Meister der Puppen – Im Puppentheater mit Professor Hans-Jochen Menzel

© Clint Lukas

„Kannst du deine Markierungen bitte anzeichnen?“
„Was?“

Jochens Stimme explodiert in einem schrillen Falsett: „Du sollst das da anzeichnen, Mensch!“ Die Studentin bückt sich und setzt zögerlich ihre Markierung. Jochen schaut in gespielter Resignation zu mir.

„Man kann mit denen nicht normal reden“, sagt er.
„Naja. Schauspieler halt.“
„Puppenspieler. Eigentlich sind sie ganz brav.“

Er versucht streng auszusehen. Dann müssen wir beide lachen.

Als ich am Morgen mit Hans-Jochen Menzel im Auto sitze, weiß ich nicht, was mich erwartet. Okay, er ist Professor für Puppenspiel an der Ernst-Busch-Schauspielschule. Wird schon seine Berechtigung haben, wenn es dafür einen eigenen Studiengang gibt. Ich stell es mit halt etwas schrill vor. Aber machen wir uns nichts vor: Was Theater angeht, bin ich ein Legastheniker.

„Die Vorstellung heute wäre fast ausgefallen“, sagt Jochen, während wir nach Weißensee fahren. „Eine Hauptdarstellerin ist krank und hat keine Stimme. Naja, wird schon irgendwie werden.“
„Und die Darsteller sind deine Studenten?“
„Ja, im 4. Studienjahr. Die haben das Stück als gemeinsames Projekt realisiert.“
„Ich kann mir das gar nicht so vorstellen. Spielen die dann mit Marionetten?“
„Auch. Bei diesem Stück haben wir fast alle Arten dabei: Handpuppen, Ganzkörperpuppen, Klappmaul. Und natürlich spielen die Studenten auch selbst.“
„Die haben im Studium also auch Schauspielunterricht?“
„Ja, natürlich. Mit manchen Puppen spielt man ja offen. Das Publikum kann dich sehen. Da musst du schon fokussiert sein. Im besten Fall verschmilzt man beim Spiel mit der Puppe.“
„Und was ist das heute für ein Stück?“
„Bulgakow. ‚Der Meister und Margarita’. Eine Wiederaufnahme. Die Premiere war schon im Mai. Aber es wird trotzdem spannend, weil der Raum und die Akustik ganz anders sind.“

Ziel des Lehrgangs: Kunst mit Niveau zu schaffen

Das Berliner Arbeitertheater, kurz BAT, ist die Studiobühne der Hochschule. Julia Jentsch und August Diehl hatten dort ihre ersten Auftritte. Als wir ankommen, sind die Studenten bereits dabei, das Szenenbild aufzubauen. Sie tauschen ein paar neckische Bemerkungen mit ihrem Prof aus. Der beobachtet derweil einen Bühnentechniker, der fluchend versucht, eine Leinwand auszurollen.

„Das dauert ja ganz schön“, seufzt er mit einem Grinsen.
„Lass dich nicht ärgern“, rufen die Studenten dem Bühnenmann zu.
„Was denn?“, protestiert Jochen. „Dafür hat der wieder das Ventil an der Heizung in meinem Büro abgemacht. Ist wie im Botanischen Garten da drin.“
„Kannst du nicht runter regeln?“
„Nein. Sind wieder russische Verhältnisse heute.“

Wir beziehen Stellung in der Regie, wo Jochen beginnt, seine Video-Projektionen einzurichten. Am Abend wird es seine Aufgabe sein, sie zusammen mit dem Ton zu fahren. Probehalber lässt er eine Passage aus Strawinskys „Feuervogel“ laufen, die im zweiten Teil gespielt werden soll.

© Clint Lukas

„Kannst du 'n bisschen leiser machen?“, rufen die Studenten von unten, weil sie schon mit ihren Puppen zugange sind. Jochen, in seine Arbeit vertieft, kriegt es nicht mit. Erst als ein Techniker ihm einen Kopfhörer reicht, schaut er auf.

