ARTVERGNÜGEN #107 – Unsere 11 Kunsttipps für den Mai 2017

Wir vermelden wieder freie Sicht auf die Kunst! Bei Maßen von 22 auf 3 Meter scheint es kaum möglich, aber: beim zurückliegenden Gallery Weekend hatte man zeitweise ernsthafte Probleme das Blockbusterwerk von Jonas Burgert zu sehen. Das wird jetzt also wieder besser. Und auch die bereits verkauften Werke des Berliner Malers bleiben noch bis Sommer an der öffentlichen Wand. Welche Ausstellungen ihr außerdem in den nächsten Wochen besuchen solltet, verraten wir euch jetzt.

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Installationsansicht “Bacon (I)” und “Bacon (III)” © Chert Lüdde Kasia Fudakowski bei ChertLüdde

Der Besucher hat die Wahl: durch die linke oder durch die rechte Tür? Nur durch eine darf er bei ChertLüdde die Ausstellung von Kasia Fudakowski betreten. Das Konzept der Binarität zieht sich bei “Double Standard” durch alle Ebenen, von Inspiration über Inhalt bis zur Architektur. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Analogie von Künstler und Hofnarr: Sie beide seien gleichermaßen zerrissen, füttern und kritisiern zugleich ein System, das sie trägt.

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Courtesy the artist, WENTRUP, Berlin; Stevenson, Cape Town/Johannesburg and Yancey Richardson, New York Zanele Muholi – WNTRP

Die südafrikanische Künstlerin Zanele Muholi ist längst keine Unbekannte mehr: 2013 hat sie zum Beispiel sowohl an der Documenta in Kassel teilgenommen, als auch den südafrikanischen Pavillon bei der Venedig Biennale bespielt. Ihre Werke wurden bereits vom Centre Pompidou in Paris, der TATE Modern in London und dem Seoul Museum of Modern Art gezeigt. Die Gelegenheit, sich ihrem Werk jetzt bei WNTRP zu nähern, sollte man wirklich nicht verstreichen lassen. Die Fotografien von Muholi stehen als visueller Aktivismus, der sich kritisch mit der Geschichte des "schwarzen Körpers im fotografischen Archiv als Ganzes" beschäftigt. Vom Blackfacing bis hin zur Exotisierung überwirft sie gefährlich verharmloste Stereotypen und antwortet ihnen mit Porträts, mit denen sie ihre selbstgestellte Aufgabe erfüllt: “Reclaiming my blackness, which I feel is continuously performed by the privileged other”.

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Courtesy the artist and Blain|Southern, Photo Lepowski Studios Jonas Burgert im Blain | Southern

Ganze 22 Meter misst das sich fast über die gesamte Länge der Galerie erstreckende Landschaftsgemälde von Jonas Burgert. Dem gegenübergestellt finden sich lebensgroße Portraits, die mit fast unheimlicher Ruhe die wilden Szenen des großen Werks zu beobachten scheinen. Die Idee von Burgert hinter seiner Malerei ist es, die menschliche Psyche zu personifizieren. Das gelingt ihm in so vielen Facetten, das fast von selbst drauf kommen kann, dass der Mann sie nur in einer studiert haben kann: seiner Heimatstadt Berlin.

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Photo Credits: Ka XiaoXi. Lu Yang bei Société

Zeitgenössische Kunst aus Asien bietet dem Kunstmarkt aktuell die spannendsten Positionen. Eine Einzelausstellung der in Shanghai geborenen Multimedia-Künstlerin Lu Yang, die sich mit Neurowissenschaften, Sterblichkeit und Religion auseinandersetzt, passt da perfekt ins Bild. Denn in ihrer Bildsymbolik bedienen sich ihre Videos und Installationen gleichermaßen der Popkultur, Science Fiction und Technologie.

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“Work that Disappears when the Viewer Tries to Approach It”, 1970/2017, Courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm, Berlin © Jens Ziehe Teresa Burga in der Galerie Barbara Thumm

Jorge Luis Borges schrieb über fabelhafte Welten. In einer Zeit als Wikipedia noch nicht mal ein Konzept war, imaginierte er eine Bücherei, die alle jemals geschriebenen Werke in allen Sprachen enthält. Er ersann Bücher, die nie enden wollten und Objekte, durch die ein Betrachter alles, was es im Universum gibt, sehen kann. Der argentinische Schriftsteller liefert Terese Burgas Ausstellung Material – und dieses Material ist absurderweise die Immaterialität der Welt. Und so tut ihre Lichtinstallation aus den 70ern genau, was ihr Titel sagt: Sie verschwindet wenn sich der Betrachter nähert. In sehr konzeptionellen Zeichnungen zerlegt und visualisiert sie außerdem eines seiner Gedichte. Es empfiehlt sich, davor mindestens eines seiner Bücher aus der unendlichen Bibliothek zur Hand zu nehmen.

