"Ob ihn die Nähe stört?" – Gedanken zu Beginn einer Fast-Beziehung

Mein Atem haucht in den Nacken meines Schlafnachbarn und stellt im Vorbeihuschen über seinen Rücken kleine Härchen auf. „Ob ihn die Nähe stört?“, frage ich mich, schließlich befinden sich nur ein paar Zentimeter zwischen meinem Mund und seinen Schulterblättern, während meine Stirn an den Atlas seiner Wirbelsäule angelehnt ist.

Nähe ist gerade noch so eine Sache zwischen uns beiden. Wir daten schon mehrere Monate und sind frisch „exklusiv“, was die unsägliche und leicht verheißungsvolle Vorstufe von „Wir sind zusammen“ ist. Trotzdem machen wir kleine, durchdachte Schritte. Mal fangen wir gemeinsam an die letzte Staffel von „The Good Wife“ zu schauen, mal kocht er einen Nudelauflauf für mich, mal lernt er ein paar meiner wichtigsten Freunde kennen. Mit moderatem Elan besteigen wir die Stufen, die zum Paar-Sein führen, erleben gemeinsame Erste Male und immer mal wieder habe ich während unseres Aufstiegs Angst, dass es ihm zu viel wird und dass ich ihm zu viel werde. Ich bin keine einfache Person. So etwas weiß man nach 26 Jahren, die man mit dem eigenen Spiegelbild verbracht hat. Ich habe große Gefühle und verschachtelte Gedanken und werde, wenn ich jemanden wirklich gut finde, leicht anhänglich. Ihn finde ich wirklich gut. Da ist Angst schon berechtigt.

Große Gefühle, verschachtelte Gedanken und die Angst vor Nähe

Da meine rechte Hand seine linke Brust umfasst, achte ich auf seinen Herzschlag, um Antwort auf die Zu-Nah-Frage zu finden. Sein Herz pumpt ruhig und regelmäßig. Es scheint okay zu sein. Zumindest mein Atem in seinem Nacken ist ihm nicht zu nah.

Ich tue mich allgemein schwer mit dem Einschlafen. Normalerweise brauche ich eine halbe Stunde, um im Land der Träume und gelegentlichen Albträume zu versinken. Im Gefühlschaos kann mein Limbus auch mal eine Stunde oder länger dauern. Die klassischen Tricks zum Einnicken wie Schäfchenzählen funktionieren dabei leider für mich nicht. Und auch Mantra in Dauerschleife Vorsagen, etwas mit Blumenwiese und Enten füttern, worauf meine Mutter schwört, hilft mir nicht weiter.
Also konzentriere ich mich auf meine Bauchdecke. Ich achte darauf, wie sie sich beim Einatmen nach außen wölbt und beim Ausatmen wieder zurück an meinen Kern zieht. Wenn sie sich wölbt, berührt sie dann seinen Rücken, bleibt dort kurz hängen und zieht sich wieder zu mir.

Meine Bauchdecke kann sich stark wölben. Wenn man keinen Sport treibt, ist das wohl nicht überraschend. Trotzdem ist es mir manchmal peinlich, denn seine Bauchdecke und die Bauchdecken seiner Vorgänger können sich nie so stark wölben. In jedem Fall bis heute waren und sind meine Bettnachbarn schlanker als ich, was mich jedes einzelne Mal in eine komische „King of Queens“-Situation bringt. Ich bin dann der übergewichtige Kurierfahrer Doug und mein Bettnachbar ist die schöne Rechtsanwältin Carrie. Ich bin eine mittelmäßige 6plus auf der Attraktivitätsskala der vegan-schlanken Hauptstadt. Er ist eine sportliche 8.

