Der Abend, an dem ich mir wegen einer Avocado den Finger wieder ankleben ließ

© Nora Tabel

Es ist Freitagabend. Blut läuft mir über die linke Hand, während ich langsam durch die Automatiktür der DRK Notaufnahme schreite und mich an den Aufnahmeschalter stelle. "Hallo, ich habe mir gerade eben den Finger beim Avocado schneiden angeschnitten.", sage ich zu den beiden hinter der Glasscheibe. Meine Mitbewohnerin, die mich sicherheitshalber ins Krankenhaus begleitet hat, lacht laut auf. "Was haben sie?", werde ich skeptisch beäugt. "Ich hab mir beim Avocado schneiden den Finger ziemlich tief angeschnitten. Ich weiß nicht wie tief, aber es sah bedenklich aus." – "Öhm. Wie haben sie das denn gemacht?", grinst der Mensch, der dann meine Personalien und mein Intermezzo mit der grünen Frucht in den Computer hackt.

Ich werde in das heute mal nicht ganz so volle Wartezimmer spannender Notaufnahmengeschichten weitergeleitet. Wir setzen uns zum leidenden Rest. Mein Finger pocht und ich hoffe nur, dass sie ihn nicht annähen müssen. Eigentlich wollten wir den WG-Abend mit einem schnellen Essen ausklingen lassen. Irgendwas aus der Tüte. Mal früh schlafen gehen, weil die Woche so voll und hektisch war. Ich bestand aber auf einen frischen Salat mit etwas Brot. "Scheiße, ich hab Hunger. Jetzt sitzen wir hier bestimmt noch ewig.", sag ich, meine Mitbewohnerin lacht. "Das einzige scharfe Messer in der Küche und ich muss damit eine weiche Avocado schneiden.", ärgere ich mich und ziehe das Küchenhandtuch fester um meine Hand. "Naja, ich hab ein Buch mit.", sagt sie entspannt.

 

Das Wartezimmer der potentiell Bescheuerten

Ich schaue mich im Raum um. Alle sehen furchtbar aus. Ein Typ lehnt an einer Frau und hustet ununterbrochen. Ein weiteres Pärchen stöhnt alle paar Minuten leidend auf, während sie unruhig auf ihren Plastikstühlen rumrutschen. Ein Mann mit Schweißperlen auf der Stirn untersucht minutiös den Desinfektionsmittelspender. Ich frage mich, welche unklugen Dinge die Leute wohl an diesem Freitagabend so getrieben haben, um hier zu landen. Ich hab einige Male schon wegen merkwürdiger Umstände nachts in der Notaufnahmestelle gesessen. Einmal wegen einem Schamlippenbruch, der wie am Spieß blutete. Der damalige Gynäkologe entgegnete mir nur "WOW! Das habe ich in all den Jahren noch nicht gesehen. Woah, sieht das schmerzhaft." Er wollte mir partout nicht glauben, dass kein Sexspielzeug involviert war. Ich hoffe zutiefst, ich bin nicht die einzige mit so einer beknackten Patientenakte.

Ich hoffe zutiefst, ich bin nicht die einzige mit so einer beknackten Patientenakte.

Die nächste Automatiktür geht auf und eine Krankenschwester tritt in das Wartezimmer der potentiell Bescheuerten. "Frau Tabel bitte!" Ich stehe auf und ziehe an allen Wartenden vorbei, die mir böse Blicke zuwerfen, weil seit meiner Ankunft keine 10 Minuten vergangen sind. Ich bekomme Hoffnung, das mein Finger dieses Attentat überlebt. Die Schwester setzt mich auf eine Patientenliege und fummelt mir das Handtuch ab. "WAS haben sie gemacht?", fragt sie. Kalter Schweiß läuft mir über den Rücken und ich habe panische Angst, dass der Finger am Stoff kleben bleibt und ich durch plötzliche Ohnmacht im Salto von der Pritsche falle. Nichts dergleichen passiert. "Ich hab den Kern einer Avocado entfernen wollen und zu fest aufgedrückt. Das Messer ging mit voller Wuch…" – "Uuuuh. Wow."‚ unterbricht sie mich, als sie die Wunde an meinem linken Ringfinger sieht. "Der Chirurg ist gleich da. Der schaut sofort, ob man nähen muss." Sie verschwindet und lässt mich mit meinem Finger, den ich nun in all seiner ekligen Pracht begutachten kann, allein.

Da kommt auch schon der Chirgurg um die Ecke. Er lächelt und sieht kompetent aus. Ich werde entspannter. "Na, zeigen se ma. Ah ja. WIE hammse dit gemacht?" Mittlerweile fühle ich mich ziemlich dumm. "Ich hab blöderweise mit dem neuen scharfen Messer die Avocado entkernen wollen. Ratsch, war das Messer durch den Finger." Er lacht. "Hammse Schmerzen?" Fuck, denke ich, muss ich welche haben? "Nö, ist unangenehm, aber weh tut’s nicht." "Ok", sagt er und zieht den weichen Teil des Fingers leicht am Knochen hoch. Ich hyperventiliere. "Najut, der Pfleger macht ihnen die Wunde jetzt sauber und dann kleben wa dit." Ich bin völlig schockiert und zutiefst erleichtert, gleichzeitig. "Haben sie sowas öfter?", frage ich ihn, um herauszufinden, ob noch jemand so zweifelhafte Küchenentscheidungen trifft wie ich. "Nö, Avocado ist neu.", sagte er. "So halten se ma den Finger so fest, dass die Wunde auf bleibt. Dann geb ick da jetze den Kleber rinn." Mit aufgerissenen Augen starre ich auf den klaffenden Teil meines Körpers. Ich ärgere mich kurz, keine Hand fürs Smartphone frei zu haben. "So, nun drücken se den Finger für’n paar Minuten feste ran. Dit war’s dann. Se kriegen noch ne Schiene, damit se den Finger schonen und nen Zettel für den Hausarzt. Ich wünsch ihnen noch viel Glück mit den Avocados!"

Das Messer steckt noch in der Avocado, oder?

Ich wackle demütig mit meinem Zettel und dem geschienten Finger zurück ins Wartezimmer. "Das ging ja schnell. Keine 20 Minuten und wir sind wieder raus.", freut sich meine Mitbewohnerin. "Geil, wir können jetzt endlich den Salat fertig machen und essen." sage ich. "Das Messer steckt noch in der Avocado, oder?‘ fragt sie. "Wir müssen uns das unbedingt tattoowieren lassen!"

Mehrere Monate später zeigt sich Meryl Streep mit ihrer Avocado-Hand. Ich bin tatsächlich nicht allein mit diesem Unglück. Simon Eccles, ehemaliger Präsident der Britischen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen, hat im Gespräch mit der Times gesagt, dass er „pro Woche vier Patienten" mit der Avocado-Hand behandelt. Ich bin erleichtert und das Internet wundert sich, wie so etwas passieren kann. Mein Tipp: Nehmt ein Buttermesser oder einen Löffel, um das gute Ding zu verarbeiten. Oder verzichtet einfach komplett auf das nicht ganz so umweltfreundliche Superfood.

© Nora Tabel
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