Die Volksbühne verzettelt sich bei dem Versuch, es allen recht zu machen

© Kerstin Musl

Viel hat sich nicht verändert. Die Kassenhalle ist noch die Alte, nur dass die Plakate in den Wandkästchen das neue Volksbühnen-Rot spiegeln und Bier, Brezeln und Bouletten jetzt vor den Türen verkauft werden, durch die früher die Kassierer in ihre Kabuffs geschlüpft sind. Die Kassenmitarbeiter müssen mittlerweile im Pavillon die Karten ausgeben. In dem kleinen Häuschen stapeln sich die Menschen an diesem ausverkauften Eröffnungsabend, an dem nach Monaten der Pause endlich das Große Haus sein Programm offenbart, das seit diesem Sommer vom neuen, umstrittenen Intendanten Chris Dercon kuratiert wird.

Wer sich endlich durch die Pavillon-Enge durchgeboxt hat und in den Panzerbau reingekommen ist, verteilt sich linker oder rechter Hand in die Foyers. Hier gab es die auffälligsten Änderungen. Die schäbigen Teppiche und abgewetzten Garderobenvorhänge, die das Schmuddel-Chic der letzten Jahre ausmachten, wurden ausgetauscht: Links dominiert nun Babyblau, rechts Plüschrosa. Während sich das buntgemischte Publikum bei dem einen oder anderen Gläschen Wein auf den Premierenabend einstimmt, ertönen Gitarrenriffs und das Licht spielt verrückt, so als würde der kalte Novemberregen dem alten Bau irgendwas anhaben können. Die meisten Besucher ignorieren das.

Der neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon © Tobias Kruse

Dann geht es in den Saal, der erstaunlicherweise leer ist. Nanu, keine Stühle und nicht einmal Kissen, wie man sie mehrfach aus der Ära Frank Castorfs kannte? Die Besucher müssen aber nicht lange auf den unbequemen Stufen ausharren. Ziemlich schnell illuminiert eine Lichtshow zu Mad-Max-Musik alle Ecken der Volksbühne, die Bühne selbst wird in ihrer ganzen Nacktheit gezeigt und als Highlight fährt der Kronleuchter herunter. Das Licht geht an und alle müssen wieder raus. Ist das schon Kunst? Viele Besucher sind verwirrt.

In den Foyers und Umgängen herrscht wieder die gleiche aufgeregte Stimmung wie vor der merkwürdigen Zeremonie. Zahlreiche Gäste kaufen das nächste Getränk und unterhalten sich eifrig miteinander. Der Geräuschpegel ist entsprechend hoch, so dass vielen erst nach Minuten klar wird, dass die Inszenierung schon längst begonnen hat. In allen Ecken des Hauses sind die Installationen des englischen Künstlers Tino Sehgal zu sehen. Dazu gehört ein Mangamädchen, das einen Monolog führt, und Kinder, die Konversation betreiben. Bei der Geräuschkulisse besteht allerdings keine Chance, auch nur ein Wort zu verstehen, insofern man sich nicht bis in die erste Reihe vorkämpft. Die meisten tun es nicht. So dümpeln die Performances vor sich hin und die Zeit vergeht. Warten auf Godot.

Morten Grunwald wird als Joe sein Leben vorgeführt © David Baltzer/bildbuehne.de

Anderthalb Stunden später der erste Lichtblick. Im mittlerweile bestuhlten Saal werden mit „Nicht Ich“, „Tritte“ und „He, Joe“ drei Einakter von Samuel Beckett gezeigt. Für deren Inszenierung zeichnet sich der Beckett-Verfechter und Wegbegleiter Walter Asmus verantwortlich. In absoluter Dunkelheit werden die Schicksale mehrerer Menschen in puristischer Einfachheit und völlig unverblümt, in Sprechkaskaden und fast ohne Requisiten dem Besucher entgegen gefeuert. Das hat was.

„Das Beste kommt noch, Joe“, heißt es zum Schluss. Das hoffen in diesem Moment wohl auch viele Zuschauer, die zwar die schauspielerische Leistung von Anne Tismer und Morten Grunwald honorierten, beim Post-Applaus-Einzug eines Chores, der sich umgehend an die Leerung des Saals machte, aber schnell das Weite suchten.

Insgesamt bleibt es ein merkwürdiger Abend, der vom klassischen Stück für potenzielle Abonnenten bis hin zur hipsteresken Abschlussparty im Roten Salon es allen gerecht machen will, dabei jedoch nur Konzeptlosigkeit offenbart. Vielleicht war das Team von Chris Dercon aufgrund der schlechten Publicity der letzten Monate auch so verunsichert, dass es sich nicht getraut hat, seinen Stil trotz Gegenwehr eisern durchzuexzerzieren. Es ist definitiv noch Luft nach oben.

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