Danke für alles, Vodka Soda – Eine Liebeserklärung an den langweiligsten Drink der Welt

© The Shining

Der Bartresen im Club ist der Großmarkt für die wichtigsten Handelsgüter der Nacht: Geld, Schnaps und Liebe. Geld gegen Schnaps, Schnaps gegen Liebe und vielleicht Liebe gegen Geld. Irgendwann kommt jeder hierher an die Tränke, das urbane Pendant zum Wasserloch, durstig, verschwitzt und mit zusehends schwindender Restfrisur, die nach und nach irgendwo auf der Tanzfläche oder im Handgemenge einer Knutscherei verloren geht. Man brüllt dem Barkeeper über die Musik hinweg seinen innigsten Getränkewunsch und ein bisschen Speichel ins Ohr und balanciert dann vorsichtig die vollen Gläser durch die wartenden Durstigen wieder mitten hinein in den Strom aus Tanzenden, Stehenden, Kommenden und Gehenden.

Warum sind alle Drinks im Club so langweilig?

Wenn man eine Weile ein bisschen zu nüchtern an der Bar steht, wie das mir unlängst passierte, fällt einem irgendwann auf, dass alle Drinks, die man im Club bestellen kann, objektiv betrachtet gähnend langweilig schmecken. Gin Tonic? Der VW Golf unter den Longdrinks, sagenhaft unspannend, aber nie ganz schlecht, wie die letzten Alben der Kings of Leon oder Nudeln mit Pesto. G&T bestellt man nicht aus Leidenschaft für billigen Gin und magenzerfräsendes Tonic Water, es ist vielmehr ein Clubreflex, eine Gewohnheit, die man einfach übernimmt. Mit der Vodka Mate ist es nicht viel anders, sie macht gnädigerweise ein bisschen wach, ist aber nicht so prollig-peinlich wie Vodka Bull. Selbst ein Mojito ist im Grunde nur ein dröges Minz-Zucker-Rum-Gesöff für Leute mit silbernem Abzeichen in lateinamerikanischem Formationstanz. Trinkt eigentlich noch irgendjemand Pina Colada im Club? Diese Bodylotion mit Strohhalm für Menschen, die Toilettendeckel aus durchsichtigem Plastik mit Muscheln drin „eigentlich ganz lustig“ finden? Vielleicht der einzige Drink mit ein bisschen mehr Charakter und Verve, wenn auch auf RTL2-Niveau.

Die Langweiligkeit der Drinks im Club macht aber natürlich auch Sinn: Wer sich ein paar Stunden oder Tage von dem Zeug ernähren muss, will nicht geschmacklich unterhalten, sondern einfach nur vom Rausch weitergetragen werden. In den Urlaub fährt ja auch niemand mit der Achterbahn. Aber es gibt eine Steigerung, die Königsklasse der hochprozentigen Tristesse, die unangefochtene Numero Uno in Sachen Fadheit und Funktionalität: Der Vodka Soda. Er ist mit weitem Abstand der langweiligste Drink auf diesem Planeten. Und ich verrate euch was: Es ist auch der beste. 

Vodka-Soda-Trinker sind in ihrem tiefsten Inneren schillernde Persönlichkeiten

Vodka Soda, im Grunde nicht mehr als Sprudel mit Schuss, wird auch gerne „skinny bitch“ genannt, dabei trinken nicht nur solche dieses beste aller Nachtgetränke. Vodka Soda ist der Drink für Ausdauertänzer, Puristen, Geizhälse, Kalorienzähler, Zwangsneurotiker, Models, Minimalisten Salonlöwen, Feingeister, Hochsensible, Pragmaten, Kopfmenschen, Stehtänzer, Obenbleiber, Überflieger, Anfänger, Abgeklärte, Fortgeschrittene und nicht mehr einzuholende Profihedonisten mit einer BahnCard100 für den Rausch-Express.

Obwohl der Vodka Soda so langweilig erwachsen und erwachsen langweilig ist, trinken ihn niemals langweilige Menschen. Langweilige Menschen müssen aufregende Sachen trinken, um sich von ihrer eigenen Fadheit abzulenken, das ist bekannt. Vodka-Soda-Trinker dagegen sind dazu im Gegensatz schillernde Persönlichkeiten, in ihrem tiefsten Inneren zumindest. Sie müssen sich nicht verstecken hinter poppig bunten Brausen, Garnitur und Schirmchen, ihr Geist ist so klar wie die Flüssigkeit in ihrem Glas. Frisch und rein wie Neuschnee ist ihr Gemüt. Und auch nach unzähligen Stunden der Tanzekstase, nach wilden Ritten auf ungezähmten Bässen und der hitzigen Reibung fremder Körper an ihren treten sie aus der Masse der Feiernden edel heraus und schwanken zwar genauso wie alle anderen, aber sie zittern nicht vom Zuckerschock wie überarbeitete Labormäuse. Sie sind einfach nur besoffen in der ehrlichsten Form.

Kernkompetenzen: Günstig, gesund, kaugummikompatibel und katerfrei

Schon allein körperlich ist ein Vodka Soda der größtmögliche Akt der Selbstliebe, den man sich beim Feiern zugute kommen lassen kann. Frei von Industriezucker, keine Farbstoffe, keine Konservierungsstoffe, nur feinperliger Discounter-Sprudel und reiner Vodka, von mir aus auch ein billiger, vor dem Spreequell sind sie eh alle gleich. Außerdem ist Vodka Soda unfassbar günstig. Besonders, wenn man ihn selbst mischt: 1 Vodka Shot für 3 Euro, ein Wasser für 2, fertig ist der Spardrink. Wer höflich brüllend noch eine Scheibe Zitrone vom Barkeeper ergattern kann – perfekt. Fakt ist auch, dass man als überspannter Post-Adoleszent zu keinem anderen Getränk auf der Karte so hervorragend Kaugummi kauen kann wie zu einem Vodka Soda. Kein störender Eigengeschmack, nur freie Nase, minziger Atem und angenehme Benebelung im Kopf. Wer schon mal die säuerlich-bittere Aromensynthese "Gin Tonic plus Airwaves" geküsst hat, weiß, wovon ich rede. Und natürlich kommt man mit keinem anderen Drink katerfreier in den nächsten Tag, denn, und das kann man in dieser Deutlichkeit nicht oft genug sagen: Wer einen Kater bekommt, ist zu doof zum Wasser saufen. Statt also ständig wie eine verdurstete Hauskatze unterm Wasserhahn auf der Clubtoilette zu hängen, kann man diese Vorbeugungsmaßnahme mit einem Vodka Soda wunderbar elegant nebenher erledigen. "No risk, no fun“ war gestern, „No risk, all the fun" ist das neue Motto.

Mit all diesen Eigenschaften ist der Vodka Soda das ultimative Clubgetränk der Stunde – urban, modern, überall verfügbar, effizient und kostengünstig, ein Drink des Volkes. Mit keinem anderen Getränk kann man sich stilvoller dem Absturz in die Arme werfen und am nächsten Tag erhobenen Hauptes wieder aufstehen. Er mag so aufregend sein wie ein Steuerberater, aber genau das ist vielleicht seine große heimliche Stärke: Wer einmal einen hatte, wie nie wieder auf ihn verzichten. Mit ihm wird alles leicht und einfach. Lieber Vodka Soda, danke für alles. Wir sehen uns an der Bar. 

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