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Pamela Rosenkranz, Installation View, 'OUR PRODUCT', Pavilion of Switzerland at the 56th Venice Biennale, 2015 Pamela Rosenkranz bei Sprüth Magers

Wer nicht unter einem Stein gelebt hat, ist in den letzten Jahren nicht an Pamela Rosenkranz vorbeigekommen. Sie ist jung, erfolgreich und bespielte 2015 mit nur 35 Jahren den Schweizer Pavillon der Biennale di Venezia. Dabei gilt sie als Kontrollfreak, in deren Karriere nichts zufällig geschieht, um sie herum ein Netzwerk mächtiger Kunstliebhaber. Bei Sprüth Magers sollte man sich deshalb mit wachen Augen selbst ein Bild dieses Superstars machen, natürlich nicht ohne die Werke von Lucy Dodd und Otto Piene gänzlich außer Acht zu lassen.

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© Anri Sala "Ravel Ravel Unravel", 2013 Anri Sala und Angela Bulloch bei Esther Schipper

Die Galerie Esther Schipper zieht einmal um die Ecke, vom Schöneberger Ufer in die Potsdamer Straße, in die Etage über Blain|Southern. Eingeweiht werden die neuen Räume von den Künstlern Anri Sala und Angela Bulloch. Erstgenannter ist bekannt durch seinen Beitrag zum französischen Pavillon der Venedig Biennale 2013. Da zeigte er Aufnahmen eines neu arrangierten Klavierstücks des französischen Komponisten Maurice Ravel. Video und Musik sind wiederkehrende Medien bei Salas. Angela Bulloch befasst sich lieber mit Systemen, Mustern und Regeln und der Beziehung von Mathematik und Ästhetik. Klingt nach einem spannenden Gegensatz: die Poetik eines Sala und die Wissenschaft einer Bulloch unter einem Dach.

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© Guan Xiao Guan Xiao bei Kraupa-Tuskany Zeidler

Die in Peking lebende Künstlerin Guan Xiao setzt sich mit dem enormen wirtschaftlichen und und zunehmend technologischen Wachstum von Großstädten auseinander, das unsere Umgebung immer unwirklicher und synthetischer werden lässt. Im Ausstellungsraum finden sich deshalb animierte Objekte und fiktive Kreaturen, die uns Einblick und Ausblick auf unsere uns selbst überrollende Zukunft gewähren.

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Installationsansicht carlier | gebauer, 2017 © Thomas Schütte Thomas Schütte bei carlier | gebauer

Hätte Thomas Schütte das entsprechende Diplom, würde er Architektur erschaffen. Hat er aber nicht und so belässt er es bei Modellen, und bedient sich hin und wieder der architektonischen Formsprache, um als Seismograph menschlichen Beziehungen Gestalt zu geben. Wie die Figuren da stehen, erinnern sie an eine Familienaufstellung. Einzig Form und Formation erzählen bei diesen gesichtlosen Statuen (Macht-)Verhältnisse. Stumm und abstrahiert werden sie zu einer Projektionsflächen, für unsere eigenen Geschichten, Themen und Querelen.

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© Toby Ziegler Toby Ziegler in der Galerie Max Hetzler

Toby Zieglers neue Werkserie untersucht die Neigung des Menschen im Angesicht von Chaos nach Mustern und Bedeutung. Bester Ausgangspunkt dafür: na klar, die Google-Bildersuche. Mit dieser suchte er nach Georges de La Tour, einem französischen Maler des 17. Jahrhunderts, insbesondere nach seinem Gemälde Die Wahrsagerin von 1630. Das Ergebnis dieser Suche? Alles von Pizzawerbung bis hin zu Kriegsfotografie.

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© Tatsuo Miyajima Tatsuo Miyajima in der Buchmann Galerie

Ein echtes Schwergewicht der Kunst ist gerade in der Buchmann Galerie zu Gast: der in Tokyo geborene Tatsuo Miyajima. Die sein Werk bestimmenden Grundsätze Keep Changing, Connect with everything und Continue forever beschäftigen sich mit der Zeit und ihrem Vergehen. Farbige Zahlenanzeigen aus LED sind für die neuen Wandarbeiten vom Künstler als Gadgets in quadratische Spiegelpanele montiert. Von einem Algorithmus gesteuert leuchten die Zahlen in hypnotischer Rhythmik auf und ergeben den “Flower Dance”.

Titelfoto: © Charlott Tornow

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