Bodenständig, regional und bio – der Brotgarten in Charlottenburg

© Milena Zwerenz

Dass ich mich als eingesessene Neuköllnerin jemals regelmäßig auf den Weg nach Charlottenburg machen würde, nur um ein Croissant und Kaffee zu genießen, hätte ich wohl bis vor ein paar Wochen nie gedacht. Da hatte ich mich wohl getäuscht. Denn selbst die Kreuzköllner Bohème sollte sehr entzückt sein, wenn sie den bisher recht unbekannten Nehringkiez betritt. Das Viertel zwischen der Ringbahnstation Westend und Messe/ICC ist nämlich eine regelrechte Oase. Es bietet Parks, jede Menge Second-Hand-Läden mit angemessen Preisen, öffentliche Hinterhöfe mit Streichelzoo und einige Bioläden. Doch die Keimzelle liegt an einer kaum befahrenen, mit Kopfstein bepflasterten Straße – nämlich in der Seelingstraße Hausnummer 30.

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Die Vollkorn-Bäckerei Brotgarten wurde 1987 von einem mehrköpfigen Kollektiv gegründet. Gemeinsam hatten sie eine Vision: Sie wollten leckeres Biobrot backen, mit regionalen Zutaten, unter fairen Arbeitsbedingungen. Und das gilt bis heute. Regelmäßig liefert der Bauer aus Brandenburg Korn in großen Säcken, welches dann in der Mahlstube hinter dem Café zwischen dicken Steinen vermahlen und durch eine Art Staubsauger direkt in die Backstube transportiert wird. Zu Hochzeiten sind über Nacht sieben Bäcker beschäftigt, um den Gästen am Sonntag genügend frische Teigwaren verkaufen zu können.

Noch heute wird der Brotgarten von Menschen geführt, die offensichtlich dafür brennen, was sie tun. „Der Brotgarten wird heute von fünf Gesellschaftlern betrieben“, erklärt Reinhard Greten, Bäckermeister und Konditor, der seit 1989 in der Backstube arbeitet. Die Hierarchien sind flach gehalten, der Umgang ist merklich familiär. Das spürt man, sobald man an der holzigen Theke einen Kaffee bestellt. Und man schmeckt es, sobald man in das Dinkelbrötchen mit Cashew-Tomaten-Crème oder die Pita mit Fetakäse beisst.

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Was den Brotgarten so besonders macht, ist wohl weniger die zugegebenermaßen spärliche Auswahl an Frühstücksmenüs (es gibt ausschließlich Backwaren), sondern die familiäre Atmosphäre und die Qualität der selbstgemachten Backwaren. Hier findet man keinen Chia-Pudding und auch keinen Matcha-Latte. Dafür liegen deftig belegte Brötchen, Mohnschnitten und die wohl leckersten Dinkel-Croissants Berlins in der Theke. Statt Latte-Art gibt es Kaffee in großen Tassen, wer mag, kriegt ihn mit Hafermilch. Alles in Bio, das versteht sich wohl von selbst.

Wen es zur Mittagszeit in den Nehringkiez verschlägt, bekommt im Brotgarten-Bistro nebenan Eintopf, Quiche und andere Kleinigkeiten zu angemessenen Mittagspreisen. Auch ein kleiner Bioladen mit regionalem Käse, selbstgemachten Granola und vielem anderen, was das Öko-Herz höher schlagen lässt, ist direkt an das Café angeschlossen.

 

© Milena Zwerenz
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Statt minimalistischen Berliner Chic ist im Brotgarten Holzvertäfelung und Bodenständigkeit angesagt. Bestellen und bedienen muss man sich selber. Dafür ist die nette Gesellschaft garantiert. Es ist nicht nur einmal passiert, dass ich von meinen Tischnachbarn in ein Gespräch verwickelt wurde. Neben Vätern mit Kinderwägen und Alt-68er-Hippies in Birkenstocks kommen hier auch regelmäßig die türkischen Nachbarn zu Kaffee und Dinkelkeks vorbei. Im Seelingkiez fühlt man sich ein wenig, als wäre die Zeit der Flower-Power, Luft und Liebe stehen geblieben.

Wem nach dem deftigen Frühstück nach einem Spaziergang zumute ist, kann eine Runde um den nahe gelegenen Lietzensee drehen und der Berliner Hektik für ein paar Momente den Rücken kehren. Der Besuch im Brotgarten ist garantiert die Reise wert.

Unbedingt probieren: Dinkel-Croissant mit Hafer-Milchkaffee

Veggie: Vegetarier sollten sich dort ziemlich wohl fühlen – die Waren sind alle vegetarisch oder sogar vegan.

Mit wem gehst du hin: Mit Freunden, aber auch die Großeltern würden sich dort wohlfühlen.

Besonderheit des Ladens: Eine der wenigen Bäckereien in Berlin, die ihr Korn vom Brandenburgischen Bauern geliefert bekommen, selber mahlen, backen und in der Stube verkaufen.

Lärmfaktor: Draußen ist es vorwiegend ruhig. Drinnen kann der Lärmpegel schon mal ansteigen.

Preise: Gehobene Biopreise, die ihre Berechtigung haben.

Brotgarten| Seelingstraße 30, 14059 Berlin | Montag – Freitag: 7–18.30 Uhr, Samstag & Sonntag: 07–16 Uhr | mehr Info

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