„Wie bist du zu dem Beruf gekommen?“, frag ich. „Wolltest du auch mal klassisches Theater machen, oder war von Anfang klar, dass du zum Puppenspiel willst?“
„Ich wollte überhaupt nie zum Puppenspiel“, sagt er. „Das ist so passiert. Ich komm aus einer kleinen Stadt im Erzgebirge. Der Rektor meines Gymnasiums war ’n alter Offizier. Schon bei der Wehrmacht gewesen. In der 9. Klasse haben wir Jungs von ihm einen Zettel gekriegt, da stand drauf: ‚Ich verpflichte mich für 3 Jahre, 10 Jahre, für die Offizierslaufbahn’. Und wir sollten dann ankreuzen. Als ich mich geweigert hab, bin ich geflogen. Weil ich nicht mehr tragbar für eine sozialistische Schule war.“

Der Technische Leiter unterbricht uns: „Du, Jochen, die Studenten wollen gern einen trockenen Durchlauf machen. Nur für die Gänge, ganz ohne Druck.“
„Gut!“, schreit Jochen fröhlich. „Dann los, ohne Druck. Los, los, los, los!“

Während alle auf ihre Startposition eilen, dreht er sich wieder zu mir: „Ich wollte damals trotzdem Abitur machen und studieren. Am liebsten was mit Chemie oder Bio. Nach meiner Maurerlehre hat mich dann aber ein Freund auf diesen Puppenspiel-Lehrgang in Ost-Berlin aufmerksam gemacht. Und irgendwie ist dann eins zum anderen gekommen. 1984 war ich als Puppenspieler schon selbstständig. Und das in der DDR.“

1984 war ich als Puppenspieler schon selbstständig. Und das in der DDR.

Gegen Mittag beginnen die mühsamen Stunden, in denen wir das Stück einleuchten. Während die Studenten an die 50 Szenen nachstellen, baut Jochen mit den Beleuchtern die passenden Stimmungen dafür. Ich mag den spöttischen Umgang, den alle miteinander pflegen. Offensichtlich arbeiten sie gut zusammen.

„Wie oft gehen die Puppen eigentlich kaputt“, frag ich.
„Andauernd. Immer is irgendwas. In der Hektik kloppen die die immer irgendwo gegen, weeßte. Naja...“

Ich hole Wasser, weil wir seit sechs Stunden nur Kaffee trinken. Jochen ist so vertieft, dass er es nur am Rande mitkriegt. Als wir am Ende der Stellprobe angelangt sind, tritt er vor die Studenten: „Na, prima. Also ihr spielt das dann nachher so einigermaßen...“
„Einigermaßen?“, fragen sie.
„Jaja, nach allen Regeln der Kunst. Und wenn jemand klatscht, machen wir schönes Licht. Und wenn nicht, naja...“ Ich höre die Techniker am Mischpult lachen, „...dann gehen wir eben direkt zu BLACK.“

Als wir für 20 Minuten Pause machen, will ich wissen, wie Jochens Tage aussehen, wenn keine Vorstellung ansteht.

„Im Moment ist viel Orga-Kram angesagt. Ich kümmere mich um die Räume, organisiere die Kurse für alle vier Jahrgänge. Und dann suche ich Stücke raus oder schreib welche.“

Sprechübungen, Singen, Tanzen, Puppenbau als Grundausbildung

„Wie sieht denn der Unterricht aus? Wie lernt man, Puppen zu spielen?“
„Na, erstmal kriegen die Studenten ’ne Grundausbildung, wie alle anderen Schauspieler auch. Sprechübungen, Singen, Tanzen. Nebenbei lernen sie den technischen Umgang mit den verschiedenen Puppenarten. Puppenbau gehört auch dazu. Und dann machen sie irgendwann ihre eigenen Projekte.“

