Nahtoderfahrung Jobcenter – Wie ich als Akademikerin das Fürchten lernte

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Ihr habt gerade euer geisteswissenschaftliches, absolut nicht berufsqualifizierendes Studium hinter euch gebracht? Endlich seid ihr exmatrikuliert und träumt vom temporären Hartz4-Schlaraffenland, in dem euch immerhin 404 Euro für euren Lebensunterhalt zur Verfügung stehen? Eine beachtliche Summe, denn hey, ihr seid während eures Studiums auch schon mit der Hälfte des Geldes über die Runden bzw. Monate gekommen?!

Dann geht es euch vermutlich wie vielen anderen Akademikern in Berlin. Zumindest denen, die noch nie ein Jobcenter von innen gesehen haben. Alle anderen (inklusive mir) wissen, dass einen das Jobcenter in den Monaten zwischen Uni und potenzieller Anstellung nicht unbedingt weich auffängt. Und damit eure verklärte Seifenblase zwischen Kontoauszügen und Bewilligungsanträgen zerplatzt, bevor sie überhaupt so richtig rund geworden ist, hier das absurde Protokoll meiner einmonatigen Arbeitslosigkeit.

Das absurde Protokoll einer einmonatigen Arbeitslosigkeit

Ihr denkt, die netten Sachbearbeiter vom Jobcenter schmieren allen Hochschulabsolventen Honig um den Mund und sind dankbar, dass ihr überhaupt zwei Sätze geradeaus sprechen könnt bzw. nicht per se ein Fall für die Schublade „unvermittelbar“ seid? Nö.

Ich wurde bei meinem ersten Termin in den trostlosen Hallen des Jobcenters Berlin Friedrichshain-Kreuzberg (nicht völlig unberechtigt) mit der Frage begrüßt: „Ganz ehrlich, wie kann man denn SO WAS studieren?“ Peng, dahin all die Hoffnung, ihr könntet im Arbeitsvermittler euren solidarischen Seelenverwandten finden und euch mit zwei bis drei Bewerbungen pro Woche den Kopf aus der Schlinge ziehen. Der „nette“ Sachbearbeiter quittiert ein Vorstellungsgespräch bei dem Magazin SPEX entgeistert mit den Worten „Mister Spex hat eine Redaktion?“ und hält eure Studienwahl für genauso hirnrissig wie eure Erzeuger. „Nicht mal BWL dazu? Nicht mal im Nebenfach!?“, schnaubt er und ihr möchtet die Zeit zu dem Moment zurückdrehen, als ihr feierlich euer Abi-Zeugnis entgegennahmt und eure berufliche Perspektive noch nicht nach komplettem Dead End aussah.

Ganz ehrlich, wie kann man denn SO WAS studieren?

Nachdem euer Selbstwertgefühl dem Boden gleich gemacht wurde, hört der Sachbearbeiter aber nicht auf. Nein. Was folgt sind Drohungen: „Vier Monate Galgenfrist haben Sie jetzt, dann heißt es Callcenter“. Wie bitte? Callcenter? Sieben Jahre lang Lacan, Foucault und Heidegger, um am Ende armen Rentnerinnen SKL-Lose aufzuquatschen? Nein, ganz so schlimm sei es nicht, beruhigt der Arbeitsvermittler, der große, allseits bekannte Online-Versandhandel suche auch mal immer wieder Telefonisten und da bekäme man sogar Mindestlohn. Na dann…

Vollzeit-Beschäftigungstherapie: "Selbstvermarktung für Akademiker"

Um aber endgültig alle Phantasien eines vorübergehenden Lotterlebens mit gesichertem Geldfluss den Wind aus den Segeln zu nehmen, greift euer Sachbearbeiter gegebenenfalls zur Option „Trainingsmaßnahme“. Früher wurden solche Maßnahmen in der Regel erst nach ein paar Monaten des Hallodritums zu Rate gezogen, heutzutage schweben sie schon beim ersten Termin wie eine Drohung in der Luft. Ehe ihr euch verseht, lernt ihr dann zwei Wochen lang, wie man Bewerbungen verfasst. Titel der als Workshop getarnten Vollzeit-Beschäftigungstherapie: „Selbstvermarktung für Akademker“ (ja, der Rechtschreibfehler wurde vom offiziellen Flyer übernommen). Was man da allerdings tatsächlich lernt, wird schnell klar: nichts.

Immerhin, die anderen Teilnehmer gucken genauso bedröppelt drein wie man selbst. Es hängt ein Odeur der Marke „gescheiterte Existenzen“ in der Luft, nur überboten von dem Gestank aus der Kantine im Untergeschoss, in der jeden Tag ausschließlich Bockwurst serviert wird (nein, nicht in der Seitan-Variante).

Einziger positiver Nebeneffekt dieser desillusionierenden Nahtod-Erfahrung: Ihr merkt ganz schnell, dass ihr nicht die einzigen armen Schweine seid, mit deren universitärer Laufbahn das Jobcenter eher wenig anfangen kann. Eine Künstlerin aus Georgien, die politisch motivierte Installationen anfertigt, erhält täglich alle Stellenangebote unter dem Schlagwort „Kunststoff“. Ein Typ, der Animationsfilme dreht, sinnigerweise die für Hotelanimateure.

Erspart euch bloß den Gang zum Jobcenter und reißt euch verdammt nochmal zusammen.

Falls ihr also kurz davor steht, einen folgenreichen Fehler zu begehen und ein geisteswissenschaftliches Studium mit gutgläubiger „Wird schon“-Mentalität anzutreten – überdenkt das nochmal. Und solltet ihr wie ich zu den Unbelehrbaren gehören und euch bereits ein halbes Jahrzehnt mit schöngeistigem Blödsinn beschäftigt haben, mit dem es sich gut philosophieren, aber kein Brot verdienen lässt: Erspart euch bloß den Gang zum Jobcenter und reißt euch verdammt nochmal zusammen. Irgendein unterbezahltes Praktikum werdet ihr schon finden und nachts kann man immer noch kellnern oder Taxi fahren!

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