Auch wenn ich mir es ungern eingestehe, stört mich dieses wortwörtliche Ungleichgewicht schon ein bisschen. Besonders stört es mich, wenn es um das Teilen von Kleidungsstücken geht, was sich bei schwulen Bettnachbarn im Regelfall wunderbar anbietet. Von Zeit zu Zeit werde ich dann daran erinnert, dass ich mir keine Boxershorts von ihm leihen kann, weil ich eine gebärfreudige Bundgröße 34 trage, während er eine schlaksige 29 trägt; und daran, dass ich kein T-Shirt von ihm anziehen kann, weil sich meine Bauchrollen in seinem „Medium“ besonders auffällig abzeichnen, während mein Pullover an ihm Hipster-freundlich „oversized“ aussieht und ihm einfach besser steht als mir. Kevin James, der Doug bei „King of Queens“ spielt, stört sich wahrscheinlich weniger an seinen ungesunden Kilos, wenn er am Film-Set von „Kaufhaus Cop 2“ steht. Sein Bauchumfang garantiert ihm immerhin den größten Set-Trailer und die Erstnennung auf dem Filmplakat. Ich hingegen bin eine große-Gefühle-verschachtelte Gedanken-Person.

Zuhause ist, wo das Schnarchen ist

Krrrrkrkrrrr. Mein Bettnachbar fängt lautstark an zu schnarchen. „Gerade im richtigen Moment“, denke ich, denn sein Knattern drückt bei meinem Kopfkino und überflüssigen „Ich sollte mal wieder Sport treiben“-Vorsätzen wohltuend auf Pause. Ich mag Schnarchen gerne. Vielleicht ist das ein komischer Vaterkomplex, der eigentlich Töchtern nachgesagt wird. Mein Vater schnarcht oft auf dem Sofa, wenn ich in der bayrischen Heimat zu Besuch bin. Er schnarcht während der „Tagesschau“, der letzten Minuten des „Tatorts“ oder wenn meine Mutter und ich den „Shopping Queen“-Marathon am Samstag schauen und uns darüber amüsieren, wenn King Guido über hässlichen Modeschmuck schimpft oder besonders feine Outfits mit seiner prägenden „Das ist ein Look!“-Phrase adelt. Zuhause ist, wo das Schnarchen ist.

Zurück in meinem Berliner Bett fährt ein kribbelndes Gefühl durch meinen linken Arm und macht mich darauf aufmerksam, dass dieser kurz vor dem Taubwerden steht. Und auch mein rechter Herzschlag-fühlender Arm klebt mittlerweile etwas schwitzig auf seinem Brusthaar. Vorsichtig ziehe ich mich aus der aufgeheizten Löffelchenposition, in der ich der größere Löffel war. Erst Kinn und Nase. Dann Brustkorb. Rechter Arm. Linker Arm. Bein. Damit wir die Nähe nicht komplett verlieren, nehme ich meinen linken Arm wieder hoch und umfasse mit meiner Hand einen seiner Oberschenkel. Jede Bewegung ist ein Schachzug meiner Angst. Ich halte fest.

Jede Bewegung ist ein Schachzug meiner Angst.

Nach einigen Minuten eines leeren nach-oben-gegen-die-Decke-Starrens samt Bauchwölben, Schnarchen und Angst wird mir mein lächerliches, emotionales „Siedler von Catan“-Spiel bewusst. Als würde ein Oberschenkel-Umgreifen das Weitergehen unserer Beziehung sichern! Ich muss innerlich lachen, lasse seinen Oberschenkel los und drehe mich auf die Seite, so wie es für mich am bequemsten ist, mein Rücken zu seinem Rücken gewandt. Das Schnarchen meines Bettnachbarn stoppt. „Wahrscheinlich hat mein Kopf mit den Gedankenwolken das Schlafzimmer so vernebelt, dass es ihm die Luft zum Atmen nimmt“, denke ich, da dreht sich mein Bettnachbar langsam um, rückt näher und küsst mein rechtes Schulterblatt. Als großer Löffel umgreift er meinen Kurierfahrer-Bauch und schnauft mir tief durch die Nackenhaare.

„Ob er mich auch so sehr gerne hat, wie ich ihn gerne habe?“
Sein Knattern setzt wieder ein – das reicht meinem Träumer heute als „Ja“.


Titelfoto: © arnoarno/flickrCC

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