"Jung sein ist die Hölle" – Brief an mein 60-jähriges Ich

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Ständig schreiben Leute Briefe an ihr jüngeres Ich. Warum? Das ist Zeitverschwendung. Das jüngere Ich wird sie niemals lesen. Wenn mein 15-Jähriges Ich einen Brief von mir bekäme, in dem all die Dinge drinstehen, die ich aus heutiger Sicht definitiv nicht empfehlen kann – ich hätte sie trotzdem getan, aus Neugier und Trotz und weil auch diese Erfahrungen dazugehören.

Viel nachhaltiger finde ich die Idee, meinem zukünftigen Ich einen Brief zu schreiben. Nicht im Sinne einer To-Do-Liste mit Dingen, die ich in 5 Jahren erreicht haben möchte, sondern als eine Art hoffnungsvoller Selbstentwurf. 60 finde ich dafür ein gutes Alter, da ist das Schlimmste vorbei, was Karriere, Familienplanung und Klimakterium angeht, und man hat noch eine überschaubare Anzahl von Jahren auf der Erde, die es möglichst genußvoll zu verbringen gilt:

Liebes 60-Jähriges Ich,

weißt du noch, wie du dich früher geärgert hast, wenn du für jünger gehalten wurdest, als du bist? Jetzt siehst du aus wie 50 – toll!  Du freust dich sicherlich nicht mal ansatzweise so sehr darüber, wie man dir prophezeit hat. Im Schwimmbad bist du aber immerhin in deiner Altersklasse die mit den kürzesten Brüsten. Glückwunsch! Aber mittlerweile sind dir solche Äußerlichkeiten auch ziemlich egal geworden. Die weißen kurzen Haare stehen dir und ich wusste schon vor 30 Jahren, dass du eine dieser Frauen sein würdest, die mit Mini-Rucksack durch Ausstellungen wandert und sich ungefragt in Fachgespräche über byzantinische Kunst einmischt. Ich hoffe jedenfalls, dass du bis dahin ein wenig mehr Ahnung von solchen Dingen hast und nicht nur wie die meiste Zeit deiner Jugend vor einem Laptop herumhängst. Deine Augen sind noch genauso wach und deine Lachen vielleicht sogar noch ein bisschen lauter als all die Jahre zuvor. Und ja, vermutlich kannst du noch immer nicht mit Komplimenten umgehen.

Im Schwimmbad bist du in deiner Altersklasse die mit den kürzesten Brüsten. Glückwunsch!

Vielleicht fragst du dich manchmal, was dich zu dem Menschen gemacht hat, der du jetzt bist. Wann du so erwachsen wurdest, woher die senkrechte Falte auf deiner Stirn kommt und wie du es geschafft hast, meistens nicht verrückt zu werden. Dein ganzes Leben lang haben Leute dir geraten, weniger nachzudenken und du hast lange versucht, diesen Rat zu beherzigen. Hast dich selbst vom Denken abgehalten, weil andere der Meinung waren, das würde dich nur bremsen. Dass die alle keine Ahnung hatten, weißt du jetzt. Denn irgendwann hast du akzeptiert, dass Nachdenken dein Weg ist, die Welt zu begreifen. Und dass Schreiben dein Weg ist, die Dinge zu erfassen und zu verarbeiten. Und dass zwischendrin auch immer genug passieren muss, damit dir nicht langweilig wird. Das Schöne daran, wenn man schon eine Weile auf der Welt ist: Mittlerweile gibt es vermutlich genügend Menschen um dich herum, die dich schon so lange kennen, dass du dich nicht immer wieder von Neuem erklären und erzählen musst. Das stelle ich mir ziemlich entspannend vor.

Die schmerzhaftesten Erfahrungen sind nicht die, die du machen musstest, sondern die, die du nicht gemacht hast.

Aber ich glaube und hoffe sogar, dass du nicht nur gute Zeiten gehabt haben wirst. Wahrscheinlich waren die schmerzhaftesten Erfahrungen nicht die, die du machen musstest, sondern die, die du nicht gemacht hast. Die Lücken dazwischen – Momente, in denen du dich gegen den Mut, gegen die Verletzbarkeit und für den Rückzug entschieden hast. Die schmerzen viel länger und Reue über verpasste Chancen und nicht gelebtes Leben brennt bitter im Hals, auch noch Jahre danach. Vor allem, weil du nichts aus ihnen lernen kannst – außer, dass es sich immer wieder auf's Neue beschissen anfühlt danach, nicht mutig genug gewesen zu sein. Zu lernen, sich in den richtigen Momenten gegen Sicherheit und Komfort zu entscheiden, ist ein Prozess, den du wahrscheinlich auch mit 101 noch nicht abgeschlossen haben wirst. Ich hoffe aber für dich, also mich, dass du bis dahin noch besser darin wirst, dir verpasste Gelegenheiten zu verzeihen.

In der Bahn Sitzplätze einfordern können und mit zu großen Sonnenbrillen nicht albern, sondern erhaben auszusehen, ist super.

Dir kann ich es ja sagen: jung sein ist die Hölle. Meistens. Schlimm ist besonders der Zwang, noch so viel zu müssen und zu sollen. Man hat noch alle Zähne, die Bandscheiben sind okay und überhaupt darf sich niemand unter 40 über irgendwas beklagen – Beruf, Arbeit und Karriere zu vereinen ist mit etwas Achtsamkeitsgeschwurbel aus einer App überhaupt kein Problem. Deswegen ist alt sein super – bitte sag mir, dass ich Recht habe mit meiner Vorstellung. Um zehn ins Bett zu gehen, einen Schlafanzug zu tragen, der nicht das verwaschene T-Shirt deines aktuellen Sexualpartners ist, ist super. In der Bahn Sitzplätze einfordern können und mit zu großen Sonnenbrillen nicht albern, sondern erhaben auszusehen, ist super. Nichts mehr ironisch meinen zu müssen, sondern ganz ernsthaft sein zu können. Einfach mal ganz in Ruhe nichts zu meinen, zu müssen oder beizutragen zu irgendwas, das ist wunderschön. Nach all den Wanderjahren durch Stile, Selbstbilder und Zielsetzungen endlich Hause kommen im eigenen Geist und Körper. Zumindest hoffe ich, dass es sich so anfühlen wird – forever 61. Wenn ich mich einigermaßen gut anstelle, passiert das alles auch schon viel früher und du hängst mit 60 schon seit zwei Jahrzehnten tiefenentspannt in der Hängematte, während du von den Tantiemen deines zum Kinoerfolg gewordenen Bestsellers lebst. Ich verspreche jedenfalls, egal was passiert, bis dahin gut auf deine Zähne und Bandscheiben aufzupassen.

Liebe Grüße,
Dein Du

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