'ne Getreideallergie, nee echt jetzt. Manchmal schmeißen ihm Leute ein Brötchen mit Salami hin, aber das tut ihm nicht gut. Echt nicht! Ich gebe ihm kein Getreide zu fressen."

© Debora Ruppert

Einige der Punks, die ich auf der Oberbaumbrücke kennenlerne, möchten nicht portraitiert werden, sagen mir aber, ich könne gerne ihr Zelt fotografieren. Einer von ihnen sagt zu mir: „Berlin war mal sehr cool, hier konnte man gut leben, aber es hat sich verändert. Früher konnte man hier gut 30DM am Tag machen, heute, wenn man Glück hat 15€ – inklusive Pfandflaschen sammeln.“

Dann lerne ich Smiley kennen. Bei etlichen Begegnungen auf der Straße habe ich die Erfahrung gemacht, dass Obdachlose sich meistens mit ihren Spitznamen vorstellen und auch ihre Kumpels nennen sie so. Smiley lebt in einem besetzen Haus, kommt aber ab und zu auf der Oberbaumbrücke vorbei, um seine Kumpels hier zu besuchen.

© Debora Ruppert

Im Laufe des Gespräches krempelt Smiley den Ärmel seiner Jacke hoch und zeigt mir freudig und stolz seinen tätowierten Arm. Er sagt: „Die Tattoos habe ich mir selbst gestochen. Das ist für meine Frau und für meine Tochter. Und der Smiley ist für mich.“

"Meinen Sohn habe ich hier auf meiner Brust, auf mein Herz tätowiert.“

© Debora Ruppert

Nachdem Gespräch mit Smiley gehe ich wieder zurück zu Thomas und Jens. Thomas sagt: "Ich hänge hier jeden Tag meinen Schlafsack zum Lüften über das Geländer, weil mir ist das wichtig, dass er gut riecht und weich ist. Das Anstrengende ist, dass man nie ruhig durchschlafen kann, überall wirst du immer irgendwann vertrieben. Morgen wird hier alles geräumt. Das Ordnungsamt kommt um 20 Uhr mit der Polizei und einem Container vorbei, um unsere Sachen zu entsorgen."

© Debora Ruppert

Ich verabschiede mich von den Jungs und überquere die Straße, um auf die andere Seite der Brücke zu gehen. Mein Blick wandert zu dem hell erleuchteten Berlin. Ich sehe in der Ferne den Mercedes-Benz-Stern funkeln und das Rote Rathaus leuchten. Die Baukräne für den Bau der East Side Mall ragen hoch in den Himmel.

Berlin, die Stadt der Extreme: funkelndes Geld, leuchtende Macht, die Verführung, das alles möglich sei versus zerbrochene Träume, kalte Nächte und einsame Armut. Arm und Reich dicht an dicht direkt nebeneinander.

© Debora Ruppert

Noch einmal winke ich von der andere Brückenseite aus Thomas zu. Er sitzt im rauhen Wind zwischen seinen Habseligkeiten. Er sagte mir, der Wind weht hier auf der Brücke immer eisig von der Spree aus rüber, aber wenigstens vorm Regen sind wir hier geschützt.

© Debora Ruppert

Als ich 48 Stunden später wiederkomme, sind ihre Zelte geräumt. Niemand ist hier mehr vor Ort. Ich erinnere mich, dass Thomas mir vor 2 Tagen erzählt hatte: "Hinter dieser Tür gibt es Strom, wir waren da früher mal drin, da ist es echt schön und trocken, dort würden wir gerne leben, aber wir dürfen dort nicht rein. Sie haben die Tür abgeschlossen."

Ich bin in den letzten Jahren mit vielen obdachlosen Menschen auf den Straßen Berlins ins Gespräch gekommen und die Biographien und die Beweggründe, warum Menschen auf der Straße leben, sind sehr unterschiedlich. Trennung, Verlust des Arbeitsplatzes oder der Wohnung, Todesfälle in der Familie, Krankheit etc. Aber mir ist aufgefallen, dass es ein immer wieder auftauchendes Element gibt, das sich wie ein roter Faden durch alle Biographien hindurchzieht – zerbrochene oder nicht vorhandene Beziehungen.

Der härteste Schicksalsschlag ist nicht, dass man den Job oder die Wohnung verliert, sondern das Schmerzhafteste und Verletzendste ist, dass man kein soziales Netz hat – keine Familie, Partner oder Freunde, die einen auffangen.
Etliche obdachlose Männer, die mir begegnet sind, haben erzählt, dass sie auf der Straße gelandet sind, nachdem ihre Freundin oder ihre Frau sie mit den Kindern verlassen hat.

© Debora Ruppert

Das Leben auf der Straße ist anders, wie eine Parallelwelt. Hier gelten andere Regeln und Gesetze. Das Straßenleben ist hart, gleichzeitig gibt es oftmals eine gewisse Solidarität untereinander. Auf der Straße finden Einzelne eine Art Ersatzfamilie. Kumpels, die zusammenhalten, ältere obdachlose Frauen, die wie Mütter für andere sorgen und neue Paare, die sich bilden.

Hier begegnet man insbesondere der Sehnsucht nach Geborgenheit, Halt, einem Zuhause, einer Familie und der Liebe.

*Namen wurden geändert

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