„Und danach? Gibt es denn viele Anlaufstellen für Puppenspieler?“
„An den großen Häusern eher selten. Köln und Koblenz haben Puppenabteilungen. Und es gibt auch noch ein paar reine Puppentheater. In Chemnitz und Halle, zum Beispiel. Aber die meisten Studenten wollen tatsächlich ihr eigenes Ding machen.“

Es ist inzwischen halb sieben. Zum Aufwärmen soll die erste Szene nochmal richtig gespielt werden. Während die Studenten ihre Positionen beziehen, macht Jochen die Projektionen startbereit. Ich beobachte ihn während der Szene. Er wirkt konzentriert, aber nicht unzufrieden. Als die Studenten fertig sind, geht er nach vorn.

„Jakob“, sagt er, „sei bitte nicht ganz so besoffen. Das war zu viel. Maria! Wo ist Maria? Ach, da... Dein ‚Oh Gott’ muss richtig zu hören sein, das ist ein Stichwort für uns. Und Lili: Du hast da nach dem Schlag noch so lange rumgejammert. War das Absicht?“
„Ja, ich dachte, ich könnte das noch ein bisschen...“
„Alles klar. Nicht machen.“
„Okay.“
„Wie geht’s den Kranken?“, fragt er die Darstellerin, die fast nicht gekommen wäre.
„Ganz gut. Ich hör mich selbst nur so schlecht.“
„Dann spiel immer lauter, als du denkst. Hast du irgendwelche Tabletten genommen?“
„Ja, Ibuprofen.“
„Okay. Dann spiel auch schneller, als du denkst. Das Zeug verlangsamt total.“ Er wendet sich an die Gruppe: „Sonst noch was?“
„Haben wir ein Kissen?“, fragt der Marionettenspieler. „Ich brauch ein Kissen.“
„Ein Kissen!“ Jochen zwinkert mir zu. „Früher haben wir geprobt, bis die Knie schwarz waren und die Rippen gebrochen! Und dann wurde gesoffen und in der Frühe ging’s weiter. Und heute? ICH BRAUCH EIN KISSEN. Pah.“

Die Studenten lachen über die Ansprache, plaudern wild durcheinander.

Früher haben wir geprobt, bis die Knie schwarz waren und die Rippen gebrochen! Und dann wurde gesoffen und in der Frühe ging's weiter.

Ein paar Minuten später sind die Sitzreihen von Zuschauern besetzt. Das Stück gefällt mir ziemlich gut. Am meisten mag ich die Intermezzi des kissenlosen Marionettenspielers. Er hantiert mit drei handgroßen Puppen, die Jesus, Pilatus und den Hohepriester darstellen. Obwohl so klein, ziehen sie mich sofort in den Bann. Ein paar der anderen Szenen sind mir ein bisschen zu hektisch, aber das mag auch an Bulgakow liegen. Insgesamt geht es mir mit den Puppen, wie mit dem 3D-Effekt im Kino: Ich vergesse ihre Besonderheit, weil ich in die Geschichte vertieft bin. Keine Ahnung, ob das am Schauspiel oder der Inszenierung liegt. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen.

„Man wird doch als Puppenspieler bestimmt oft gefragt, ob das nicht nur was für Kinder ist“, habe ich Jochen irgendwann zwischendurch gefragt.
„Ja, klar“, war seine Antwort. „Aber da kann man eigentlich nur sagen: ‚Kiekt es euch halt mal an.’ Und wir können gegen dieses Vorurteil ankämpfen, indem wir gute Sachen machen. Das ist ja auch Ziel dieses Lehrgangs. Nicht einfach irgendwas hinzurotzen. Sondern Kunst mit Niveau zu schaffen.“

Ich würde sagen, dieses Ziel haben Jochen und seine Studenten an diesem Abend erreicht.

© Clint Lukas
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